Nach der Krise: Gibt es einen anderen Kapitalismus? (Roger de Weck)
Hier kaufen und weitere Informationen…
Schlagworte: Roger de Weck
Hier kaufen und weitere Informationen…
Schlagworte: Roger de Weck
Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.
17. Dezember 2009 um 08:00 Uhr
Aus der Krise lernen?
Roger de Weck: Nach der Krise
Gibt es einen anderen Kapitalismus. Ja, nach der Lektüre dieses Buches bejahe ich das. Der Kapitalismus ist keine Religion. Er ist eine interessengesteuerte Erscheinung. Schnell gibt er seine vermeintlichen Dogmen in Krisensituationen auf: Weniger Staat, weniger Regeln, weniger Rücksicht auf die Verlierer. In der derzeitigen Krise zählten diese Dogmen für die mit Kapital handelnden sehr wenig, sie sind beliebig. Der Staat musste regulierend eingreifen. Roger de Weck zeigt auf, wie schnell die ultraliberalen Marktteilnehmer ihre vorgeblichen Überzeugungen über Bord werfen, nur um zu retten was gerade noch zu retten ist. Der Staat tritt als Produktionsfaktor, neben Kapital und Arbeit, hinzu. Hellsichtig beschreibt er auch die Vernachlässigung des Faktors Arbeit zu Gunsten des Faktors Kapital. Die steuerlichen Entlastungen im Kapitalverkehr führten zu einer Umverteilung: Die Einnahmen des Staates resultieren zu einem immer größeren Maße aus dem Faktor Arbeit. Diese Einnahmen können aber auf Dauer die wachsenden Staatsaufgaben nicht finanzieren. Eine steigende Verschuldung des Staates ist die Folge. Karl Marx wird zitiert: Wodurch überwindet die Bourgeoisie ihre Krisen? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert. Er erläutert, wenn wir weiter zulassen, dass Geld - Geld verdient und nicht die Arbeit eine notwendige Voraussetzung ist, wird die nächste Blase vorbereitet. Wenn Unternehmen, durch die erhebliche Senkung der steuerlichen Belastung in den letzten Jahren über immer größere Beträge verfügen, die sie nicht, wie die Theorie angenommen hat, in Arbeitsplätze investieren, sondern auf Kapitalmarkt die größeren Renditen erzielen, werden weitere Steuersenkungen ohne Wachstumswirkung bleiben. Roger de Weck zeigt am Schluss seines Buches Veränderungsmöglichkeiten für den Kapitalismus auf. Es handelt sich um dringend gebotene Veränderungen. Wer eine glasklare Analyse der derzeitigen wirtschaftpolitischen Situation lesen möchte, der möge dieses Buch lesen und am besten kaufen!
17. Dezember 2009 um 08:00 Uhr
Wie soll’s weitergehen?
Praxisnahe Denkanstöße zum Umbau der bestehenden Verhältnisse in überaus kompakter Form (110 Seiten), auf aktuellstem Stand, kompetent: absolut lesens- und empfehlenswert!
17. Dezember 2009 um 08:00 Uhr
Aus der Krise lernen?
