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20 Kommentare zu „Letzte Nacht in Twisted River (John Irving)“
wundervoll!!!! Ein toller John Irving! Die Essenz von allem, was wir an ihm lieben und doch noch einmal weiterentwickelt. Das Hotel New Hamphire in Erwachsen. In einem Rutsch durchgelesen, die letzte Seite herausgezögert. Ein absolut hinreißendes Buch für alle.
Warum sollte es ausgerechnet diesmal anders sein? Unmittelbar vor der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises im Oktober wird garantiert wieder eine Liste mit den üblichen Verdächtigen die Runde machen, die Liste der Favoriten: Thomas Pynchon, Joyce Carol Oates, Philip Roth, Don De Lillo - allesamt Größen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Man stelle sich bloß vor, plötzlich würde der Name John Irving auf dieser Liste auftauchen. John Irving? Literatur-Nobelpreis?
Wer wie Irving keine Geschichten erzählt, die keine Botschaft transportieren, sondern vordergründig von dem Anspruch getrieben sind, die Leser zu unterhalten, der wird sich auf der Liste der potenziellen Nobelpreisträger niemals wiederfinden.
Irving selbst scheint das nicht weiter zu stören; er lässt allerdings keine Gelegenheit aus, ob in Interviews oder in seinen Büchern, der Welt mitzuteilen, was er von zu viel intellektuellem Gehabe in der Schriftstellerei hält. “Was heißt das denn schon, ein intellektueller Autor zu sein?”, fragt Irving provokativ und gibt damit auch gleich eine Antwort. Irving hat seine sehr persönliche Idee vom Schreiben entwickelt, er will einfach “nur” gute Geschichten erzählen; das und nichts anderes ist seine Motivation.
Dabei sind seine Geschichten nicht trivial. Und der Anspruch, den er selbst an sie stellt, ist enorm hoch. Irvings Vorbild ist Charles Dickens. Dessen Erbe hat er längst angetreten.
Seinem hohen Anspruch wird Irving, dessen letzte Bücher nicht mehr ganz zu überzeugen wussten, in seinem neuen Roman “Letzte Nacht in Twisted River” endlich wieder vollauf gerecht. In der Tradition seiner Meisterwerke “Gottes Werk und Teufels Beitrag” (1985) und “Owen Meany” (1989) verwebt Irving alles, “was wir an seinen Büchern lieben, zu etwas völlig Neuem (Los Angeles Times). Und plötzlich sind auch wieder die Bären los… Zumindest einer.
ÜBER DAS BUCH:
Es ist das Jahr 1954: In einem Flößer- und Holzfällercamp in den Wäldern von New Hampshire verwechselt der 12-jährige Danny im Dunkeln die Geliebte des Dorfpolizisten mit einem Bären. Es fällt kein Schuss, doch die Folgen sind trotzdem tödlich. Der Junge muss mit seinem Vater Dominic, dem Koch des Camps, fliehen - zuerst nach Boston und von dort weiter nach Vermont und Iowa und schließlich nach Kanada, verfolgt von einem Rächer, der auch nach Jahrzehnten nicht vergisst.
Wer Irvings Werk kennt, dem wird nicht nur der Bär bekannt vorkommen. Es gibt viele weitere Bezüge zu früheren Irving-Büchern: Ein Hund, der mit seinem üblen Gestank die Umwelt verpestet, eine amputierte Hand, ein erotisches Zwischenspiel in einem Pkw mit fatalen Folgen, der Vietnamkrieg, eine körperbetonte Sportart (natürlich das Ringen), eine sexuelle Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann - die Liste ließe sich fortsetzen.
RESUME:
Ein bisschen ist dieses Irving-Buch ein “Best of” seiner bisherigen Romane, was aber keineswegs zu dem Schluss verleiten sollte, Irving mangele es an frischen Ideen. Das Beste, was einem in diesem Buch, das jetzt schon ein Irving-Klassiker ist, begegnet, sind aber die altbekannten Schauplätze, jene Irving-Territorien, die einem inzwischen fast ans Herz gewachsen sind: Maine, New Hampshire, Vermont. Irving-Romane, die hier spielen, haben immer das besondere Etwas. Wenn Irving hier verweilt, fühlt sich der Leser in der Geschichte zu Hause.
Am Ende, wenn man die letzte Seite gelesen und das Buch zugeschlagen hat, fragt man sich wie immer, wie Irving auf all diese Ideen kommt, was es ist, das seine Fantasie so sehr befeuert? Es muss die pure Lust sein am Geschichten-Erzählen. Wenn es dafür einen Nobelpreis gäbe, ginge an John Irving kein Weg vorbei.
Die unvermeidlichen Schlammperioden des Lebens und immer wieder Do-si-do Fantasievoll, bizarr, detailverliebt- und genau, dennoch märchenhaft, Nebenschauplätze ausmalend und nichts Abwegiges auslassend: unberechenbare Bären (bevorzugt aufgebundene), ernstzunehmende Natur (meist in Form von Kälte, Schnee, New Hampshire und ähnliche Gegenden eben), Ringer (diesmal nur am Range, zum Glück), Tätowierungen (ebenfalls nur am Rande), Väter, (besonders einer, Cookie), skurille Typen (Lady Sky, Sixpack, Indianer-Jane und vor allem der unvergleichliche Ketchum), furzende und andere Hunde, selbstbewusste Putzfrauen (überhaupt Frauen, die kommen und gehen und manchmal groß und fast immer übergewichtig sind, bis auf zwei, die sehr gut wissen, wie man Schmerzen bereitet) und unwahrscheinliche Lebensläufe, durch die ein unversöhnlicher Sheriff geistert - Irving ist wieder da (auf über 700 Seiten) und lässt keine Langeweile aufkommen. Darüber hinaus erfährt der eifrige Leser viel über die Holzfäller- und Flößerei einer vergangenen Zeit und wird mit einer Unmenge von Essen konfrontiert. Dieses Buch macht durchaus auch Appetit auf leibliche Genüsse (aller Art) und weckt den Wunsch nach einem Baciagalupo-Kochbuch.
Sein großes Thema, das Kaleidoskop seiner Erzählungen mit einem roten Faden versehend, ist auch dieses Mal das Suchen, Finden, Verlieren, die Flüchtigkeit des Glücks und dass nichts so bleibt, wie es ist (was manchmal gut ist, manchmal auch nicht). Vielleicht (ich kenne einige, die “ganz sicher nicht” sagen werden) schreibt er keine “Große Literatur”, aber wunderbare, witzige Geschichten, die (vordergründig witzig und unterhaltsam), immer auch von tiefer Melancholie und Fatalismus geprägt sind, von Ängsten sowieso. Gewidmet hat er dieses Buch seinem Sohn Everett (oder einem, nachdem er seinen Sohn genannt hat), und um Söhne geht es auch in dieser Geschichte, die die eines Vaters, eines Sohnes, eines weiteren Sohnes und einer ernstzunehmenden Vaterfigur ist. Wir begleiten die Baciagalupos (nebenbei auch die Geschichte von Einwanderern in der soundsovielten Generation in die Staaten, aber das sind in der USA ja fast alle) von 1954 bis nahezu in die Gegenwart. Das Leben von Dominic und Daniel Baciagalupo ist geprägt von Flucht und Küchen und im Falle von Daniel (dem Sohn des Kochs) auch vom Schreiben und vom Geschichtenerzählen, was zur Folge hat, dass Irving ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert. Denn Daniel (Danny) wird, allen Widrigkeiten zum Trotz (oder gerade deswegen), ein Schriftsteller, ein Bestsellerautor. Soviel sei verraten, aber nicht, warum die beiden Jahrzehnte auf der Flucht sind. Beneidenswert, wer diese Geschichte noch vor sich hat. Auch mit dem kollektiven Trauma der Amerikaner der Gegenwart, 9/11, beschäftigen sich Irvings Figuren (besonders eine), was zur Folge hat, dass mit der Bush-Ära (wenn man die so groß aufhängen will) gnadenlos abgerechnet wird. Ketchum mit seinem zwar bescheidenen, aber nichts desto trotz eindrucksvollen Reservoir an Flüchen und Schimpfwörtern hat eine gnadenlose Einstellung zu strunzdummen (Ketchum) Patrioten im Allgemeinen und zum unfähigen Präsidenten im Besonderen. Der endgültige Niedergang Amerikas ist für ihn beschlossene Sache. Ach Ketchum, bis zum Schluss bangen wir mit Danny, dass sich der alte Holzfäller und nur sich selbst gehorchende Freigeist (nur Ketchum kann Ketchum töten) doch nicht seine linke Hand abhacken wird, eine Versuchung, die ihn schon lange (seit Danny denken kann) heimsucht. Auch das ist eine Geschichte in der Vielzahl von tolldreisten Geschichten in “Letzte Nacht in Twisted River”, die Irving zur rechten Zeit zu Ende erzählen wird. Dieses Buch liest sich wie ein Kompendium früherer Irvinggeschichten und ist doch frisch und neu. Irvings Fantasie ist kraftvoll wie eh und je - und zum Glück kann er sie zu Papier bringen. Wagt man “Twisted River” in einem Satz zusammenzufassen, dann vielleicht am besten mit einem des Kochs: “Halt die Stellung - aber bleib am Leben.” (Leider (und zum Glück) ist das nicht jedem vergönnt.)
Mehr Irving als in seinen anderen Romanen… und dann doch nicht John Irvings Romane haben sich schon immer auf wunderbare Weise der Möglichkeit einer bloßen Zusammenfassung des Inhaltes entzogen. Alle seine Romane zeichnen sich durch eine derartige Liebe zu den charakterlichen Details seiner Protagonisten aus, dass man als Leser mitunter den Eindruck bekommt, er erzähle gar keine Geschichten, sondern berichte einfach von Menschen, die ihm am Herzen liegen; und die Story ergibt sich daraus von ganz allein.
Die für eine Zusammenfassung erforderliche Einfachheit widerspricht dabei der für die Handlung bedeutsamen Komplexität der Charaktere.
Die besten Romane von Irving sind für mich jene, bei denen selbst das Wiedergeben des bloßen Handlungsrahmens schier unmöglich erscheint, weil die Geschichten so episch, so liebevoll verflochten sind, dass man sich als Rezensent scheut irgendetwas wegzulassen. Das ist für mich der Fall bei Romanen wie ‘Garp und wie er die Welt sah’, ‘Owen Meany’ oder ‘Gottes Werk und Teufels Beitrag’.
In diese Kategorie gehört ‘Letzte Nacht in Twisted River’ nicht.
Die bloße Storyline ließe sich ohne Probleme auf einer halben DIN A4-Seite zusammenfassen. Würde man das als Rezensent tun, hätte man Irving allerdings schon ordentlich ins Handwerk gepfuscht. Das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen und Handlungssträngen treibt Irving diesmal so sehr auf die Spitze, dass man sich nicht ganz des Eindruckes erwehren kann, er fröne einer gewissen Selbstverliebtheit in die eigenen kreativen Möglichkeiten. Aber irgendwie kann man ihm da auch gar nicht böse sein, denn er setzt seine erzählerischen Mittel so meisterlich ein, dass es ein Frevel wäre, hier eine chronologische Darstellung der Ereignisse wiederzugeben.
Irvings Erzählkunst besteht auch darin, die skurrilsten Ereignisse völlig real erscheinen zu lassen und auch die schrägsten Charaktere so natürlich zu porträtieren, dass man als Leser den Eindruck hat, jeden Moment könnten Dominic Baciogalupo, Lady Sky oder Ketchum um die Ecke biegen.
Der Leser erhält die Möglichkeit, sich in die Gedankenwelt der Protagonisten hinzuversetzen und deren Denkweisen nachzuvollziehen. Auf diese Weise versteht es Irving immer wieder aus verschiedenen Perspektiven einen Blick auf die amerikanische Gesellschaft zu werfen und über Moral zu schreiben, ohne jemals moralisierend zu wirken. So finden sich auch in diesen Roman wieder viele seiner politischen Lieblingsmotive:
Prüderie und Sexuelle Revolution in Amerika, der Vietnamkrieg und dessen Auswirkungen, Abtreibung, Waffengesetze und…neu…einige Anmerkungen zum Amerika nach dem 11. September 2001.
