Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme (Ursula Priess)

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9 Kommentare zu „Sturz durch alle Spiegel. Eine Bestandsaufnahme (Ursula Priess)“

  1. Ansgar sagt:

    Das Bild des Vaters
    Achtzehn Jahre nach dem Tod ihres Vaters Max Frisch veröffentlicht die Tochter Ursula Priess eine “Bestandsaufnahme” des Verhältnisses zu ihrem Vater. Thema ist das problematische Verhältnis zu dem Schriftsteller und Dramatiker.

    Auslöser dieser Erinnerungen ist eine “Verstrickung”, eine nicht zustande gekommene Liebesbeziehung mit einem Mann, der seinerzeit mit Ingeborg Bachmann eng befreundet war. Und bekanntlich war Ingeborg Bachmann wiederum mit Max Frisch eng befreundet, hat mit ihm zusammengelebt - s. auch “Montauk”.

    Dieser Montauk-Text des Vaters scheint der Tochter als Vorlage für ihre “Bestandsaufnahme”, der Schilderung dieses Vater-Tochter-Verhältnisses, zu dienen. Zu sehr ähnelt ihr Text stilistisch wie sprachlich dem des Vaters.

    Was also hatte die Tochter “mit dem Mann zu tun - nur weil er zufällig mein Erzeuger ist”? Oder der Vater mit ihr? Er, der sich Kinder “eigentlich nicht gewünscht hat”, hat dann das Kind doch akzeptiert und konstatiert: “die schlichte Nachricht, dass ein Kind gezeugt worden ist, hat mich gefreut: der Frau zuliebe” - eine fatale Einschränkung.

    Gewusst haben beide voneinander nie viel. Es war ein äußerst prekäres Verhältnis. Was wohl nicht zuletzt an Max Frisch lag, dessen rigorose und schonungslose “Benutzung” der Menschen um ihn herum als literarischen “Steinbruch” nicht nur irritierte, sondern verletzte.

    Das Leben mit dem Schriftstellers Max Frisch ist jetzt Thema des Buches der Tochter Ursula. Sie schreibt über seine Macht, seine intellektuelle Gewalt und seine emotionale Kälte. Es gibt aber auch bewegende Briefe des Vaters an die Tochter, wenn auch sub specie aeternitatis geschrieben. Gleichzeitig ist es ein Buch auf der Suche nach dem Vater. Es ist ein “Sturz durch alle Spiegel”. Erst nach diesem Sturz durch alle Spiegel, durch Enttäuschungen und Verletzungen findet die Autorin, die Tochter zu einem neuen Bild des Vaters.

    Ursula Priess erzählt nüchtern von den Verstrickungen, die sich in der Liebesgeschichte in Venedig manifestieren. Denn der Vater auch hier allgegenwärtig. Sie weiß aber auch zärtlich und vor allem einfühlsam von ihm zu schreiben. Am Ende ist es ein ganz sanftes, ein liebesvolles Abschiednehmen vom sterbenden Vater.

    Und es ist ein Buch über Ursula Priess, die gelernt hat, sich von diesem Vaterbild zu befreien und ihm trotzdem sehr verbunden zu sein. Nicht zuletzt dadurch: “Nun endlich traue ich mich selber an die Öffentlichkeit, ich gebe dem Vater das Bild, das er von mir hatte, gleichsam zurück, und zwar mit seinen Mitteln - das ist der kecke Ansatz meines Buches”. Nein, das ist nicht “keck”, das ist berührend und sehr einfühlsam. Und: Es ist ein literarisches Ereignis, ein Zeugnis großen Könnens und weist Ursula Priess als eine beachtliche Schriftstellerin aus.

  2. Liane sagt:

    Reflexionen einer nachdenklichen Tochter
    Als Tochter eines berühmten Mannes zu leben kann zur Last werden und zu einer Bürde, insbesondere, wenn der Vater ein sehr schwieriger Mann ist!

    Ursula Priess ist den gemeinsamen Spuren ihres Vaters und ihres eigenen Weges gefolgt.

    Ihre Aufzeichnungen wurden zu einer intensiven Auseinandersetzung, die voller Widersprüche, Ängste und Vergeblichkeiten steckt.

    Sie ist die Tochter von Max Frisch, einem der bekanntesten Nachkriegsautoren der Schweiz, aus dessen Feder so bedeutende Titel wie “Mein Name sei Gantenbein” oder

    “Stiller” stammen. Er bemühte darin wechselnde Identitäten, vielleicht als Teil seines eigenen Beziehungsunvermögens. Später schrieb er politische Theaterstücke, als bekannteste seien hier die Stücke “Biedermann und die Brandstifter” und “Andorra” genannt.