Roger de Weck: Nach der Krise
Gibt es einen anderen Kapitalismus. Ja, nach der Lektüre dieses Buches bejahe ich das. Der Kapitalismus ist keine Religion. Er ist eine interessengesteuerte Erscheinung. Schnell gibt er seine vermeintlichen Dogmen in Krisensituationen auf: Weniger Staat, weniger Regeln, weniger Rücksicht auf die Verlierer. In der derzeitigen Krise zählten diese Dogmen für die mit Kapital handelnden sehr wenig, sie sind beliebig. Der Staat musste regulierend eingreifen. Roger de Weck zeigt auf, wie schnell die ultraliberalen Marktteilnehmer ihre vorgeblichen Überzeugungen über Bord werfen, nur um zu retten was gerade noch zu retten ist. Der Staat tritt als Produktionsfaktor, neben Kapital und Arbeit, hinzu. Hellsichtig beschreibt er auch die Vernachlässigung des Faktors Arbeit zu Gunsten des Faktors Kapital. Die steuerlichen Entlastungen im Kapitalverkehr führten zu einer Umverteilung: Die Einnahmen des Staates resultieren zu einem immer größeren Maße aus dem Faktor Arbeit. Diese Einnahmen können aber auf Dauer die wachsenden Staatsaufgaben nicht finanzieren. Eine steigende Verschuldung des Staates ist die Folge. Karl Marx wird zitiert: Wodurch überwindet die Bourgeoisie ihre Krisen? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert. Er erläutert, wenn wir weiter zulassen, dass Geld - Geld verdient und nicht die Arbeit eine notwendige Voraussetzung ist, wird die nächste Blase vorbereitet. Wenn Unternehmen, durch die erhebliche Senkung der steuerlichen Belastung in den letzten Jahren über immer größere Beträge verfügen, die sie nicht, wie die Theorie angenommen hat, in Arbeitsplätze investieren, sondern auf Kapitalmarkt die größeren Renditen erzielen, werden weitere Steuersenkungen ohne Wachstumswirkung bleiben. Roger de Weck zeigt am Schluss seines Buches Veränderungsmöglichkeiten für den Kapitalismus auf. Es handelt sich um dringend gebotene Veränderungen. Wer eine glasklare Analyse der derzeitigen wirtschaftpolitischen Situation lesen möchte, der möge dieses Buch lesen und am besten kaufen!
17. Dezember 2009 um 08:00 Uhr
Wie soll’s weitergehen?
Praxisnahe Denkanstöße zum Umbau der bestehenden Verhältnisse in überaus kompakter Form (110 Seiten), auf aktuellstem Stand, kompetent: absolut lesens- und empfehlenswert!
12. Januar 2010 um 18:17 Uhr
Die Krise hat die Plutokratie enttarnt! Und was uns das nützt.
Gibt es einen anderen Kapitalismus?
Ja, es gibt ihn, muss ihn geben. Doch er wird nirgends bereits gelebt, wir können ihn nicht finden, sondern müssen ihn erfinden. De Weck schreibt ein kleines Weissbuch dazu.
Zuerst könnten wir uns daran erinnern, dass der Kapitalismus nicht nur vom Kapital, sondern eben auch von der Arbeit lebt. Doch während Arbeit ortsgebunden, meist kräftig besteuert und als Kostenfaktor verschrien ist, ist Kapital mobil, grenzenlos und vielerorts steuerbefreit und leider: akkumuliert in wenigen Händen. Es gibt heute den Steuerwettbewerb. Wer über Kapital verfügt, wird von den Steuerhoheiten hofiert, wer Arbeit leisten will, ist Bittsteller, einer von vielen. Und der Staat? Notwendiges Übel. Auffangbecken für die, die vom freien Markt zermalmt und ausgespuckt wurden. Der Staat ist ineffizient und teuer.
“Der Vorsitzende der Schweizer Privatbankiers Konrad Hummler, sagte es rundheraus: “Ein Glaubensbekenntnis von mir ist, dass jeder Franken, der am Staat vorbeigeht, ein gut eingesetzter Franken ist, weil er weniger Schaden anrichtet.” [15]
“Wird - wie heute - der eine Produktionsfaktor gegenüber dem anderen systematisch privilegiert, geraten Volkswirtschaft und Gesellschaft in Schieflage. Angestellte und Arbeiter ziehen auch dann den Kürzeren, wenn nach der Schuldenkrise der Abbau der “Krisenschulden” über eine hohe Inflation erfolgt und die Geldentwertung ihre Ersparnisse, ihre Pension dezimiert.” [16]
De Weck sieht einen Ansatzpunkt in der Rückführung des Verhältnisses von Staat und privater Wirtschaft zur Symbiose. Mehr noch, er sieht den Staat als wesentlichen Produktionsfaktor und Leister von unverzichtbaren Garantien.
“Nicht nur Grossbanken geniessen eine Staatsgarantie, sondern auch alle Kernkraftwerke, deren Höchstrisiko kein privater Versicherer zu schultern wagt.”[19]
Und wer Garantien bezieht, hat dafür zu zahlen und zwar gestalten sich die Prämien nach dem Risiko, das der Verischerungsnehmer zu fahren beabsichtigt.