Dazu weitere bekannte Motive wie Bären, der Umgang mit dem Verlust geliebter Menschen, Ringen (diesmal nur am Rande), die Verantwortung von Vätern gegenüber ihren Söhne (und umgekehrt), starke Frauen (in jeder Hinsicht), das Aufwachsen in Neuengland, lebenslange Freundschaften und ein Schriftsteller als eine der Hauptfiguren.
Hinzu kommen diesmal u.a. noch ausführliche Schilderungen gastronomischer Vielfalt (Kochrezepte inklusive) und kenntnisreiche Beschreibungen der Holzindustrie in Amerikas Norden im Wandel der Zeit.
Mit anderen Worten: ein typischer Irving voller phantasievoller Ideen, zahlreicher Wendungen und grandioser Beobachtungsgabe. Und als solcher hat der Roman einfach eine 5 Sterne-Bewertung verdient, auch wenn er gegenüber anderen Romanen von Irving etwas abfällt.
Bei John Irving ist schon immer viel über das Verhältnis von Fiktion zu Autobiographie geredet worden. Über eben dieses Verhältnis erfährt der Leser in ‘Letzte Nacht in Twisted River’ mehr als in jedem anderen Roman von Irving.
Und auch über den Prozess des Schreibens weiß Danny Angel mehr zu berichten als so mancher Professor in einer Literaturvorlesung… faszinierend.
Wer sich beim Lesen des Romans fragt, wieviel John Irving in Danny Angel steckt, dem sei das in den Kommentaren verlinkte kurzes Autorenporträt empfohlen.
Man ist erstaunt wie viele Parallelen es gibt… und wie vieles man für real gehalten hätte, obwohl es offensichtlich Fiktion ist…
Allegorie auf die ewige Gültigkeit der Literatur Ein Koch mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Baciagalupo und sein Sohn Daniel leben in den Fünfzigerjahren in einer einsamen Gegend in New Hampshire. Zu diesem Setting kommt noch der trinkfeste Holzfäller Ketchum, meine persönliche Lieblingsfigur. Nachdem Daniel in einer mehr als unglücklichen Reaktion die Geliebte seiners Vaters erschlagen hat, fliehen Vater und Sohn vor der Polizei. Es ist diese Flucht, die den wahren Kern der Handlung ausmacht, denn in ihrem Verlauf entwickelt sich Daniel zum Schriftsteller.
In gewohnt fesselnder Manier breitet John Irving in “Last Night in Twisted River” die Geschichte der drei Freunde Baciagalupo, Daniel und Ketchum aus, die bis in unsere Gegenwart führt und mit einer schönen Volte am Schluss aufwartet: Der lange verzweifelt gesuchte und endlich glücklich gefundene erste Satz von Daniels Roman ist auch der erste Satz dieses Buches.
Welch gelungene Allegorie auf die ewige Gültigkeit der Literatur!
Für alle Freunde John Irvings ein wichtiges Buch Eines Tages hört der zwölfjährige Danny aus dem Schlafzimmer seines Vaters ganz außergewöhnliche und seltsame Geräusche. Für den Jungen gibt es dafür nur eine Erklärung. Sein Vater, Dominic Baciagalupo wird gerade von einem Bären angegriffen.
Kurz entschlossen packt Danny eine gußeiserne Bratpfanne und geht damit auf das haarige Wesen los, das direkt auf seinem Vater liegt und ihn regelrecht unter sich begraben hat. In dem Moment, als er mit voller Wucht die Bratpfanne herabsausen lässt und zuschlägt, merkt Danny, dass es sich gar nicht um einen Bär handelt, sondern um die dicke Tellerwäscherin Indianer-Jane, die ihre Haare gelöst hat, die die ganze Szene wie ein Fell bedeckt hatten. Aber es ist schon zu spät. Danny hat Jane erschlagen. Sie ist tot.
Diese tragische Verwechslung prägt nun das Leben von Vater und Sohn. Ihr Leben, das John Irving in seinem neuen Roman “Letzte Nacht in Twisted River” über mehrere Jahrzehnte beschreibt, gleicht einer Irrfahrt. Denn die getötete Jane war nicht nur die Geliebte von Dannys Vater Dominic, der als Koch in einer schäbigen Holzfällersiedlung im New Hampshire der 50- er Jahre arbeitete. Jane war auch die Freundin von Constable Carl, einem nach Rache lechzenden Kleinstadtcop.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn bildet den einen Schwerpunkt dieses faszinierenden Romans, ein anderer ist die Entwicklung Dannys zum Schriftsteller. Danny trägt viele Züge von Irving selbst und der Autor nutzt diesen neuen Roman, um über sein eigenes Schreiben zu reflektieren. In einer Mischung aus Fiktion und Realität bietet Irving dem Leser nicht nur einen neuen, für ihn typischen Roman, sondern lässt auch tief in sein Leben und sein Arbeiten blicken. Für alle Freunde John Irvings ein wichtiges Buch.
Indianer Janes Nachwirkungen Letzte Nacht in Twisted River ist ein ausgesprochen guter Titel für die Geschichte, für die er steht. Erzählt wird die tragische Geschichte einer kleinen Familie, bestehend aus verwitwetem, alleinerziehenden, jungen Vater und seinem Sohn. John Irving bleibt seiner Heimat um New Hampshire treu und verortet den Beginn der Handlung in die dortigen Wälder in das Jahr 1954. In einem Holzfäller- und Flößerlager wohnt der 12-jährige Danny mit seinem hinkenden Vater im Kochhaus. Sein Vater bekocht die rauen Arbeiter der Gegend mit guter italienischer Küche und amerikanischen Nachtischspeisen. Eines Nachts verwechselt Danny Indianer Jane die Lebensgefährtin des Hilfssheriffs Carl mit einem Bären, die Folgen sind nicht nur tödlich, sondern drastisch einschneidend und verfolgen Danny und seinen Vater ihr ganzes Leben lang. Weil Carl ein fanatischer Killertyp ist, der gern von seiner Waffe Gebrauch macht und das unter dem Deckmantel der Polizei, entscheiden sich Vater und Sohn für die Flucht. Als Carl Jahre später die Zusammenhänge versteht, versucht er die beiden aufzuspüren und zu erledigen.
Die durch die Worte gezeichneten Figuren Irvings wirken authentisch, besonders die Außenseitercharaktere. Jede Figur ist gut von der anderen zu unterscheiden, ob durch deren Gedankenvorgänge, Handlungen oder Äußerungen oder durch Erinnerungen anderer. Ein durchweg männlicher Roman, denn die Frauen sind nicht so tiefgründig, wie die männlichen Figuren; sie sind eher zierendes Beiwerk oder idealisierte Wesen, hungrig nach Liebe, Zärtlichkeit und Sex, weniger nach Anerkennung. Obwohl viele verschiedene Frauentypen figürlich vertreten sind, maskulin, feminin, vollschlank, zart-zerbrechlich, fett. Die Familienmitglieder, Lebens- und Weggefährten wuchsen mir ans Herz und bei dem Verlust der einen oder anderen Person, habe ich mit den Protagonisten gelitten, auch wenn das Leid nicht offensichtlich erwähnt wird, sondern ein schleichender Prozess ist.
Was wäre, wenn… ist eine der Intentionen, die das Werk vorantreibt, eine andere ist die Frage, wie ist es dazu gekommen, dass…
Das Ende des Buches bezieht sich auf die Zeit nach 2001 und ist ein unerwartetes, aber nachzuvollziehendes Ende der Geschichte, mit dem ich beruhigt das Buch aus den Händen legen konnte. Gewünscht hätte ich mir ein anderes, aber das wäre vielleicht zu kitschig gewesen.
Dieses Buch ist gleichzeitig eine Hommage an das Leben, das Kochen (die Zubereitung von Speisen) und an die Schriftstellerei, von der Idee bis zur Umsetzung und der Vertreibung, der Interpretation und des Missverstehens.
Ich habe es sehr gern gelesen, ohne es mit Irvings anderen Romanen zu vergleichen. Im Nachhinein finde ich es gleichwertig, weil es trotz bekannter Elemente anders ist, ich habe mich ohne weiteres gut darauf einlassen können und empfehle es deshalb auch gern weiter.
Déjà-vu - bis zum Abwinken! Ja, endlich wieder ein Irving Nehmen wir an, ich komme mit einem Bekannten über Bücher ins Gespräch und er würde fragen, was ich grade lese. Ich würde ihm sagen, ich hätte grad den neuen Irving zu Ende gebracht. Er: Irving? Ich: Ja, du kennst John Irving nicht? Nie gehört von Garp, oder -Gottes Werk und Teufels Beitrag- oder - Owen Meany-? Er: Nein?! Was schreibt der denn so? Ich: vergiss es, denn wenn Du die oben als Beispiel aufgeführten Werke nicht gelesen hast, dann lohnt es sich gar nicht erst, dass ich Dir von -Letzte Nacht in Twisted River- erzähle. So, das wäre so ungefähr der Dialog und es sagt schon alles. Als Jahrzehnte langer Irvingfan, wird man nach einer Durststrecke, die mit - Witwe für ein Jahr - anfing und bei mir bis - Bis ich Dich finde - ging, fühle ich mich endlich mal wieder durch einen Irving ruhig gestellt, allerdings gleichzeitig wehmütig! John Irving hat in - Twisted River - noch einmal alles in die Waagschale geworfen, was ihn in seinem Literatenleben so individuell auszeichnete. Die Kausalität von Ereignissen die Jahrzehnte später durch irgendein anderes Ereignis ihre Bestimmung finden. Ich habe alle seine Lieblingsthemen wiedergefunden, seine sportlichen Vorlieben wie Squash und Ringen, auch tauchen Elemente aus all seinen Büchern auf wie die tätowierte Lady Sky (Bis ich dich finde) seine Vorlieben für absurde Tiere, vor allem die Bären, und noch absurdere komische Situationen, die bei Twisted River in einer gusseisernen Pfanne ihren Höhepunkt finden. Nach diesmal recht angenehmen ca. 135 Seiten, kommt der erste Plot und die gusseiserne Pfanne wird zum zweiten Mal eingesetzt, nachdem sie 10 Jahre zuvor Teil einer Bärenverjagung war. Die Figuren dieser über 700 Seiten Geschichte, wachsen einem tatsächlich ans Herz, zumal man immer wieder glaubt mit oder in dem Schriftsteller Daniel, Irving selbst zu erkennen. Also man fängt an zu glauben, hier läge eine Art Autobiographie vor, was Irving selbst wohl entschieden zurückweisen würde. Er lässt auch Autorenkollegen zwischendurch auftauchen, wie den genialen Kurt Vonnegut, oder John Cheever und nicht zuletzt Salman Rushdie. Sein Meisterstück ist aber das Ende, denn mit dem ihm eigenen Stil beschreibt er, wie er Romane schreibt, exemplarisch das Vorliegende. Denn am Ende, wie gesagt, macht er sich über den ersten Satz eines Romans Gedanken und tatsächlich, es ist der erste Satz aus dem Buch -Letzte Nacht in Twisted River-.
Wer “Garp” toll fand, wird von “Letzte Nacht in Twisted River” begeistert sein In den Wäldern von New Hampshire in einem Flößer- und Holzfällercamp beginnt 1954 die Odyssee eines Kochs und seines Sohnes durch halb Amerika. Danny, der 12-jährige Sohn des Kochs Dominic, verwechselt im Dunkeln die Geliebte des Dorfpolizisten mit einen Bären. Mit dieser tödlich endenden Verwechslung beginnt eine Flucht, die Vater und Sohn bis nach Kanada führt. Immer wieder muss Dominic für sich und seinen Sohn eine neue Existenz aufbauen, verfolgt von einem unversöhnlichen Rächer, der auch nach Jahrzehnten nicht vergisst. Das Leben von Danny und Dominic bleibt eine Achterbahnfahrt. Sie erleben höchstes Glück und tiefsten Schmerz. Sie begegnen auf ihrem Weg bedrohlichen wie liebenswerten Weggefährten. Dabei haben sie nur einen Wunsch - endlich zur Ruhe kommen.