    Warum beziehe ich mich auf diese Titel?

    Sie zeigen einen hoch begabten jedoch von unglaublicher Unruhe gezeichneten Mann, dessen Frauenbeziehungen häufig wechselten. Mit einem solchen Vater verbunden zu sein, mag erhebliche Irritationen auslösen. Und darum geht es in diesen Reflexionen über eine Vater-Tochterbeziehung.

    In assoziativer Manier wechseln die Schauplätze und Bilder, in denen sich Ursula Priess ergeht. Die Diktion wechselt vom “Ich” zum verfremdenden “sie”.

    Ursula Priess lernt einen Mann kennen, in den sie sich verliebt, und mit dem sie sich in Venedig trifft. Wie sich herausstellt, hat er ihren Vater gekannt. Sie kommen erst allmählich auf diesen Tatbestand, und ihre Beziehung beginnt kompliziert zu werden.

    Hat es einst eine Rivalität um Ingeborg Bachmann zwischen diesem Mann und Max Frisch gegeben?

    So wie ihr Vater das Tagebuch als literarische Form bevorzugte, ähnelt die Bestandsaufnahme von Ursula Priess einer Tagebuchaufzeichnung.

    Man kann an den mit Daten versehenen Kapiteln ablesen, zu welcher Zeit sie sich wo aufgehalten hat. Rom und Zürich, Locarno und der Luganer See waren Stationen, an denen sie Erinnerungen an den Vater überkommen. Fassbar ist sein Charakter nicht, und eine Beziehung im väterlichen Sinne konnte nicht entstehen. Zu selbstbezogen scheint der Vater gewesen zu sein, als dass sein Einfluss nachhaltig positiv gewesen wäre. Die Eltern lebten in Spannung. Als Kind reagiert die Tochter mit Gefühlen des Missbehagens auf die unausgesprochenen, dumpfen Bedrückungen. Eine stille Bewunderung ist jedoch beim Lesen der Aufzeichnungen zu spüren, zugleich auch immer wieder Distanz und Fremdheitsgefühle.

    Die Assoziationen gleichen vorüber ziehenden Impressionen eines Lebens, in der Ursula Priess den Vater zu fassen trachtet, ängstlich, nervös, überwältigend und suchend. Ihr Erzählstil ist gleichzeitig verschleiernd und aufdeckend, Spuren suchend und verwerfend, sich mühsam annähernd.

    Es bleibt eine stete Angst, den Vater durch in seinen Augen ungebührliches Verhalten zu verlieren. Das falsche Wort zur falschen Zeit,–es könnte die Beziehung zerstören! Liebt sie ihn also doch mehr, als sie sich das eingestehen wollte in all den Jahren?

    Vorsichtig erfahrene Nähe zeigt sich erst kurz vor seinem Tod, als die Tochter sichtlich erschüttert den Vater in Schwäche und Verfall erlebt.

    Durch die Erinnerungen der Tochter ziehen sich die Frauengeschichten des Vaters, der, einmal getrennt, nie wieder von der Mutter der Autorin etwas wissen will. Eifersucht und Enttäuschungen markieren die Stationen, die er mit den jeweiligen Geliebten teilt.

    Mit Erschütterung liest man, wie Vater und Tochter einander umkreisen, sich bemühen, in archaischen Widersprüchen ersticken, Glück und Unglück erfahren, und der Vater sogar von Schuld spricht, die in einem Leben unausweichlich neben dem Glück erscheint.

    Die Autorin, die als Heilpädagogin gearbeitet hat, lebt im Norden Deutschlands. Sie steht dem Vater in nichts nach mit ihren Aufzeichnungen. Sie zeigt sich als sensible, wache und wunderbar formulierende eigenständige Dichterin, die in gesetzten Worten treffend und plausible ihre innere und äußere Spurensuche nach dem Vater beginnt und vollendet.

  3. Arndell sagt:

    Reflektierende Bestandesaufnahme zum Vater…
    Die Bekanntheit des eigenen Vaters als Rückenwind für die eigene Buch-Veröffentlichung zu nutzen ist das Eine, inwiefern mit dem zunehmenden Alter vieler Menschen,die zu schreiben beabsichtigen, die ein Zeichen als Autor/in setzen wollen,das Andere.