Mancher, der unter Arbeitsbedingungen gelitten hat, hat es schon geahnt, wagte aber gar nicht zu denken, was De Weck durch ein Zitat von Laurent Quintreau ausspricht:
“Unternehmen sind totalitär strukturiert, ihre Rituale sind totalitär aufgebaut.” [21]
Da man vor der Krise hätte meinen können, der Staat sei ein Auslaufmodell, weil ja der Markt selber viel besser steuern kann, stellt De Weck ab Seite 24 die 10 Mängel des Marktes zusammen. Sehr eindrücklich formuliert z.B. in einem Zitat von Amartya Sen:
“Hat einer fast nichts anzubieten, kann er auch fast nichts nachfragen und wird deshalb den Kürzeren ziehen gegenüber anderen, deren Bedürfnisse wesentlich weniger dringlich sind.” [25]
Doch im Verlauf der Untersuchung dringt eines immer wieder durch. Die Vermutung, dass intellektuelle Konzepte und Bekenntnisse auch dann noch zu schwach sein könnten, wenn sie sich von einer funktionierenden Demokratie getragen wissen.
“Möglich ist freilich auch das gegenteilige, gewalttätige Szenario: Im Verteilungskampf um knappe Resourcen, deren Wert unaufhaltsam steigt, wachsen sowohl die Begierde als die Überlebensnotwendigkeit, sich immer mehr “Güter der Erde” auf Kosten der Mitmenschen privat anzueignen, allen voran das Wasser. Das Feld dessen, was Privatbesitz sein darf, würde sich immerfort ausdehnen. Politische Konflikte und Kriege wären die Folge.” [62]
Schon Adam Smith, eben nicht nur der Autor von “The Wealth of Nations”, sondern auch der Autor von “The Theory of Moral Sentiments”, wusste, dass Ökonomie mehr sein muss, als eine Technik zur Akkumulation von Kapital:
“Zurück zu Adam Smith und seiner “Theorie der ethischen Gefühle”, wonach Freiheit auf dem Mitgefühl und der Verantwortung für die Mitmenschen gründet.” [88]
Fazit
De Weck hat ein dichtes, kurzes und atemloses Buch geschrieben. Auf einer Hatz nach den Ungerechtigkeiten des modernen Kapitalismus schrammen wir an allem vorbei, was dabei irgendeine Rolle spielt. De Weck prangert an, zieht Fazit um Fazit, erstellt Listen, geht 2000 Jahre zurück zu Tacitus, befragt den Nobelpreisträger von 1998, Amartya Sen, erinnert sich an das Rehabilitationsfähige bei Marx, findet Konzepte bei Böckenförde, Binswanger, Sik, Proudhon und gemahnt mit Paul Virilio zur Langsamkeit. Das ist viel und zeugt von stupender Belesenheit des Autors. Es lässt aber auch die Frage zu, ob es genug sein kann. Ich habe in dem Text nach einem roten Faden gesucht und eigentlich deren zwei gefunden. Zum einen die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann und dass wir alle als verwöhnte Konsumenten endlich aufwachen müssen - und zum anderen, dass wir der mittlerweile beeindruckenden Apparatur der Kapitalinteressen eigentlich wenig entgegensetzen können.
Die zentrale Frage des Buches lautete: Gibt es einen anderen Kapitalismus? Die Antwort könnte lauten: man kann ihn zumindest denken und man muss ihn denken. Doch eine andere Frage taucht auf und ist von grösster Dringlichkeit: Können wir den Umbruch zu einem neuen Kapitalismus (der ökosozialen Marktwirtschaft) in geordneten Bahnen vollziehen?
“Die Geschichte gibt wenig Anlass zur Hoffnung, dass sich der weltweite Laissez-faire leicht reformieren lässt. Immerhin haben sich westliche Regierungen erst nach Katastrophen der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkriegs aus dem Griff älterer Orthodoxien des freien Markts befreit. Unwahrscheinlich also, dass man gangbare Alternativen zum Laissez-faire findet, bevor es nicht erneut zu einer Wirtschaftskrise kommt. Diese allerdings wird dann wesentlich gravierender sein, als alles, was wir bislang erlebt haben.” [104, Zitat von J. Gray]
Dieses Buch leistet viel auf wenig Papier. Was mir zu kurz gekommen ist, ist die Frage nach den konkreten Möglichkeiten (und Gefahren) das Gedachte ins Werk zu setzen. Ist die EU fähig die Stimmen der Bürger zu hören und zu bündeln? Regiert in den USA wirklich noch der amerikanische Präsident? Was geschieht, wenn die Natur unverkennbar eine Rechnung vorlegt, die nicht einmal mehr via Inflation sozialisiert werden kann? 4 Sterne.