John Irving erzählt mit Letzte Nacht in Twistet River die bewegende Lebensgeschichte von Danny Baciagalupo, seinem Vater Dominic und dessen Freund Ketchum. Er schafft es erneut, dass man mit dem ersten Satz in die Geschichte eintaucht, mit den handelnden Personen leidet, fühlt und sich freut. Auf ihrem Weg begegnen ihnen herrlich skurrile Personen. Es passieren, wie so oft in Irvings Büchern, tragische aber vermeidbare Unglücksfälle. Man begegnet in der Geschichte vielen bekannten Elementen eine abgetrennte Hand, ein stinkender Hund, ein erotischen Zwischenspiel in einem Auto uvm. Seltsame intime Bekenntnisse und ein Bär, dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und trotz dieser vielen bekannten Elemente oder gerade deshalb ist dieser Roman einzigartig.
Ich habe das Glück gehabt, ihn in kürzester Zeit während des Urlaubs lesen zu können. Wer Garp toll fand, wird von Letzte Nacht in Twisted River wie ich begeistert sein.
Für Irving-Erstleser ist dieser Roman ein fabelhafter Einstieg und kann sie nur warnen: es besteht Suchtgefahr!
Erwartungen erfüllt! Super! Endlich der neue Irving. Und meine Erwartungen wurden erfüllt.
Wieder einmal wird ein Leben über Jahrzehnte hinweg beschrieben, in dem Bären und New England eine wichtige Rolle spielen. Irving schafft es regelmäßig aus den gleichen Themen verschiedene Geschichten zu basteln, die sowohl real, als auch skurril, lustig, als auch tragisch erscheinen und einen dadurch immer wieder aufs neue fesseln. Manchmal hat man das Gefühl es passiert gar nix aufregendes, und doch passiert so viel.
Ein Buch, das mal wieder sehr viel Spaß gemacht hat zu lesen und sich doch sehr von den anderen Büchern Irvings abhebt. Besonders der Schluss…
“Nur” 4 Sterne, weil “Garp und wie er die Welt sah” meine Nr.1 bleibt.
Beste Unterhaltungsliteratur Irvings Fangemeinde kann nach einer vierjährigen Durststrecke aufatmen. Und all jenen, die nach einer spannenden Urlaubslektüre mit mindestens 700 Seiten Umfang suchen, erleichtert der amerikanische Geschichtenerzähler die Wahl. John Irving bleibt sich und seiner Handwerkskunst auch im neusten Roman treu. Statt sich in anstrengende philosophische Abhandlungen zu verlieren, setzt er auf die Kraft einer guten Story und starker Charaktere, die dem Leser in Erinnerung bleiben.
Seine treuen Leser werden etliche Motive bereits kennen und sich an den neuen Varianten erfreuen. Und selbstverständlich erzählt Irving wiederum von der großen Liebe und von der Tragik des Scheiterns. Die “Letzte Nacht in Twisted River” mit früheren Romanen von John Irving zu vergleichen, bringt allerdings nicht viel. Denn wie es bei Geschichten eben so ist, bewerten wir ihre Qualität auch danach, wir stark sie mit unserer gegenwärtigen Lebenssituation zu tun haben. Und was das Formale betrifft, darf man bei Irving davon ausgehen, dass er sein Handwerk so gut beherrscht, dass der Lesegenuss garantiert ist.
Unfreiwillig verglichen habe ich den neuen Roman von Irving mit dem Bestseller des Schweizer Autors Martin Suter. Denn in beiden Werken spielt ein Koch die Hauptrolle. Aber selbst der glühendste Lokalpatriotismus konnte nicht verhindert, dass Martin Suter bei diesem Vergleich durchfiel. Irvings Sprache ist ungleich variantenreicher, bildhafter und eleganter. Und wie der Amerikaner unzählige Handlungsstränge geschickt und überraschend zu einem Ganzen verwebt, lässt sich nicht so schnell nachahmen oder durch chronologisches Erzählen ersetzen.
Mein Fazit: John Irving hat nach einer längeren Schreibpause bewiesen, dass er noch immer zu den besten Autoren gehobener Unterhaltungsliteratur gehört. Er zieht seine Leser in den Bann, nimmt deren Sehnsüchte auf und schafft Figuren, die in Erinnerung bleiben.
Haltet durch - es lohnt sich! Als treurer Irving-Fan habe ich vier lange Jahre gewartet. Wie immer hat es sich gelohnt. Einen Stern weniger gibt es, weil “Bis ich Dich finde”, “Witwe für ein Jahr” und natürlich “Garp” einfach die schlüssigeren und auch “schnelleren” Geschichten sind und im Gesamtvergleich einfach besser wegkommen müssen.
Das typische Irving-Gefühl (Sehnsucht, Wehmut, Anteilnahme, Lachen, Weinen) muss sich der Leser in “Letzte Nacht in Twisted River” härter erarbeiten, als in manch anderem Werk.
In der ersten Hälfte des Romans dauert es einfach ziemlich lange, bis sich Identifikation und Empathie entwickeln.
Dominic Baciagalupo, Koch in einem Holzfällercamp am Twisted River verliert durch Leichtsinn seine über alles geliebte Frau und bleibt mit seinem Sohn Daniel zurück im Leben. Gemeinsam mit dem Holzfäller Ketchum, mit dem er aufgrund verschiedener Umstände die Liebe zu dieser Frau geteilt hat, schwört er sich, das Leben seines Sohnes um jeden Preis zu beschützen.
Aufgrund widrger Umstände, die ich natürlich nicht verraten möchte, muss er mit dem Sohn flüchten, einen anderen Namen annehmen, um einem selbstgerechten, brutalen Hilfssherriff zu entgehen, der ihm und seinem Sohn den Tod geschworen hat.
In epischen Ausmaßen beschreibt Irving das Leben des Vaters, des Sohnes sowie des Holzfällers, deren Leben aufgrund einer entscheidenden Schicksalsminute fremdgesteuert und belastet ist. Der Sohn wird ein sehr erfolgreicher Schriftssteller. Doch Melancholie, Schicksal und Ängste lasten auf den Seelen aller Beteiligten. So recht wollen sie nicht im Leben ankommen und eine immerwährende Abfolge von Schicksalschlägen lassen bei keinem der Protagonisten das Gefühl aufkommen, sie seien glücklich und zufrieden.
Und genau darin scheint auch die Schwäche und Stärke des Romans zu liegen. Zahlreiche Zeitsprünge, Erklärungen und vor allem Wiederholungen machen die erste Hälfte des Romans zu einer Fleißarbeit, die ich so von Irving nicht gewohnt bin. Die Charaktere sind nicht ganz so skurril wie in vergangenen Werken - bis auf Ketchum, der einfach ein Kerl ist, den man liebhaben muss und kennenlernen möchte.
Die Hauptfigur Daniel habe ich jedoch doch die Fleißarbeit so gut kennengelernt, dass ich richtig mitfühlen konnte, als in der zweiten Hälfte des Romans die Handlung deutlich an Fahrt aufnimmt. Die Schicksale aller Beteiligten müssen sich schließlich erfüllen. Als das dann passiert, ist man dem Geschehen so nahe, dass man einfach Gänsehaut haben muss. Daniels Einsamkeit, die er durch seine permanente Flucht, aber auch seine Geschichte als Päckchen durchs Leben trägt, ist so stark spürbar, dass die Anteilnahme schon unter die Haut geht.
…und wenn sich am Ende seine Hoffnungen trotz aller Nicht-Happy-Ends” doch noch im Kleinen erfüllen, dann muss man einfach weinen. Und damit ist John Irving meines Erachtens doch eines der schönsten Happy Ends gelungen, die ich jemals gelesen habe.
Darüber hinaus faszinierend für mich: Der 11. September 2001 spielt natürlich erstmals eine Rolle in einem Irving-Roman. Ein ungewohnter Blick in eine intellektuelle amerikanische Seele, in dem George W. Bush im Besonderen, Amerika im Allgemeinen nicht so gut wegkommen. Wer das Buch liest, muss zwangsläufig an den bösen Hilfssherriff denken und ich bin der Meinung, das war volle Absicht.
Ein richtiger Irving Ich habe “Letzte Nacht…” im Urlaub gelesen und seitdem lassen mich die Figuren nicht los. John Irving ist wieder einmal ein großer Coup gelungen. Am Ende hat man mindestens eine Träne im Auge. Charaktere wie Cookie, Danny und vor allem Six-Pack-Jane und der wunderbare Ketchum wachsen einen richtig ans Herz… Auch als Irving-Einstiegsdrohe sehr zu empfehlen. Ich beneide alle, die dann noch Garp oder Owen Meany zum ersten Mal lesen können.
Ein richtiger Irving Ich habe “Letzte Nacht…” im Urlaub gelesen und seitdem lassen mich die Figuren nicht los. John Irving ist wieder einmal ein großer Coup gelungen. Am Ende hat man mindestens eine Träne im Auge. Charaktere wie Cookie, Danny und vor allem Six-Pack-Jane und der wunderbare Ketchum wachsen einen richtig ans Herz… Auch als Irving-Einstiegsdrohe sehr zu empfehlen. Ich beneide alle, die dann noch Garp oder Owen Meany zum ersten Mal lesen können.
Kein großer Wurf Ich muss den vielen 5-Sterne-Rezensionen widersprechen. Ich fand das Buch oberflächlich, langweilig, uninspiriert und überflüssig. Seltsam ist bereits der Beginn: Es passiert ein tödlicher Unfall, der den Leser total unberührt läßt. Ich musste mich zwingen weiterzulesen. Ab Seite 50 nahm das Buch an Fahrt auf, aber diese Energie verpufft im Laufe der geschilderten Jahrzehnte. Es genügt nicht, die Handlung und die Personen einfach um mehrere Jahrzehnte zu verschieben, die Personen müssen sich dabei auch entwickeln, aber das tun sie nicht. Dass jemand heiratet (eine schreckliche Alkoholikerin, die aber nur Dannys Bestes wollte, wie gefühlte 1000mal erwähnt wird), ein Kind bekommt, einen Beruf findet… sind keine Entwicklungen, das sind lediglich zwangsläufige alltägliche Veränderungen der Lebensumstände und haben mit Literatur nichts zu tun. Jede Aussage, mit der einzelne Personen charakterisiert werden, wird bis zum absoluten Überdruss wiederholt. Nach der Hälfte hatte ich keine Lust mehr weiterzulesen und habe diesen äußert schwachen John Irving weiterverkauft.
Mein Fazit: Sparen Sie sich das Geld und lesen Sie “Owen Meany”, meiner Meinung nach das einzige Meisterwerk Irvings, das bei jedem Lesen besser wird.
Irving wie er leibt und lebt Es ist nicht der Beste seiner Romane aber wie immer ein schönes Stück Literatur. Durchaus lesenswert, wenn man die Art seines Stils mag.
Der große alte Mann der amerikanischen Erzählkunst … ….hat mit diesem Roman erneut seine ausufernde Fabulierkunst unter Beweis gestellt.
Er breitet seine Geschichten gerne langsam und mit vielen Vorläufen vor uns aus.
So trifft man den Koch Dominic und seinen Sohn Danny hoch oben am Twistet River zwischen Holzfällern und groben Kerlen an. Woher Dominic stammt, wie es zu einer Verkrüppelung seines Beines kam, und wie er zum Koch wurde, das wird in der Erzählung erst später aufgeschlüsselt, denn zuerst geht es einmal um die Atmosphäre im Holzfällermilieu.
Danny ist zwölf, und er ist neugierig. Er lebt bei seinem Vater, denn seine Mutter ist tot. Ihr Tod bleibt vorläufig ein Geheimnis. Langsam, beschaulich und wenig spektakulär verläuft das Leben von Vater und Sohn, in dem allenfalls der frühe Tod des jungen Angel im Fluss für Aufregung sorgt.