    Ursula Priess erzählt im wahrsten Sinne des Wortes eine Bestandaufnahme mit ihrem neuen Buch gesetzt, wo die eigene Beziehung und deren Untersuchung zum (bekannten) Vater im Mittelpunkt steht. Wie eine Art Betrachtungen, Notizen, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen kommen die Texte auf einen zu, jeweils mit Datum und jeweiligen Ort (um die ganze Welt!) , wo das Geschriebene festgehalten wurde.

    Die Autorin erzählt aus zweierlei Erzählperspektiven- nämlich zum Einen aus der Ich-Perspektive und einmal aus der Sie Perspektive, in der ein Mann im Gespräch eingebunden wird, den sie kennenlernt und wohl Vater und auch Ingeborg Bachmann gekannt haben soll.

    Das Kinder aus dem Schatten bekannter Künstler heraustreten wollen und was es bedeutet in deren Schatten zu stehen ist das Eine. Dass wir mit dem Tod des Vaters (oder auch den Eltern) das Leben, die Erinnerungen, Empfindungen und Lebensmomente mit diesen uns so nahestehenden Menschen reflektieren wollen das Andere. Was ist das eigentlich, dass wir uns für gegangene Menschen reflektierend beschäftigen und was hat das Alles mit uns zu tun? Und was berühren diesen Menschen (Eltern, Mütter, Väter) dass wir uns schreibend mit ihnen ja vielleicht eine Art Annäherung, könnte man fast sagen mit uns selbst versuchen?

    Sicherlich für Frisch-Liebhaber eine interessante Nahaufnahme, um ein wenig in den Blick in das Persönliche und Private Leben dieses Autors zu werfen, dass es einem fast schon ein wenig intim anmutet.

    Man kann dieser Autorin nur wünschen, was sie nämlich selbst schreibt: (161)

    “Und lass die Erscheinung Fräulein Frisch zu Hause, komme als Ursula wieder-”

    Tja, was sind diese Menschen eigentlich, wenn sie ganz aus dem Schatten einer bekannten Künstler-Persönlichkeit heraustreten und ganz damit beginnen sich selbst zu sein. Wir können uns wohl wenig in solch eine Position hineinversetzen, doch hat Ursula Priess ein Stück weit für einen Akzent gesetzt, in dem sie einen solchen ersten Schritt tut. Ich habe dieses Buch gerne gelesen. (wenn auch anfangs nicht, sondern erst ab S.78)

    Dieses Buch macht Mut, uns unserem eigenen Vater zu stellen und sich vielleicht ein wenig Zeit zu nehmen für unsere Väter, tod oder lebendig,die wie ich meine viel zu wenig im Beziehungssystem Familie anerkennend gewürdigt werden. Mit oder ohne Bekanntheit, was spielt das noch für eine Rolle…wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, spüren wir, dass wir unseren Vater geliebt haben oder noch lieben….

  4. Marinus sagt:

    DONNERWETTER! DA GEHT WAS AB!
    Der Klappentext (auch unter der Bezeichnung Waschzettel bekannt) dieses Buches “spült” viel “Wahrhaftiges” zu Tage, z.B. “Ein wahrhaftiges Tochter-Vater-Buch”. Aber da ist mehr, viel mehr, schon auf Seite 5 (ist nicht nummeriert) steht: (…) Daher mag ich mir zwar zuweilen widersprechen, aber der Wahrheit (…) widerspreche ich nie.

    Dann, auf der nummerierten Seite 9 stirbt ein Hirsch in den slowenischen Wäldern, auf Seite 10 ist Aussicht aus Venedig auf Istanbul. Nu, da sind Sie ja! steht auf Seite 11 … spannend, gute Sprache.

    Seite 21 jemand schreibt über das ZurWeltKommen: Mit Erde unter den Fingernägeln. Auf 31 geht’s dringend zurück nach Zürich, Granatsplitter vom Krieg gibt’s auf Seite 51, und dann wie wahr und hübsch erklärt auf Seite 81: Mit den bergigen Verhältnissen müssten die Menschen, um leben zu können (…).

    Auf Seite 141 wird EIFERSUCHT genannt aber auch ein verschmitztes Lächeln gezeigt. Und ganz zum Schluss, auf Seite 169 steht ganz einfach …

    U.P. im November 2008

  5. Curt sagt:

    Das Problem mit der öffentlichen Person
    Achtzehn Jahre nach dem Tod des Schweizer Autors Max Frisch setzt sich seine Tochter Ursula öffentlich mit ihrer komplexen Vater / Tochter-Geschichte auseinander.