14. März 2010 um 19:17 Uhr
Warum der Kapitalismus reformiert werden muss
Der Kapitalismus ist tot, es lebe der Kapitalismus! Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise gibt Anlass zur Systemkritik, doch einen Systemwechsel fordert kaum einer - auch nicht Roger de Weck. Allerdings stellt der ehemalige Chefredakteur der Zeit und des Tages-Anzeigers die Schwächen des Kapitalismus ins Zentrum. So treffsicher seine Analyse ist, so kleinteilig fällt das Ergebnis aus. Das skizzierte ökosoziale Reformprojekt besteht aus lauter zarten Pflanzen, in deren Ansammlung nicht jeder Leser einen heranwachsenden Wald erkennen wird. De Weck, der das Hektische am Kapitalismus anprangert, eilt selbst von rechts nach links und von groß zu klein. Das ist unterhaltsam, aber der Streifzug lässt jene ratlos zurück, die auf manche Fragen eine handfeste Antwort haben wollen - darunter so gewichtige wie jene nach der Zukunft der Zentralbanken oder der Aktiengesellschaften. Trotzdem ist das Buch sehr lesenswert, und getAbstract empfiehlt es allen, die mit dem feingeistigen Roger de Weck über Optionen nach der Krise nachdenken wollen.
14. März 2010 um 19:17 Uhr
Warum der Kapitalismus reformiert werden muss
Der Kapitalismus ist tot, es lebe der Kapitalismus! Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise gibt Anlass zur Systemkritik, doch einen Systemwechsel fordert kaum einer - auch nicht Roger de Weck. Allerdings stellt der ehemalige Chefredakteur der Zeit und des Tages-Anzeigers die Schwächen des Kapitalismus ins Zentrum. So treffsicher seine Analyse ist, so kleinteilig fällt das Ergebnis aus. Das skizzierte ökosoziale Reformprojekt besteht aus lauter zarten Pflanzen, in deren Ansammlung nicht jeder Leser einen heranwachsenden Wald erkennen wird. De Weck, der das Hektische am Kapitalismus anprangert, eilt selbst von rechts nach links und von groß zu klein. Das ist unterhaltsam, aber der Streifzug lässt jene ratlos zurück, die auf manche Fragen eine handfeste Antwort haben wollen - darunter so gewichtige wie jene nach der Zukunft der Zentralbanken oder der Aktiengesellschaften. Trotzdem ist das Buch sehr lesenswert, und getAbstract empfiehlt es allen, die mit dem feingeistigen Roger de Weck über Optionen nach der Krise nachdenken wollen.
19. März 2010 um 20:51 Uhr
Der real existierende Kapitalismus hinkt auf dem rechten Bein, der real existierende Sozialismus auf dem linken.
Der Markt ist nicht das Ziel oder gar das Ideal, sondern ein unbefriedigendes Instrument mit Schwächen. Alle Vernunft spricht dafür, es einzusetzen, aber auch dafür, seinen arteigenen Schwächen Rechnung zu tragen. Diese “Schwächen” analysiert der Autor auf prägnante und auch für ökonomische Nichtexperten verständliche Art und Weise.
Eine dieser Schwächen der real existierenden Marktwirtschaft besteht darin: Markt ist Macht. Während (neo)liberale Propagandisten, Ideologen und Think Tanks wie z.B. das HWWI, die Stiftung Marktwirtschaft und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft einseitig vor der Planwirtschaft des Staates warnen und “mehr Wettbewerb” und “mehr Freiheit” bzw. “mehr Deregulierung” fordern, weisst der Autor darauf hin, dass sich gerade große Konzerne und mächtige Firmen, wenn ihnen von der Politik bzw. dem Staat keine Schranken gesetzt werden, weit davon entfernt sind, sich den Marktgegebenheiten zu unterwerfen. Am liebsten möchten sie den Markt beherrschen, dann können sie ihn besser planen. Firmen wettern daher gegen jedes Monopol, das sie nicht selbst ausüben.