Mit sich steigernder Intensität nähert sich John Irving dem eigentlichen Plot: in dem wilden Milieu der Holzfäller kommt es immer wieder zu Sauf- und Sexexzessen. Zu karg und schwer ist das Leben, als dass das Wochenende nicht zu ausufernder Triebbefriedigung herhalten muss. Anlässlich eines solchen Abends geschieht ein Unglück bei Dominik im Haus :sein Sohn Danny verwechselt Indianer Jane beim Beischlaf mit seinem Vater mit einem Bären und erschlägt sie mit einer Bratpfanne! Zu allem Unglück ist sie die Geliebte des Dorfpolizisten, und seine Rache ist ihnen gewiss!
So beginnt ein Leben auf der Flucht für Vater und Sohn, das sie weit herumkommen lässt von Boston nach Vermont, Iowa und zuletzt nach Kanada. In großen Zeitabständen nehmen wir an der jahrelangen Flucht der beiden teil.
Danny will Schriftsteller werden; ist das als symbolische Annäherung an den Autor zu verstehen?
Die geschilderten Typen im Holzfällerlager sind von markiger Herzlichkeit, zugleich grob und rau, dazu feinfühlig und gleichzeitig burschikos: die Palette ist breit, mit denen Irving seine Figuren agieren lässt. Die Abenteuer von Vater und Sohn auf der Flucht füllen Seite um Seite.
Am Ende zeigt John Irving wieder einmal seine großartige Fähigkeit, atmosphärische Schilderungen über Land und Leute zu entwerfen, mit denen ihn die Komik des Augenblicks, die Liebe, der Humor und das Leben mit seinem ganzen Facettenreichtum verbindet. Teilweise melancholisch, weise und klug unterhält uns John Irving in alt bekannter Weise. Danny und Sixpack erinnern sich zuletzt an den alten Ketchup mit den Worten:
“Wir versuchen, uns unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie”. Dieses Motto könnte vielen Werken von John Irving vorangestellt sein.
Etwas breit angelegt und Geduld fordernd ist die ausufernde Schilderung. Irving-Liebhaber werden auf ihre Kosten kommen, wenn der Autor auch schon bessere Romane verfasst hat.
Ein sehr gutes Buch Das neue Buch von John Irving ist großartig. Wunderschön leicht zu lesen und die Handlung ist unglaublich spannend sowie lustig, traurig und originell. Ich habe wirklich schon lange keinen so schönen Roman mehr in der Hand gehabt. Das ist nicht mein erstes Buch von ihm und bestimmt auch nicht mein letztes.
Auch dieses Buch besticht durch die schöne Sprache, durch den schönen tragikkomischen Schreibstil, der lebendig und anspruchsvoll zugleich ist - typisch Irving eben. Liebevoll beschriebene Charaktere. Ich konnte mich wunderbar in sie hineinversetzen.
John Irving schreibt wieder mal über das Leben einer Familie und auch diese Familie bleibt nicht von Schicksalsschlägen verschont. Er schildert einfühlsam und lebensnah das auf und ab, die tragischen Phasen im Leben seines Protagonisten Dominic. Trotz der harten Schicksalsschläge, die sein Leben für immer verändern, zeigt Dominic Charakterstärke. Er steht ständig vor schweren Entscheidungen oder Konflikten und trotzdem gibt er seine Hoffnung - dass es besser werden wird - nicht auf. Dominic weiß, was sein Leben lebenswert macht und meistert mutig die Schwierigkeiten, die auf ihn und seinen Sohn Danny zukommen. Die beiden erleben alle Höhen und Tiefen, gehen zusammen durch dick und dünn.
Eine gefühlvolle Vater-Sohn Geschichte, die das Herz berührt.
Odysee von Vater und Sohn Der brandneue Roman des Bestsellerautors John Irving führt uns in die fünfziger Jahre und in die Welt der Flößer. Die Geschichte, die durch den halben nordamerikanischen Kontinent geht und einen Bogen durch ein halbes Jahrhundert schlägt, spiegelt auf über 700 Seiten fast ein ganzes amerikanisches Leben. Es beginnt 1954 in den Wäldern von New Hampshire, in dem abgelegenen Flößer- und Holzfällercamp Twisted River. Eines der bei Irving immer einmal wiederkehrendes Motiv steht am Anfang des Romans, dieses Mal ist es der Bär.
Der zwölfjährige Daniel Baciagalupo, Sohn des Kochs vom Holzfällercamp, hört ungewöhnliche Geräusche die aus dem Schlafzimmer seines Vaters kommen, muss dabei spontan an den Bären denken, den der Vater einst mit einer Bratpfanne in die Flucht geschlagen hat. Er hält die 140 Kilo schwere indianische Tellerwäscherin die beim Geschlechtsakt auf seinem Vater liegt für einen Bären und erschlägt sie mit der gusseisernen Bratpfanne. Unglücklicherweise war sie auch die Geliebte des versoffenen und korrupten Dorfsheriffs “Cowboy Carl”. Dieser Totschlag ist nun Ursache dafür, das Vater Dominic und Sohn Danny noch in derselben Nacht überhastet fliehen. Es beginnt eine verwegene Flucht.
Auf der Flucht heuert der Koch in immer neuen Küchen an. Zunächst findet er in Boston, im Italiener Viertel North End, eine Stelle in einem viel besuchten Restaurant. Hier kocht er italienisch. Von nun an dreht sich alles ums Essen und um Frauen. Doch das Leben bleibt für Vater und Sohn eine Achterbahnfahrt mit einem Maximum an Glück, tiefgreifenden Schmerz und eigensinnigen attraktiven Frauen die kommen und gehen. Dabei geht es nicht nur um die Vater Sohn Idylle, sondern es geht auch um die weitere Familie. Es passieren die fürchterlichsten Dinge an schlimmen Orten, es gibt entsetzliche, monsterähnliche Gestalten, Konflikte werden mit roher Gewalt gelöst und es gibt jede Menge Irritationen. Es ist eine große Geschichte die sich aus vielen kleine zusammensetzt, wobei die einzige Konstante die Familie ist, die bei Irving bekanntlich immer nur aus Männern besteht.
Der Sheriff aus dem Holzfällercamp hat die beiden nicht vergessen. Er sinnt nach Rache und so geht die Odyssee von Vater und Sohn nach dreizehn Jahren weiter. Sie flüchten nach Vermont, wo Dominic chinesisch kocht und dann nach Toronto wo man seine französischen Kochkünste zu schätzen weiß.
Man könnte den Roman als Familiensage katalogisieren, aber es ist in erster Linie ein Entwicklungsroman denn aus Daniel wird im Laufe der Jahre ein weltberühmter Schriftsteller. Irving zeichnet seine eigene Karriere, persifliert sich zunächst selbst, darauf deuten autobiografische Details aus dem Leben des Autors hin. Nach einem mäandernden Anfang wird das Buch zur Mitte hin ernster und es kommt zu Verwebungen in den Beziehungen Autor, Erzähler und Protagonist. Daniel gelingt mit einem Drehbuch für den er einen Oscar bekommt der Durchbruch. Er, der sich mittlerweile Danny Angel nennt, reflektiert in weiteren Romanen über Abtreibung, Vietnam, 9/11 und amerikanische Präsidenten. Und so wird aus der anfänglichen “Bratpfannengeschichte” ein Buch über das Bücherschreiben, ein Lieblingsthema von Irving.
Vater und Sohn sehnen sich danach endlich zur Ruhe zu kommen. 2005 endet die Geschichte als der einsame, mittlerweile 63 jährige Autor die Frau seiner Träume findet. Die schwebte 38 Jahre als übergewichtige Nacktfallschirmspringerin “Lady Sky” über der Geschichte.
Neben Vater und Sohn gibt es da noch Irvings Lieblingscharakter dieses Buches, eine degoutante, hoch komplex und komplizierte Erscheinung, fast so etwas wie ein Adoptivvater von Danny. Es ist Ketchum ein raubeiniger Holzfäller, der im reifen Alter erst lesen lernt und dann die Bücher wie ein Literat verschlingt. Er ist eigentlich der Dreh- und Angelpunkt in dieser ganzen Geschichte, er sorgt dafür, dass die Geschichte nicht aus dem Ruder läuft, die Spannung erhalten bleibt. Denn er ist einerseits Warner vor dem verrückten “Cowboy” Carl, andererseits sorgt er aber auch dafür, dass dieser die Spur nicht verliert.
Auf der letzten Seite erfährt der Leser, “dass Geschichten Wunder sind, die sich einfach nicht aufhalten lassen. Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann.” Daniel Baciagalupo ein 63 jähriger weltberühmter Schriftsteller, steht am Ende immer noch vor den großen Abenteuern seines Lebens. Also doch kein braves Alterswerk.
Irving schreibt mit großer Weisheit, Stille und Menschenkenntnis über tief gehende Dinge, die mit der Absurdität der Existenz zu tun haben. Und das was Irving eigentlich in all seinen Romanen macht, das tut er auch hier, er zieht seinen Leser dicht in das Geschehen hinein, man ist dicht an den Figuren, man erlebt diese Welt wirklich hautnah mit. Er schafft diese Involvierung weil er durch eine Vorausdeutung solche Spannung erzeugt, wie man sie sonst nur bei großen Kriminalautoren findet.
Doch eine Schwäche hat der Roman und die liegt in der Schriftstellerfigur, da wo es um die Natur des Schreibens geht, da wo explizit eine autobiografische Ebene hineinkommt. Irving versucht diese Hauptfigur zu formen und wenn er dann darauf verweist wie sensibel dieser Mensch ist und wie sehr er sich von dem “Rest der Welt” abhebt, dann ist das wirklich zu anmaßend und selbstverliebt. Diese narzisstische Darstellung als “Künstler” widerspricht eigentlich dem von Irving bekanntem Dogma des “Handwerkers”.
Dennoch, Irving hat mit “Letzte Nacht in Twisted River” wieder einen famosen Roman komponiert, ein prachtvoller Schmöker der wie ein wunderbares Märchen daher kommt. Vielleicht ist dieser zwölfte Roman einer seiner schönsten auf jeden Fall strukturell das anspruchvollste seiner Bücher. Man ist in dieser Irving Märchenwelt so eingebunden, dass man ein bisschen traurig ist wenn das Buch zu ende geht und man diese Welt wieder verlassen muss.
Ein Meisterwerk Endlich erfolgreich: Mit seinem vierte Roman geht es für Daniel Angel endlich bergauf. Jetzt kann er nur vom Schreiben leben und sich um seinen Sohn kümmern. Eigentlich, denn seine Vergangenheit lässt ihn nicht los: Als Zwölfjähriger allein in der Obhut seines Vaters aufgewachsen, tötete er damals dessen Geliebte aus Versehen. Seither ist ihm, seinem Vater und auch seinem Sohn der brutale Dorfpolizist auf den Fersen. Einziger Ausweg: Eine Flucht von der amerikanischen Heimat ins nahe Kanada und dort von Ort zu Ort. Neben Umzugsanstrengungen und existenziellen Sorgen gibt es in jeder neuen Heimat eine neue Identität. Mit «Letzte Nacht in Twisted River» ist Bestsellerautor John Irving erneut ein Meisterwerk gelungen. In gewohnt skurril und makaber überzeichneten Begebenheiten, die stets im Tragikomischen enden, zeichnet er auf 736 Seiten ein präzises Bild der amerikanischen Gesellschaft. Ein Muss nicht nur für Irving-Fans.
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24. Mai 2010 um 11:00 Uhr
wundervoll!!!!
Ein toller John Irving! Die Essenz von allem, was wir an ihm lieben und doch noch einmal weiterentwickelt. Das Hotel New Hamphire in Erwachsen. In einem Rutsch durchgelesen, die letzte Seite herausgezögert. Ein absolut hinreißendes Buch für alle.
24. Mai 2010 um 11:00 Uhr
Die Bären sind wieder los
VORWORT:
Warum sollte es ausgerechnet diesmal anders sein? Unmittelbar vor der Bekanntgabe des Literatur-Nobelpreises im Oktober wird garantiert wieder eine Liste mit den üblichen Verdächtigen die Runde machen, die Liste der Favoriten: Thomas Pynchon, Joyce Carol Oates, Philip Roth, Don De Lillo - allesamt Größen der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur. Man stelle sich bloß vor, plötzlich würde der Name John Irving auf dieser Liste auftauchen. John Irving? Literatur-Nobelpreis?