    Ausgangspunkt ihrer Gedankenreise in die Vergangenheit ist ein im doppelten Sinn bezeichnendes Erlebnis; nicht zum ersten Mal wird sie von einem Mann auf die Rolle der Tochter Frischs konzentriert. Doch dieser Mann scheint auch im Leben des Vaters eine besondere Rolle gespielt zu haben als derjenige, der wie ein dunkler Schatten über Frischs Beziehung zu Ingeborg Bachmann schwebte und damit der Ausgangspunkt gewesen sein könnte für all die Eifersuchtsdramen, der der Leser aus “Mein Name sei Gantenbein” kennt.

    Vorsichtig nähert sich Ursula Priess dem Vater, einkreisend, umschreibend, sachte herantastend. Der Stil ihrer Erzählung erinnert stark an Werke Frischs, vor allem an “Montauk”, und hält diesem Vergleich in allen Belangen stand. Immer wieder wechselt sie die Perspektive vom “ich” zum “sie” und unterstreicht damit die Befangenheit, die sie umgibt, wenn sie sich seiner - und damit auch ihrer eigenen - Vergangenheit nähert, eine Vergangenheit, die immer auch das Ergebnis von bewusster Inszenierung war und der Rolle des Vaters als öffentlicher Person geschuldet ist: Frisch hat sein Leben in Literatur verwandelt und dabei vor der Tochter nicht Halt gemacht. Das wirkt nach. Bis heute.

    Entstanden ist das facettenreiche Bild einer komplexen Beziehung. Und das ehrliche, intime Bild einer großen gegenseitigen Liebe, die immer wieder an der Sprachlosigkeit beider leidet, die tiefe Verletzungen und dauerhafte Narben hinterlassen hat.

    Erst ganz am Ende können sich Vater und Tochter wirklich nah sein - fast wäre es zu spät gewesen.

    Ein großes kleines Buch über Liebe, Offenheit, Ehrlichkeit, das nicht nur für Frisch-Leser interessant ist.

    Für mich die Lese-Entdeckung dieses Frühsommers

  6. Cathy sagt:

    Interessante Themenstellung - schwermütig erzählt
    Als Tochter eines sehr bekannten Schriftstellers aufzuwachsen und aus dessen Schatten herauszutreten, eine Thematik, die mich interessiert hat.

    Die Autorin erzählt zeitweise unverhüllt, dann aber auch wieder sehr diskret, ohne allzu viele Details preiszugeben, verschiedene Episoden aus dem (Zusammen-)leben mit ihrem dominanten und auch schwierigen Vater, dessen Liebe und Anerkennung sie sich immer wieder auf’s neue zu erkämpfen versucht. Ein paar Mal gelingt es ihr, die Aufmerksamkeit des Vaters auf sich zu lenken, oftmals bleiben ihre Erwartungen jedoch enttäuscht. Als Leser verspürt man viel Reue über verpasste Chancen, über Nichtgesagtes oder -getanes bis zum Ende des Buches. Beim Umblättern der letzten Seite bleibt ein schwermütiges Seufzen.

    Sprachlich war das Buch für mich durchaus ansprechend, wenn auch ein paar holprige Formulierungen und Wiederholungen nicht auszuschliessen sind.

  7. Sandrine sagt:

    ernsthafte Reflexion
    Eine Tochter schreibt über ihren verstorbenen Vater. Von dieser Sorte gibt es jede Menge Bücher. Diesmal ist der Vater ein berühmter Dichter: Max Frisch und die Tochter hat längst bewiesen, dass sie eine eigenständige und unabhängige Person ist. Nur so kann es gehen. Und es funktioniert. Tagebuchartig, an den unterschiedlichsten Orten geschrieben, sogar mit wechselnder Perspektive (ich/sie) nähert sich die Tochter ihren schwierigen, selbstbezogenen Vater und seinen Beziehungen zu den Frauen an. Oft empfindet sie ihn als Fremden, dann wieder bewundert sie ihn.

    Es ist allemal spannend, dieses tastende Suchen nachzuvollziehen, und dass die Ergebnisse nicht immer eindeutig sind, überzeugt umso mehr.