Der Weg zur Marktmacht geht nicht nur über Kartelle, also die planwirtschaftliche Aufteilung des Marktes und die gezielte Ausschaltung des Wettbewerbs, sondern insbesondere über Fusionen und Übernahmen, aus denen dann Riesenkonzerne erwachsen, wo die Kommandowirtschaft grassiert. Manche dieser Riesenkonzerne und Riesenbanken sind inzwischen so groß, dass sie nie untergehen dürfen und deswegen eine (systemrelevante) “Staatsgarantie” genießen. Intern herrschen in diesen Unternehmen Bürokratie, Autokratie und feudale Strukturen. Nicht die besten Ideen zum Wohle aller setzen sich durch, sondern die spitzesten Ellenbogen und die größte Dosis Vitamin B. Den Apologeten des “freien Marktes” zuwider werden nicht die für die Konsumenten besten Produkte entwickelt und produziert, sondern diejenigen, die am schnellsten Gewinn versprechen und dazu führen, dass der betreffende Produktmanager in der Unternehmenshierachie nach oben klettert.
Der Kapitalismus “hinkt”, schreibt der Autor an einer anderen Stelle. Die breite Mittelschicht wird die Kosten der Wirtschaftskrise(n) tragen, solange sich der Staat mehr und mehr aus den Arbeitseinkünften finanziert und zugleich die Abgaben auf die Arbeit erhöhen muss: die Sozialabgaben. Die Wirtschaftskrise(n) tragen dazu bei, die Sozialversicherungen weiter auszuhöhlen. Mehr Lohnprozente für schlechtere Leistungen der Arbeitslosen-, Renten- und erst recht der Krankenversicherurng - das war schon vor dem “Krach” die Tendenz, jetzt verstärkt sie sich. Wenn aber zusehends die Arbeitnehmer das Gemeinwesen finanzieren, während der Staat einen beträchtlichen Teil der Verluste schwerreicher Kapitalgeber sozialisiert, dann hinkt der Kapitalismus ganz gewaltig.
Das Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit ist aber nicht nur ein soziales Gebot, sondern vor allem ein ökonomisches: Wird - wie heute - der eine Produktionsfaktor gegenüber dem anderen systematisch privilegiert, geraten Volkswirtschaft und Gesellschaft in Schieflage. … Fahren Staat und Kapitalismus fort, das Kapital zu bevorzugen und die Arbeit zu benachteiligen, wird er Kapitalismus wirtschaftlich und politisch noch anfälliger. Wie die Geschichte zeigt, kann die Krise des Kapitalismus kapitale Staatskrisen hervorrufen.
Ideologen erstreben immer das Vollkommene. Läuft etwas schief, wissen sie auch den Grund: Der Sozialismus sei noch nicht perfekt, aber alles werde gut, sobald der Kommunismus erreicht sei, die höchste Stufe des Fortschritts, sag(t)en die einen. Und die anderen führ(t)en jedes Problem darauf zurück, dass der Markt nicht “frei” genug sei, weshalb er nicht einwandfrei funktionieren würde und sich die bekannte “unsichtbare Hand” nicht zum Wohle und zum Segen aller entfalten könne.
Der Autor analysiert nicht nur die Schwächen der Marktwirtschaft und entlarvt die Fehler des real existierenden Kapitalismus, er zeigt auch die Instrumente und Wege auf, die zu einem “ausgewogenen Kapitalismus” führen: Weder (mehr) Markt noch (mehr) Staat, weder Regulierung noch Deregulierung sind die Allheilmittel - das ist bzw. sollte die Lehre aus der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise sein -, sondern staatliche Mechanismen zur Mäßigung von Gier, ein besseres Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit und Schranken für den ruinösen Steuerwettbewerb, der mittelfristig alle Staaten auszehrt.
19. März 2010 um 20:51 Uhr
Der real existierende Kapitalismus hinkt auf dem rechten Bein, der real existierende Sozialismus auf dem linken.