Wer wie Irving keine Geschichten erzählt, die keine Botschaft transportieren, sondern vordergründig von dem Anspruch getrieben sind, die Leser zu unterhalten, der wird sich auf der Liste der potenziellen Nobelpreisträger niemals wiederfinden.
Irving selbst scheint das nicht weiter zu stören; er lässt allerdings keine Gelegenheit aus, ob in Interviews oder in seinen Büchern, der Welt mitzuteilen, was er von zu viel intellektuellem Gehabe in der Schriftstellerei hält. “Was heißt das denn schon, ein intellektueller Autor zu sein?”, fragt Irving provokativ und gibt damit auch gleich eine Antwort. Irving hat seine sehr persönliche Idee vom Schreiben entwickelt, er will einfach “nur” gute Geschichten erzählen; das und nichts anderes ist seine Motivation.
Dabei sind seine Geschichten nicht trivial. Und der Anspruch, den er selbst an sie stellt, ist enorm hoch. Irvings Vorbild ist Charles Dickens. Dessen Erbe hat er längst angetreten.
Seinem hohen Anspruch wird Irving, dessen letzte Bücher nicht mehr ganz zu überzeugen wussten, in seinem neuen Roman “Letzte Nacht in Twisted River” endlich wieder vollauf gerecht. In der Tradition seiner Meisterwerke “Gottes Werk und Teufels Beitrag” (1985) und “Owen Meany” (1989) verwebt Irving alles, “was wir an seinen Büchern lieben, zu etwas völlig Neuem (Los Angeles Times). Und plötzlich sind auch wieder die Bären los… Zumindest einer.
ÜBER DAS BUCH:
Es ist das Jahr 1954: In einem Flößer- und Holzfällercamp in den Wäldern von New Hampshire verwechselt der 12-jährige Danny im Dunkeln die Geliebte des Dorfpolizisten mit einem Bären. Es fällt kein Schuss, doch die Folgen sind trotzdem tödlich. Der Junge muss mit seinem Vater Dominic, dem Koch des Camps, fliehen - zuerst nach Boston und von dort weiter nach Vermont und Iowa und schließlich nach Kanada, verfolgt von einem Rächer, der auch nach Jahrzehnten nicht vergisst.
Wer Irvings Werk kennt, dem wird nicht nur der Bär bekannt vorkommen. Es gibt viele weitere Bezüge zu früheren Irving-Büchern: Ein Hund, der mit seinem üblen Gestank die Umwelt verpestet, eine amputierte Hand, ein erotisches Zwischenspiel in einem Pkw mit fatalen Folgen, der Vietnamkrieg, eine körperbetonte Sportart (natürlich das Ringen), eine sexuelle Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem jüngeren Mann - die Liste ließe sich fortsetzen.
RESUME:
Ein bisschen ist dieses Irving-Buch ein “Best of” seiner bisherigen Romane, was aber keineswegs zu dem Schluss verleiten sollte, Irving mangele es an frischen Ideen. Das Beste, was einem in diesem Buch, das jetzt schon ein Irving-Klassiker ist, begegnet, sind aber die altbekannten Schauplätze, jene Irving-Territorien, die einem inzwischen fast ans Herz gewachsen sind: Maine, New Hampshire, Vermont. Irving-Romane, die hier spielen, haben immer das besondere Etwas. Wenn Irving hier verweilt, fühlt sich der Leser in der Geschichte zu Hause.
Am Ende, wenn man die letzte Seite gelesen und das Buch zugeschlagen hat, fragt man sich wie immer, wie Irving auf all diese Ideen kommt, was es ist, das seine Fantasie so sehr befeuert? Es muss die pure Lust sein am Geschichten-Erzählen. Wenn es dafür einen Nobelpreis gäbe, ginge an John Irving kein Weg vorbei.
24. Mai 2010 um 11:00 Uhr
Die unvermeidlichen Schlammperioden des Lebens und immer wieder Do-si-do
Fantasievoll, bizarr, detailverliebt- und genau, dennoch märchenhaft, Nebenschauplätze ausmalend und nichts Abwegiges auslassend: unberechenbare Bären (bevorzugt aufgebundene), ernstzunehmende Natur (meist in Form von Kälte, Schnee, New Hampshire und ähnliche Gegenden eben), Ringer (diesmal nur am Range, zum Glück), Tätowierungen (ebenfalls nur am Rande), Väter, (besonders einer, Cookie), skurille Typen (Lady Sky, Sixpack, Indianer-Jane und vor allem der unvergleichliche Ketchum), furzende und andere Hunde, selbstbewusste Putzfrauen (überhaupt Frauen, die kommen und gehen und manchmal groß und fast immer übergewichtig sind, bis auf zwei, die sehr gut wissen, wie man Schmerzen bereitet) und unwahrscheinliche Lebensläufe, durch die ein unversöhnlicher Sheriff geistert - Irving ist wieder da (auf über 700 Seiten) und lässt keine Langeweile aufkommen. Darüber hinaus erfährt der eifrige Leser viel über die Holzfäller- und Flößerei einer vergangenen Zeit und wird mit einer Unmenge von Essen konfrontiert. Dieses Buch macht durchaus auch Appetit auf leibliche Genüsse (aller Art) und weckt den Wunsch nach einem Baciagalupo-Kochbuch.
Sein großes Thema, das Kaleidoskop seiner Erzählungen mit einem roten Faden versehend, ist auch dieses Mal das Suchen, Finden, Verlieren, die Flüchtigkeit des Glücks und dass nichts so bleibt, wie es ist (was manchmal gut ist, manchmal auch nicht). Vielleicht (ich kenne einige, die “ganz sicher nicht” sagen werden) schreibt er keine “Große Literatur”, aber wunderbare, witzige Geschichten, die (vordergründig witzig und unterhaltsam), immer auch von tiefer Melancholie und Fatalismus geprägt sind, von Ängsten sowieso. Gewidmet hat er dieses Buch seinem Sohn Everett (oder einem, nachdem er seinen Sohn genannt hat), und um Söhne geht es auch in dieser Geschichte, die die eines Vaters, eines Sohnes, eines weiteren Sohnes und einer ernstzunehmenden Vaterfigur ist. Wir begleiten die Baciagalupos (nebenbei auch die Geschichte von Einwanderern in der soundsovielten Generation in die Staaten, aber das sind in der USA ja fast alle) von 1954 bis nahezu in die Gegenwart. Das Leben von Dominic und Daniel Baciagalupo ist geprägt von Flucht und Küchen und im Falle von Daniel (dem Sohn des Kochs) auch vom Schreiben und vom Geschichtenerzählen, was zur Folge hat, dass Irving ein wenig aus dem Nähkästchen plaudert. Denn Daniel (Danny) wird, allen Widrigkeiten zum Trotz (oder gerade deswegen), ein Schriftsteller, ein Bestsellerautor. Soviel sei verraten, aber nicht, warum die beiden Jahrzehnte auf der Flucht sind. Beneidenswert, wer diese Geschichte noch vor sich hat. Auch mit dem kollektiven Trauma der Amerikaner der Gegenwart, 9/11, beschäftigen sich Irvings Figuren (besonders eine), was zur Folge hat, dass mit der Bush-Ära (wenn man die so groß aufhängen will) gnadenlos abgerechnet wird. Ketchum mit seinem zwar bescheidenen, aber nichts desto trotz eindrucksvollen Reservoir an Flüchen und Schimpfwörtern hat eine gnadenlose Einstellung zu strunzdummen (Ketchum) Patrioten im Allgemeinen und zum unfähigen Präsidenten im Besonderen. Der endgültige Niedergang Amerikas ist für ihn beschlossene Sache. Ach Ketchum, bis zum Schluss bangen wir mit Danny, dass sich der alte Holzfäller und nur sich selbst gehorchende Freigeist (nur Ketchum kann Ketchum töten) doch nicht seine linke Hand abhacken wird, eine Versuchung, die ihn schon lange (seit Danny denken kann) heimsucht. Auch das ist eine Geschichte in der Vielzahl von tolldreisten Geschichten in “Letzte Nacht in Twisted River”, die Irving zur rechten Zeit zu Ende erzählen wird. Dieses Buch liest sich wie ein Kompendium früherer Irvinggeschichten und ist doch frisch und neu. Irvings Fantasie ist kraftvoll wie eh und je - und zum Glück kann er sie zu Papier bringen. Wagt man “Twisted River” in einem Satz zusammenzufassen, dann vielleicht am besten mit einem des Kochs: “Halt die Stellung - aber bleib am Leben.” (Leider (und zum Glück) ist das nicht jedem vergönnt.)
Helga Kurz
20. Mai 2010
24. Mai 2010 um 11:00 Uhr
Mehr Irving als in seinen anderen Romanen… und dann doch nicht
John Irvings Romane haben sich schon immer auf wunderbare Weise der Möglichkeit einer bloßen Zusammenfassung des Inhaltes entzogen. Alle seine Romane zeichnen sich durch eine derartige Liebe zu den charakterlichen Details seiner Protagonisten aus, dass man als Leser mitunter den Eindruck bekommt, er erzähle gar keine Geschichten, sondern berichte einfach von Menschen, die ihm am Herzen liegen; und die Story ergibt sich daraus von ganz allein.
Die für eine Zusammenfassung erforderliche Einfachheit widerspricht dabei der für die Handlung bedeutsamen Komplexität der Charaktere.
Die besten Romane von Irving sind für mich jene, bei denen selbst das Wiedergeben des bloßen Handlungsrahmens schier unmöglich erscheint, weil die Geschichten so episch, so liebevoll verflochten sind, dass man sich als Rezensent scheut irgendetwas wegzulassen. Das ist für mich der Fall bei Romanen wie ‘Garp und wie er die Welt sah’, ‘Owen Meany’ oder ‘Gottes Werk und Teufels Beitrag’.
In diese Kategorie gehört ‘Letzte Nacht in Twisted River’ nicht.
Die bloße Storyline ließe sich ohne Probleme auf einer halben DIN A4-Seite zusammenfassen. Würde man das als Rezensent tun, hätte man Irving allerdings schon ordentlich ins Handwerk gepfuscht. Das Spiel mit verschiedenen Zeitebenen und Handlungssträngen treibt Irving diesmal so sehr auf die Spitze, dass man sich nicht ganz des Eindruckes erwehren kann, er fröne einer gewissen Selbstverliebtheit in die eigenen kreativen Möglichkeiten. Aber irgendwie kann man ihm da auch gar nicht böse sein, denn er setzt seine erzählerischen Mittel so meisterlich ein, dass es ein Frevel wäre, hier eine chronologische Darstellung der Ereignisse wiederzugeben.
Irvings Erzählkunst besteht auch darin, die skurrilsten Ereignisse völlig real erscheinen zu lassen und auch die schrägsten Charaktere so natürlich zu porträtieren, dass man als Leser den Eindruck hat, jeden Moment könnten Dominic Baciogalupo, Lady Sky oder Ketchum um die Ecke biegen.
Der Leser erhält die Möglichkeit, sich in die Gedankenwelt der Protagonisten hinzuversetzen und deren Denkweisen nachzuvollziehen. Auf diese Weise versteht es Irving immer wieder aus verschiedenen Perspektiven einen Blick auf die amerikanische Gesellschaft zu werfen und über Moral zu schreiben, ohne jemals moralisierend zu wirken. So finden sich auch in diesen Roman wieder viele seiner politischen Lieblingsmotive:
Prüderie und Sexuelle Revolution in Amerika, der Vietnamkrieg und dessen Auswirkungen, Abtreibung, Waffengesetze und…neu…einige Anmerkungen zum Amerika nach dem 11. September 2001.
Dazu weitere bekannte Motive wie Bären, der Umgang mit dem Verlust geliebter Menschen, Ringen (diesmal nur am Rande), die Verantwortung von Vätern gegenüber ihren Söhne (und umgekehrt), starke Frauen (in jeder Hinsicht), das Aufwachsen in Neuengland, lebenslange Freundschaften und ein Schriftsteller als eine der Hauptfiguren.