  8. Anna sagt:

    Fräulein Frisch geht; Frau Ursula Priess kommt: Hallo Max!
    Der Klappentext (auch unter der Bezeichnung Waschzettel bekannt) dieses Buches “spült” viel “Wahrhaftiges” zu Tage, z.B. “Ein wahrhaftiges Tochter-Vater-Buch”. Aber da ist mehr, viel mehr, schon auf Seite 5 (ist nicht nummeriert) steht: (…) Daher mag ich mir zwar zuweilen widersprechen, aber der Wahrheit (…) widerspreche ich nie.

    Dann, auf der nummerierten Seite 9 stirbt ein Hirsch in den slowenischen Wäldern, auf Seite 10 ist Aussicht aus Venedig auf Istanbul. Nu, da sind Sie ja! steht auf Seite 11 … spannend, gute Sprache.

    Seite 21 jemand schreibt über das ZurWeltKommen: Mit Erde unter den Fingernägeln. Auf 31 geht’s dringend zurück nach Zürich, Granatsplitter vom Krieg gibt’s auf Seite 51, und dann wie wahr und hübsch erklärt auf Seite 81: Mit den bergigen Verhältnissen müssten die Menschen, um leben zu können (…).

    Auf Seite 141 wird EIFERSUCHT genannt aber auch ein verschmitztes Lächeln gezeigt. Und ganz zum Schluss, auf Seite 169 steht ganz einfach …

    U.P. im November 2008

  9. gabi sagt:

    Reflektierende Bestandesaufnahme zum Vater…
    Die Bekanntheit des eigenen Vaters als Rückenwind für die eigene Buch-Veröffentlichung zu nutzen ist das Eine, inwiefern mit dem zunehmenden Alter vieler Menschen,die zu schreiben beabsichtigen, die ein Zeichen als Autor/in setzen wollen,das Andere.

    Ursula Priess erzählt im wahrsten Sinne des Wortes eine Bestandaufnahme mit ihrem neuen Buch gesetzt, wo die eigene Beziehung und deren Untersuchung zum (bekannten) Vater im Mittelpunkt steht. Wie eine Art Betrachtungen, Notizen, Briefe, Tagebuchaufzeichnungen kommen die Texte auf einen zu, jeweils mit Datum und jeweiligen Ort (um die ganze Welt!) , wo das Geschriebene festgehalten wurde.

    Die Autorin erzählt aus zweierlei Erzählperspektiven- nämlich zum Einen aus der Ich-Perspektive und einmal aus der Sie Perspektive, in der ein Mann im Gespräch eingebunden wird, den sie kennenlernt und wohl Vater und auch Ingeborg Bachmann gekannt haben soll.

    Das Kinder aus dem Schatten bekannter Künstler heraustreten wollen und was es bedeutet in deren Schatten zu stehen ist das Eine. Dass wir mit dem Tod des Vaters (oder auch den Eltern) das Leben, die Erinnerungen, Empfindungen und Lebensmomente mit diesen uns so nahestehenden Menschen reflektieren wollen das Andere. Was ist das eigentlich, dass wir uns für gegangene Menschen reflektierend beschäftigen und was hat das Alles mit uns zu tun? Und was berühren diesen Menschen (Eltern, Mütter, Väter) dass wir uns schreibend mit ihnen ja vielleicht eine Art Annäherung, könnte man fast sagen mit uns selbst versuchen?

    Sicherlich für Frisch-Liebhaber eine interessante Nahaufnahme, um ein wenig in den Blick in das Persönliche und Private Leben dieses Autors zu werfen, dass es einem fast schon ein wenig intim anmutet.

    Man kann dieser Autorin nur wünschen, was sie nämlich selbst schreibt: (161)

    “Und lass die Erscheinung Fräulein Frisch zu Hause, komme als Ursula wieder-”

    Tja, was sind diese Menschen eigentlich, wenn sie ganz aus dem Schatten einer bekannten Künstler-Persönlichkeit heraustreten und ganz damit beginnen sich selbst zu sein. Wir können uns wohl wenig in solch eine Position hineinversetzen, doch hat Ursula Priess ein Stück weit für einen Akzent gesetzt, in dem sie einen solchen ersten Schritt tut. Ich habe dieses Buch gerne gelesen. (wenn auch anfangs nicht, sondern erst ab S.78)

    Dieses Buch macht Mut, uns unserem eigenen Vater zu stellen und sich vielleicht ein wenig Zeit zu nehmen für unsere Väter, tod oder lebendig,die wie ich meine viel zu wenig im Beziehungssystem Familie anerkennend gewürdigt werden. Mit oder ohne Bekanntheit, was spielt das noch für eine Rolle…wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, spüren wir, dass wir unseren Vater geliebt haben oder noch lieben….

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