Hinzu kommen diesmal u.a. noch ausführliche Schilderungen gastronomischer Vielfalt (Kochrezepte inklusive) und kenntnisreiche Beschreibungen der Holzindustrie in Amerikas Norden im Wandel der Zeit.
Mit anderen Worten: ein typischer Irving voller phantasievoller Ideen, zahlreicher Wendungen und grandioser Beobachtungsgabe. Und als solcher hat der Roman einfach eine 5 Sterne-Bewertung verdient, auch wenn er gegenüber anderen Romanen von Irving etwas abfällt.
Bei John Irving ist schon immer viel über das Verhältnis von Fiktion zu Autobiographie geredet worden. Über eben dieses Verhältnis erfährt der Leser in ‘Letzte Nacht in Twisted River’ mehr als in jedem anderen Roman von Irving.
Und auch über den Prozess des Schreibens weiß Danny Angel mehr zu berichten als so mancher Professor in einer Literaturvorlesung… faszinierend.
Wer sich beim Lesen des Romans fragt, wieviel John Irving in Danny Angel steckt, dem sei das in den Kommentaren verlinkte kurzes Autorenporträt empfohlen.
Man ist erstaunt wie viele Parallelen es gibt… und wie vieles man für real gehalten hätte, obwohl es offensichtlich Fiktion ist…
24. Mai 2010 um 11:00 Uhr
Allegorie auf die ewige Gültigkeit der Literatur
Ein Koch mit dem gewöhnungsbedürftigen Namen Baciagalupo und sein Sohn Daniel leben in den Fünfzigerjahren in einer einsamen Gegend in New Hampshire. Zu diesem Setting kommt noch der trinkfeste Holzfäller Ketchum, meine persönliche Lieblingsfigur. Nachdem Daniel in einer mehr als unglücklichen Reaktion die Geliebte seiners Vaters erschlagen hat, fliehen Vater und Sohn vor der Polizei. Es ist diese Flucht, die den wahren Kern der Handlung ausmacht, denn in ihrem Verlauf entwickelt sich Daniel zum Schriftsteller.
In gewohnt fesselnder Manier breitet John Irving in “Last Night in Twisted River” die Geschichte der drei Freunde Baciagalupo, Daniel und Ketchum aus, die bis in unsere Gegenwart führt und mit einer schönen Volte am Schluss aufwartet: Der lange verzweifelt gesuchte und endlich glücklich gefundene erste Satz von Daniels Roman ist auch der erste Satz dieses Buches.
Welch gelungene Allegorie auf die ewige Gültigkeit der Literatur!
29. Mai 2010 um 17:34 Uhr
Für alle Freunde John Irvings ein wichtiges Buch
Eines Tages hört der zwölfjährige Danny aus dem Schlafzimmer seines Vaters ganz außergewöhnliche und seltsame Geräusche. Für den Jungen gibt es dafür nur eine Erklärung. Sein Vater, Dominic Baciagalupo wird gerade von einem Bären angegriffen.
Kurz entschlossen packt Danny eine gußeiserne Bratpfanne und geht damit auf das haarige Wesen los, das direkt auf seinem Vater liegt und ihn regelrecht unter sich begraben hat. In dem Moment, als er mit voller Wucht die Bratpfanne herabsausen lässt und zuschlägt, merkt Danny, dass es sich gar nicht um einen Bär handelt, sondern um die dicke Tellerwäscherin Indianer-Jane, die ihre Haare gelöst hat, die die ganze Szene wie ein Fell bedeckt hatten. Aber es ist schon zu spät. Danny hat Jane erschlagen. Sie ist tot.
Diese tragische Verwechslung prägt nun das Leben von Vater und Sohn. Ihr Leben, das John Irving in seinem neuen Roman “Letzte Nacht in Twisted River” über mehrere Jahrzehnte beschreibt, gleicht einer Irrfahrt. Denn die getötete Jane war nicht nur die Geliebte von Dannys Vater Dominic, der als Koch in einer schäbigen Holzfällersiedlung im New Hampshire der 50- er Jahre arbeitete. Jane war auch die Freundin von Constable Carl, einem nach Rache lechzenden Kleinstadtcop.
Die Beziehung zwischen Vater und Sohn bildet den einen Schwerpunkt dieses faszinierenden Romans, ein anderer ist die Entwicklung Dannys zum Schriftsteller. Danny trägt viele Züge von Irving selbst und der Autor nutzt diesen neuen Roman, um über sein eigenes Schreiben zu reflektieren. In einer Mischung aus Fiktion und Realität bietet Irving dem Leser nicht nur einen neuen, für ihn typischen Roman, sondern lässt auch tief in sein Leben und sein Arbeiten blicken. Für alle Freunde John Irvings ein wichtiges Buch.
29. Mai 2010 um 17:34 Uhr
Indianer Janes Nachwirkungen
Letzte Nacht in Twisted River ist ein ausgesprochen guter Titel für die Geschichte, für die er steht. Erzählt wird die tragische Geschichte einer kleinen Familie, bestehend aus verwitwetem, alleinerziehenden, jungen Vater und seinem Sohn. John Irving bleibt seiner Heimat um New Hampshire treu und verortet den Beginn der Handlung in die dortigen Wälder in das Jahr 1954. In einem Holzfäller- und Flößerlager wohnt der 12-jährige Danny mit seinem hinkenden Vater im Kochhaus. Sein Vater bekocht die rauen Arbeiter der Gegend mit guter italienischer Küche und amerikanischen Nachtischspeisen. Eines Nachts verwechselt Danny Indianer Jane die Lebensgefährtin des Hilfssheriffs Carl mit einem Bären, die Folgen sind nicht nur tödlich, sondern drastisch einschneidend und verfolgen Danny und seinen Vater ihr ganzes Leben lang. Weil Carl ein fanatischer Killertyp ist, der gern von seiner Waffe Gebrauch macht und das unter dem Deckmantel der Polizei, entscheiden sich Vater und Sohn für die Flucht. Als Carl Jahre später die Zusammenhänge versteht, versucht er die beiden aufzuspüren und zu erledigen.
Die durch die Worte gezeichneten Figuren Irvings wirken authentisch, besonders die Außenseitercharaktere. Jede Figur ist gut von der anderen zu unterscheiden, ob durch deren Gedankenvorgänge, Handlungen oder Äußerungen oder durch Erinnerungen anderer. Ein durchweg männlicher Roman, denn die Frauen sind nicht so tiefgründig, wie die männlichen Figuren; sie sind eher zierendes Beiwerk oder idealisierte Wesen, hungrig nach Liebe, Zärtlichkeit und Sex, weniger nach Anerkennung. Obwohl viele verschiedene Frauentypen figürlich vertreten sind, maskulin, feminin, vollschlank, zart-zerbrechlich, fett. Die Familienmitglieder, Lebens- und Weggefährten wuchsen mir ans Herz und bei dem Verlust der einen oder anderen Person, habe ich mit den Protagonisten gelitten, auch wenn das Leid nicht offensichtlich erwähnt wird, sondern ein schleichender Prozess ist.
Was wäre, wenn… ist eine der Intentionen, die das Werk vorantreibt, eine andere ist die Frage, wie ist es dazu gekommen, dass…
Das Ende des Buches bezieht sich auf die Zeit nach 2001 und ist ein unerwartetes, aber nachzuvollziehendes Ende der Geschichte, mit dem ich beruhigt das Buch aus den Händen legen konnte. Gewünscht hätte ich mir ein anderes, aber das wäre vielleicht zu kitschig gewesen.
Dieses Buch ist gleichzeitig eine Hommage an das Leben, das Kochen (die Zubereitung von Speisen) und an die Schriftstellerei, von der Idee bis zur Umsetzung und der Vertreibung, der Interpretation und des Missverstehens.
Ich habe es sehr gern gelesen, ohne es mit Irvings anderen Romanen zu vergleichen. Im Nachhinein finde ich es gleichwertig, weil es trotz bekannter Elemente anders ist, ich habe mich ohne weiteres gut darauf einlassen können und empfehle es deshalb auch gern weiter.
29. Mai 2010 um 17:34 Uhr
Déjà-vu - bis zum Abwinken! Ja, endlich wieder ein Irving
Nehmen wir an, ich komme mit einem Bekannten über Bücher ins Gespräch und er würde fragen, was ich grade lese. Ich würde ihm sagen, ich hätte grad den neuen Irving zu Ende gebracht. Er: Irving? Ich: Ja, du kennst John Irving nicht? Nie gehört von Garp, oder -Gottes Werk und Teufels Beitrag- oder - Owen Meany-? Er: Nein?! Was schreibt der denn so? Ich: vergiss es, denn wenn Du die oben als Beispiel aufgeführten Werke nicht gelesen hast, dann lohnt es sich gar nicht erst, dass ich Dir von -Letzte Nacht in Twisted River- erzähle. So, das wäre so ungefähr der Dialog und es sagt schon alles. Als Jahrzehnte langer Irvingfan, wird man nach einer Durststrecke, die mit - Witwe für ein Jahr - anfing und bei mir bis - Bis ich Dich finde - ging, fühle ich mich endlich mal wieder durch einen Irving ruhig gestellt, allerdings gleichzeitig wehmütig! John Irving hat in - Twisted River - noch einmal alles in die Waagschale geworfen, was ihn in seinem Literatenleben so individuell auszeichnete. Die Kausalität von Ereignissen die Jahrzehnte später durch irgendein anderes Ereignis ihre Bestimmung finden. Ich habe alle seine Lieblingsthemen wiedergefunden, seine sportlichen Vorlieben wie Squash und Ringen, auch tauchen Elemente aus all seinen Büchern auf wie die tätowierte Lady Sky (Bis ich dich finde) seine Vorlieben für absurde Tiere, vor allem die Bären, und noch absurdere komische Situationen, die bei Twisted River in einer gusseisernen Pfanne ihren Höhepunkt finden. Nach diesmal recht angenehmen ca. 135 Seiten, kommt der erste Plot und die gusseiserne Pfanne wird zum zweiten Mal eingesetzt, nachdem sie 10 Jahre zuvor Teil einer Bärenverjagung war. Die Figuren dieser über 700 Seiten Geschichte, wachsen einem tatsächlich ans Herz, zumal man immer wieder glaubt mit oder in dem Schriftsteller Daniel, Irving selbst zu erkennen. Also man fängt an zu glauben, hier läge eine Art Autobiographie vor, was Irving selbst wohl entschieden zurückweisen würde. Er lässt auch Autorenkollegen zwischendurch auftauchen, wie den genialen Kurt Vonnegut, oder John Cheever und nicht zuletzt Salman Rushdie. Sein Meisterstück ist aber das Ende, denn mit dem ihm eigenen Stil beschreibt er, wie er Romane schreibt, exemplarisch das Vorliegende. Denn am Ende, wie gesagt, macht er sich über den ersten Satz eines Romans Gedanken und tatsächlich, es ist der erste Satz aus dem Buch -Letzte Nacht in Twisted River-.
29. Mai 2010 um 17:34 Uhr
Wer “Garp” toll fand, wird von “Letzte Nacht in Twisted River” begeistert sein
In den Wäldern von New Hampshire in einem Flößer- und Holzfällercamp beginnt 1954 die Odyssee eines Kochs und seines Sohnes durch halb Amerika. Danny, der 12-jährige Sohn des Kochs Dominic, verwechselt im Dunkeln die Geliebte des Dorfpolizisten mit einen Bären. Mit dieser tödlich endenden Verwechslung beginnt eine Flucht, die Vater und Sohn bis nach Kanada führt. Immer wieder muss Dominic für sich und seinen Sohn eine neue Existenz aufbauen, verfolgt von einem unversöhnlichen Rächer, der auch nach Jahrzehnten nicht vergisst. Das Leben von Danny und Dominic bleibt eine Achterbahnfahrt. Sie erleben höchstes Glück und tiefsten Schmerz. Sie begegnen auf ihrem Weg bedrohlichen wie liebenswerten Weggefährten. Dabei haben sie nur einen Wunsch - endlich zur Ruhe kommen.
John Irving erzählt mit Letzte Nacht in Twistet River die bewegende Lebensgeschichte von Danny Baciagalupo, seinem Vater Dominic und dessen Freund Ketchum. Er schafft es erneut, dass man mit dem ersten Satz in die Geschichte eintaucht, mit den handelnden Personen leidet, fühlt und sich freut. Auf ihrem Weg begegnen ihnen herrlich skurrile Personen. Es passieren, wie so oft in Irvings Büchern, tragische aber vermeidbare Unglücksfälle. Man begegnet in der Geschichte vielen bekannten Elementen eine abgetrennte Hand, ein stinkender Hund, ein erotischen Zwischenspiel in einem Auto uvm. Seltsame intime Bekenntnisse und ein Bär, dürfen natürlich auch nicht fehlen. Und trotz dieser vielen bekannten Elemente oder gerade deshalb ist dieser Roman einzigartig.
Ich habe das Glück gehabt, ihn in kürzester Zeit während des Urlaubs lesen zu können. Wer Garp toll fand, wird von Letzte Nacht in Twisted River wie ich begeistert sein.
Für Irving-Erstleser ist dieser Roman ein fabelhafter Einstieg und kann sie nur warnen: es besteht Suchtgefahr!
29. Mai 2010 um 17:34 Uhr
Erwartungen erfüllt!
Super! Endlich der neue Irving. Und meine Erwartungen wurden erfüllt.
Wieder einmal wird ein Leben über Jahrzehnte hinweg beschrieben, in dem Bären und New England eine wichtige Rolle spielen. Irving schafft es regelmäßig aus den gleichen Themen verschiedene Geschichten zu basteln, die sowohl real, als auch skurril, lustig, als auch tragisch erscheinen und einen dadurch immer wieder aufs neue fesseln. Manchmal hat man das Gefühl es passiert gar nix aufregendes, und doch passiert so viel.
Ein Buch, das mal wieder sehr viel Spaß gemacht hat zu lesen und sich doch sehr von den anderen Büchern Irvings abhebt. Besonders der Schluss…
“Nur” 4 Sterne, weil “Garp und wie er die Welt sah” meine Nr.1 bleibt.
10. Juni 2010 um 06:00 Uhr
Beste Unterhaltungsliteratur
Irvings Fangemeinde kann nach einer vierjährigen Durststrecke aufatmen. Und all jenen, die nach einer spannenden Urlaubslektüre mit mindestens 700 Seiten Umfang suchen, erleichtert der amerikanische Geschichtenerzähler die Wahl. John Irving bleibt sich und seiner Handwerkskunst auch im neusten Roman treu. Statt sich in anstrengende philosophische Abhandlungen zu verlieren, setzt er auf die Kraft einer guten Story und starker Charaktere, die dem Leser in Erinnerung bleiben.
Seine treuen Leser werden etliche Motive bereits kennen und sich an den neuen Varianten erfreuen. Und selbstverständlich erzählt Irving wiederum von der großen Liebe und von der Tragik des Scheiterns. Die “Letzte Nacht in Twisted River” mit früheren Romanen von John Irving zu vergleichen, bringt allerdings nicht viel. Denn wie es bei Geschichten eben so ist, bewerten wir ihre Qualität auch danach, wir stark sie mit unserer gegenwärtigen Lebenssituation zu tun haben. Und was das Formale betrifft, darf man bei Irving davon ausgehen, dass er sein Handwerk so gut beherrscht, dass der Lesegenuss garantiert ist.
Unfreiwillig verglichen habe ich den neuen Roman von Irving mit dem Bestseller des Schweizer Autors Martin Suter. Denn in beiden Werken spielt ein Koch die Hauptrolle. Aber selbst der glühendste Lokalpatriotismus konnte nicht verhindert, dass Martin Suter bei diesem Vergleich durchfiel. Irvings Sprache ist ungleich variantenreicher, bildhafter und eleganter. Und wie der Amerikaner unzählige Handlungsstränge geschickt und überraschend zu einem Ganzen verwebt, lässt sich nicht so schnell nachahmen oder durch chronologisches Erzählen ersetzen.
Mein Fazit: John Irving hat nach einer längeren Schreibpause bewiesen, dass er noch immer zu den besten Autoren gehobener Unterhaltungsliteratur gehört. Er zieht seine Leser in den Bann, nimmt deren Sehnsüchte auf und schafft Figuren, die in Erinnerung bleiben.
10. Juni 2010 um 06:00 Uhr
Haltet durch - es lohnt sich!
Als treurer Irving-Fan habe ich vier lange Jahre gewartet. Wie immer hat es sich gelohnt. Einen Stern weniger gibt es, weil “Bis ich Dich finde”, “Witwe für ein Jahr” und natürlich “Garp” einfach die schlüssigeren und auch “schnelleren” Geschichten sind und im Gesamtvergleich einfach besser wegkommen müssen.
Das typische Irving-Gefühl (Sehnsucht, Wehmut, Anteilnahme, Lachen, Weinen) muss sich der Leser in “Letzte Nacht in Twisted River” härter erarbeiten, als in manch anderem Werk.
In der ersten Hälfte des Romans dauert es einfach ziemlich lange, bis sich Identifikation und Empathie entwickeln.
Dominic Baciagalupo, Koch in einem Holzfällercamp am Twisted River verliert durch Leichtsinn seine über alles geliebte Frau und bleibt mit seinem Sohn Daniel zurück im Leben. Gemeinsam mit dem Holzfäller Ketchum, mit dem er aufgrund verschiedener Umstände die Liebe zu dieser Frau geteilt hat, schwört er sich, das Leben seines Sohnes um jeden Preis zu beschützen.
Aufgrund widrger Umstände, die ich natürlich nicht verraten möchte, muss er mit dem Sohn flüchten, einen anderen Namen annehmen, um einem selbstgerechten, brutalen Hilfssherriff zu entgehen, der ihm und seinem Sohn den Tod geschworen hat.
In epischen Ausmaßen beschreibt Irving das Leben des Vaters, des Sohnes sowie des Holzfällers, deren Leben aufgrund einer entscheidenden Schicksalsminute fremdgesteuert und belastet ist. Der Sohn wird ein sehr erfolgreicher Schriftssteller. Doch Melancholie, Schicksal und Ängste lasten auf den Seelen aller Beteiligten. So recht wollen sie nicht im Leben ankommen und eine immerwährende Abfolge von Schicksalschlägen lassen bei keinem der Protagonisten das Gefühl aufkommen, sie seien glücklich und zufrieden.
Und genau darin scheint auch die Schwäche und Stärke des Romans zu liegen. Zahlreiche Zeitsprünge, Erklärungen und vor allem Wiederholungen machen die erste Hälfte des Romans zu einer Fleißarbeit, die ich so von Irving nicht gewohnt bin. Die Charaktere sind nicht ganz so skurril wie in vergangenen Werken - bis auf Ketchum, der einfach ein Kerl ist, den man liebhaben muss und kennenlernen möchte.
Die Hauptfigur Daniel habe ich jedoch doch die Fleißarbeit so gut kennengelernt, dass ich richtig mitfühlen konnte, als in der zweiten Hälfte des Romans die Handlung deutlich an Fahrt aufnimmt. Die Schicksale aller Beteiligten müssen sich schließlich erfüllen. Als das dann passiert, ist man dem Geschehen so nahe, dass man einfach Gänsehaut haben muss. Daniels Einsamkeit, die er durch seine permanente Flucht, aber auch seine Geschichte als Päckchen durchs Leben trägt, ist so stark spürbar, dass die Anteilnahme schon unter die Haut geht.
…und wenn sich am Ende seine Hoffnungen trotz aller Nicht-Happy-Ends” doch noch im Kleinen erfüllen, dann muss man einfach weinen. Und damit ist John Irving meines Erachtens doch eines der schönsten Happy Ends gelungen, die ich jemals gelesen habe.
Darüber hinaus faszinierend für mich: Der 11. September 2001 spielt natürlich erstmals eine Rolle in einem Irving-Roman. Ein ungewohnter Blick in eine intellektuelle amerikanische Seele, in dem George W. Bush im Besonderen, Amerika im Allgemeinen nicht so gut wegkommen. Wer das Buch liest, muss zwangsläufig an den bösen Hilfssherriff denken und ich bin der Meinung, das war volle Absicht.
16. Juni 2010 um 03:00 Uhr
Ein richtiger Irving
Ich habe “Letzte Nacht…” im Urlaub gelesen und seitdem lassen mich die Figuren nicht los. John Irving ist wieder einmal ein großer Coup gelungen. Am Ende hat man mindestens eine Träne im Auge. Charaktere wie Cookie, Danny und vor allem Six-Pack-Jane und der wunderbare Ketchum wachsen einen richtig ans Herz… Auch als Irving-Einstiegsdrohe sehr zu empfehlen. Ich beneide alle, die dann noch Garp oder Owen Meany zum ersten Mal lesen können.
16. Juni 2010 um 03:00 Uhr
Ein richtiger Irving
Ich habe “Letzte Nacht…” im Urlaub gelesen und seitdem lassen mich die Figuren nicht los. John Irving ist wieder einmal ein großer Coup gelungen. Am Ende hat man mindestens eine Träne im Auge. Charaktere wie Cookie, Danny und vor allem Six-Pack-Jane und der wunderbare Ketchum wachsen einen richtig ans Herz… Auch als Irving-Einstiegsdrohe sehr zu empfehlen. Ich beneide alle, die dann noch Garp oder Owen Meany zum ersten Mal lesen können.
27. Juni 2010 um 23:00 Uhr
Kein großer Wurf
Ich muss den vielen 5-Sterne-Rezensionen widersprechen. Ich fand das Buch oberflächlich, langweilig, uninspiriert und überflüssig. Seltsam ist bereits der Beginn: Es passiert ein tödlicher Unfall, der den Leser total unberührt läßt. Ich musste mich zwingen weiterzulesen. Ab Seite 50 nahm das Buch an Fahrt auf, aber diese Energie verpufft im Laufe der geschilderten Jahrzehnte. Es genügt nicht, die Handlung und die Personen einfach um mehrere Jahrzehnte zu verschieben, die Personen müssen sich dabei auch entwickeln, aber das tun sie nicht. Dass jemand heiratet (eine schreckliche Alkoholikerin, die aber nur Dannys Bestes wollte, wie gefühlte 1000mal erwähnt wird), ein Kind bekommt, einen Beruf findet… sind keine Entwicklungen, das sind lediglich zwangsläufige alltägliche Veränderungen der Lebensumstände und haben mit Literatur nichts zu tun. Jede Aussage, mit der einzelne Personen charakterisiert werden, wird bis zum absoluten Überdruss wiederholt. Nach der Hälfte hatte ich keine Lust mehr weiterzulesen und habe diesen äußert schwachen John Irving weiterverkauft.
Mein Fazit: Sparen Sie sich das Geld und lesen Sie “Owen Meany”, meiner Meinung nach das einzige Meisterwerk Irvings, das bei jedem Lesen besser wird.
27. Juni 2010 um 23:00 Uhr
Irving wie er leibt und lebt
Es ist nicht der Beste seiner Romane aber wie immer ein schönes Stück Literatur. Durchaus lesenswert, wenn man die Art seines Stils mag.
27. Juni 2010 um 23:00 Uhr
Der große alte Mann der amerikanischen Erzählkunst …
….hat mit diesem Roman erneut seine ausufernde Fabulierkunst unter Beweis gestellt.
Er breitet seine Geschichten gerne langsam und mit vielen Vorläufen vor uns aus.
So trifft man den Koch Dominic und seinen Sohn Danny hoch oben am Twistet River zwischen Holzfällern und groben Kerlen an. Woher Dominic stammt, wie es zu einer Verkrüppelung seines Beines kam, und wie er zum Koch wurde, das wird in der Erzählung erst später aufgeschlüsselt, denn zuerst geht es einmal um die Atmosphäre im Holzfällermilieu.
Danny ist zwölf, und er ist neugierig. Er lebt bei seinem Vater, denn seine Mutter ist tot. Ihr Tod bleibt vorläufig ein Geheimnis. Langsam, beschaulich und wenig spektakulär verläuft das Leben von Vater und Sohn, in dem allenfalls der frühe Tod des jungen Angel im Fluss für Aufregung sorgt.
Mit sich steigernder Intensität nähert sich John Irving dem eigentlichen Plot: in dem wilden Milieu der Holzfäller kommt es immer wieder zu Sauf- und Sexexzessen. Zu karg und schwer ist das Leben, als dass das Wochenende nicht zu ausufernder Triebbefriedigung herhalten muss. Anlässlich eines solchen Abends geschieht ein Unglück bei Dominik im Haus :sein Sohn Danny verwechselt Indianer Jane beim Beischlaf mit seinem Vater mit einem Bären und erschlägt sie mit einer Bratpfanne! Zu allem Unglück ist sie die Geliebte des Dorfpolizisten, und seine Rache ist ihnen gewiss!
So beginnt ein Leben auf der Flucht für Vater und Sohn, das sie weit herumkommen lässt von Boston nach Vermont, Iowa und zuletzt nach Kanada. In großen Zeitabständen nehmen wir an der jahrelangen Flucht der beiden teil.
Danny will Schriftsteller werden; ist das als symbolische Annäherung an den Autor zu verstehen?
Die geschilderten Typen im Holzfällerlager sind von markiger Herzlichkeit, zugleich grob und rau, dazu feinfühlig und gleichzeitig burschikos: die Palette ist breit, mit denen Irving seine Figuren agieren lässt. Die Abenteuer von Vater und Sohn auf der Flucht füllen Seite um Seite.
Am Ende zeigt John Irving wieder einmal seine großartige Fähigkeit, atmosphärische Schilderungen über Land und Leute zu entwerfen, mit denen ihn die Komik des Augenblicks, die Liebe, der Humor und das Leben mit seinem ganzen Facettenreichtum verbindet. Teilweise melancholisch, weise und klug unterhält uns John Irving in alt bekannter Weise. Danny und Sixpack erinnern sich zuletzt an den alten Ketchup mit den Worten:
“Wir versuchen, uns unsere Helden am Leben zu erhalten; deshalb erinnern wir uns an sie”. Dieses Motto könnte vielen Werken von John Irving vorangestellt sein.
Etwas breit angelegt und Geduld fordernd ist die ausufernde Schilderung. Irving-Liebhaber werden auf ihre Kosten kommen, wenn der Autor auch schon bessere Romane verfasst hat.
3. Juli 2010 um 23:00 Uhr
Ein sehr gutes Buch
Das neue Buch von John Irving ist großartig. Wunderschön leicht zu lesen und die Handlung ist unglaublich spannend sowie lustig, traurig und originell. Ich habe wirklich schon lange keinen so schönen Roman mehr in der Hand gehabt. Das ist nicht mein erstes Buch von ihm und bestimmt auch nicht mein letztes.
Auch dieses Buch besticht durch die schöne Sprache, durch den schönen tragikkomischen Schreibstil, der lebendig und anspruchsvoll zugleich ist - typisch Irving eben. Liebevoll beschriebene Charaktere. Ich konnte mich wunderbar in sie hineinversetzen.
John Irving schreibt wieder mal über das Leben einer Familie und auch diese Familie bleibt nicht von Schicksalsschlägen verschont. Er schildert einfühlsam und lebensnah das auf und ab, die tragischen Phasen im Leben seines Protagonisten Dominic. Trotz der harten Schicksalsschläge, die sein Leben für immer verändern, zeigt Dominic Charakterstärke. Er steht ständig vor schweren Entscheidungen oder Konflikten und trotzdem gibt er seine Hoffnung - dass es besser werden wird - nicht auf. Dominic weiß, was sein Leben lebenswert macht und meistert mutig die Schwierigkeiten, die auf ihn und seinen Sohn Danny zukommen. Die beiden erleben alle Höhen und Tiefen, gehen zusammen durch dick und dünn.
Eine gefühlvolle Vater-Sohn Geschichte, die das Herz berührt.
Unterhaltsam und immer wieder lesenswert.
3. Juli 2010 um 23:00 Uhr
Odysee von Vater und Sohn
Der brandneue Roman des Bestsellerautors John Irving führt uns in die fünfziger Jahre und in die Welt der Flößer. Die Geschichte, die durch den halben nordamerikanischen Kontinent geht und einen Bogen durch ein halbes Jahrhundert schlägt, spiegelt auf über 700 Seiten fast ein ganzes amerikanisches Leben. Es beginnt 1954 in den Wäldern von New Hampshire, in dem abgelegenen Flößer- und Holzfällercamp Twisted River. Eines der bei Irving immer einmal wiederkehrendes Motiv steht am Anfang des Romans, dieses Mal ist es der Bär.
Der zwölfjährige Daniel Baciagalupo, Sohn des Kochs vom Holzfällercamp, hört ungewöhnliche Geräusche die aus dem Schlafzimmer seines Vaters kommen, muss dabei spontan an den Bären denken, den der Vater einst mit einer Bratpfanne in die Flucht geschlagen hat. Er hält die 140 Kilo schwere indianische Tellerwäscherin die beim Geschlechtsakt auf seinem Vater liegt für einen Bären und erschlägt sie mit der gusseisernen Bratpfanne. Unglücklicherweise war sie auch die Geliebte des versoffenen und korrupten Dorfsheriffs “Cowboy Carl”. Dieser Totschlag ist nun Ursache dafür, das Vater Dominic und Sohn Danny noch in derselben Nacht überhastet fliehen. Es beginnt eine verwegene Flucht.
Auf der Flucht heuert der Koch in immer neuen Küchen an. Zunächst findet er in Boston, im Italiener Viertel North End, eine Stelle in einem viel besuchten Restaurant. Hier kocht er italienisch. Von nun an dreht sich alles ums Essen und um Frauen. Doch das Leben bleibt für Vater und Sohn eine Achterbahnfahrt mit einem Maximum an Glück, tiefgreifenden Schmerz und eigensinnigen attraktiven Frauen die kommen und gehen. Dabei geht es nicht nur um die Vater Sohn Idylle, sondern es geht auch um die weitere Familie. Es passieren die fürchterlichsten Dinge an schlimmen Orten, es gibt entsetzliche, monsterähnliche Gestalten, Konflikte werden mit roher Gewalt gelöst und es gibt jede Menge Irritationen. Es ist eine große Geschichte die sich aus vielen kleine zusammensetzt, wobei die einzige Konstante die Familie ist, die bei Irving bekanntlich immer nur aus Männern besteht.
Der Sheriff aus dem Holzfällercamp hat die beiden nicht vergessen. Er sinnt nach Rache und so geht die Odyssee von Vater und Sohn nach dreizehn Jahren weiter. Sie flüchten nach Vermont, wo Dominic chinesisch kocht und dann nach Toronto wo man seine französischen Kochkünste zu schätzen weiß.
Man könnte den Roman als Familiensage katalogisieren, aber es ist in erster Linie ein Entwicklungsroman denn aus Daniel wird im Laufe der Jahre ein weltberühmter Schriftsteller. Irving zeichnet seine eigene Karriere, persifliert sich zunächst selbst, darauf deuten autobiografische Details aus dem Leben des Autors hin. Nach einem mäandernden Anfang wird das Buch zur Mitte hin ernster und es kommt zu Verwebungen in den Beziehungen Autor, Erzähler und Protagonist. Daniel gelingt mit einem Drehbuch für den er einen Oscar bekommt der Durchbruch. Er, der sich mittlerweile Danny Angel nennt, reflektiert in weiteren Romanen über Abtreibung, Vietnam, 9/11 und amerikanische Präsidenten. Und so wird aus der anfänglichen “Bratpfannengeschichte” ein Buch über das Bücherschreiben, ein Lieblingsthema von Irving.
Vater und Sohn sehnen sich danach endlich zur Ruhe zu kommen. 2005 endet die Geschichte als der einsame, mittlerweile 63 jährige Autor die Frau seiner Träume findet. Die schwebte 38 Jahre als übergewichtige Nacktfallschirmspringerin “Lady Sky” über der Geschichte.
Neben Vater und Sohn gibt es da noch Irvings Lieblingscharakter dieses Buches, eine degoutante, hoch komplex und komplizierte Erscheinung, fast so etwas wie ein Adoptivvater von Danny. Es ist Ketchum ein raubeiniger Holzfäller, der im reifen Alter erst lesen lernt und dann die Bücher wie ein Literat verschlingt. Er ist eigentlich der Dreh- und Angelpunkt in dieser ganzen Geschichte, er sorgt dafür, dass die Geschichte nicht aus dem Ruder läuft, die Spannung erhalten bleibt. Denn er ist einerseits Warner vor dem verrückten “Cowboy” Carl, andererseits sorgt er aber auch dafür, dass dieser die Spur nicht verliert.
Auf der letzten Seite erfährt der Leser, “dass Geschichten Wunder sind, die sich einfach nicht aufhalten lassen. Er hatte das Gefühl, dass das große Abenteuer seines Lebens erst begann.” Daniel Baciagalupo ein 63 jähriger weltberühmter Schriftsteller, steht am Ende immer noch vor den großen Abenteuern seines Lebens. Also doch kein braves Alterswerk.
Irving schreibt mit großer Weisheit, Stille und Menschenkenntnis über tief gehende Dinge, die mit der Absurdität der Existenz zu tun haben. Und das was Irving eigentlich in all seinen Romanen macht, das tut er auch hier, er zieht seinen Leser dicht in das Geschehen hinein, man ist dicht an den Figuren, man erlebt diese Welt wirklich hautnah mit. Er schafft diese Involvierung weil er durch eine Vorausdeutung solche Spannung erzeugt, wie man sie sonst nur bei großen Kriminalautoren findet.
Doch eine Schwäche hat der Roman und die liegt in der Schriftstellerfigur, da wo es um die Natur des Schreibens geht, da wo explizit eine autobiografische Ebene hineinkommt. Irving versucht diese Hauptfigur zu formen und wenn er dann darauf verweist wie sensibel dieser Mensch ist und wie sehr er sich von dem “Rest der Welt” abhebt, dann ist das wirklich zu anmaßend und selbstverliebt. Diese narzisstische Darstellung als “Künstler” widerspricht eigentlich dem von Irving bekanntem Dogma des “Handwerkers”.
Dennoch, Irving hat mit “Letzte Nacht in Twisted River” wieder einen famosen Roman komponiert, ein prachtvoller Schmöker der wie ein wunderbares Märchen daher kommt. Vielleicht ist dieser zwölfte Roman einer seiner schönsten auf jeden Fall strukturell das anspruchvollste seiner Bücher. Man ist in dieser Irving Märchenwelt so eingebunden, dass man ein bisschen traurig ist wenn das Buch zu ende geht und man diese Welt wieder verlassen muss.
10. Juli 2010 um 01:17 Uhr
Ein Meisterwerk
Endlich erfolgreich: Mit seinem vierte Roman geht es für Daniel Angel endlich bergauf. Jetzt kann er nur vom Schreiben leben und sich um seinen Sohn kümmern. Eigentlich, denn seine Vergangenheit lässt ihn nicht los: Als Zwölfjähriger allein in der Obhut seines Vaters aufgewachsen, tötete er damals dessen Geliebte aus Versehen. Seither ist ihm, seinem Vater und auch seinem Sohn der brutale Dorfpolizist auf den Fersen. Einziger Ausweg: Eine Flucht von der amerikanischen Heimat ins nahe Kanada und dort von Ort zu Ort. Neben Umzugsanstrengungen und existenziellen Sorgen gibt es in jeder neuen Heimat eine neue Identität. Mit «Letzte Nacht in Twisted River» ist Bestsellerautor John Irving erneut ein Meisterwerk gelungen. In gewohnt skurril und makaber überzeichneten Begebenheiten, die stets im Tragikomischen enden, zeichnet er auf 736 Seiten ein präzises Bild der amerikanischen Gesellschaft. Ein Muss nicht nur für Irving-Fans.