Der Markt ist nicht das Ziel oder gar das Ideal, sondern ein unbefriedigendes Instrument mit Schwächen. Alle Vernunft spricht dafür, es einzusetzen, aber auch dafür, seinen arteigenen Schwächen Rechnung zu tragen. Diese “Schwächen” analysiert der Autor auf prägnante und auch für ökonomische Nichtexperten verständliche Art und Weise.
Eine dieser Schwächen der real existierenden Marktwirtschaft besteht darin: Markt ist Macht. Während (neo)liberale Propagandisten, Ideologen und Think Tanks wie z.B. das HWWI, die Stiftung Marktwirtschaft und die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft einseitig vor der Planwirtschaft des Staates warnen und “mehr Wettbewerb” und “mehr Freiheit” bzw. “mehr Deregulierung” fordern, weisst der Autor darauf hin, dass sich gerade große Konzerne und mächtige Firmen, wenn ihnen von der Politik bzw. dem Staat keine Schranken gesetzt werden, weit davon entfernt sind, sich den Marktgegebenheiten zu unterwerfen. Am liebsten möchten sie den Markt beherrschen, dann können sie ihn besser planen. Firmen wettern daher gegen jedes Monopol, das sie nicht selbst ausüben.
Der Weg zur Marktmacht geht nicht nur über Kartelle, also die planwirtschaftliche Aufteilung des Marktes und die gezielte Ausschaltung des Wettbewerbs, sondern insbesondere über Fusionen und Übernahmen, aus denen dann Riesenkonzerne erwachsen, wo die Kommandowirtschaft grassiert. Manche dieser Riesenkonzerne und Riesenbanken sind inzwischen so groß, dass sie nie untergehen dürfen und deswegen eine (systemrelevante) “Staatsgarantie” genießen. Intern herrschen in diesen Unternehmen Bürokratie, Autokratie und feudale Strukturen. Nicht die besten Ideen zum Wohle aller setzen sich durch, sondern die spitzesten Ellenbogen und die größte Dosis Vitamin B. Den Apologeten des “freien Marktes” zuwider werden nicht die für die Konsumenten besten Produkte entwickelt und produziert, sondern diejenigen, die am schnellsten Gewinn versprechen und dazu führen, dass der betreffende Produktmanager in der Unternehmenshierachie nach oben klettert.
Der Kapitalismus “hinkt”, schreibt der Autor an einer anderen Stelle. Die breite Mittelschicht wird die Kosten der Wirtschaftskrise(n) tragen, solange sich der Staat mehr und mehr aus den Arbeitseinkünften finanziert und zugleich die Abgaben auf die Arbeit erhöhen muss: die Sozialabgaben. Die Wirtschaftskrise(n) tragen dazu bei, die Sozialversicherungen weiter auszuhöhlen. Mehr Lohnprozente für schlechtere Leistungen der Arbeitslosen-, Renten- und erst recht der Krankenversicherurng - das war schon vor dem “Krach” die Tendenz, jetzt verstärkt sie sich. Wenn aber zusehends die Arbeitnehmer das Gemeinwesen finanzieren, während der Staat einen beträchtlichen Teil der Verluste schwerreicher Kapitalgeber sozialisiert, dann hinkt der Kapitalismus ganz gewaltig.
Das Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit ist aber nicht nur ein soziales Gebot, sondern vor allem ein ökonomisches: Wird - wie heute - der eine Produktionsfaktor gegenüber dem anderen systematisch privilegiert, geraten Volkswirtschaft und Gesellschaft in Schieflage. … Fahren Staat und Kapitalismus fort, das Kapital zu bevorzugen und die Arbeit zu benachteiligen, wird er Kapitalismus wirtschaftlich und politisch noch anfälliger. Wie die Geschichte zeigt, kann die Krise des Kapitalismus kapitale Staatskrisen hervorrufen.
Ideologen erstreben immer das Vollkommene. Läuft etwas schief, wissen sie auch den Grund: Der Sozialismus sei noch nicht perfekt, aber alles werde gut, sobald der Kommunismus erreicht sei, die höchste Stufe des Fortschritts, sag(t)en die einen. Und die anderen führ(t)en jedes Problem darauf zurück, dass der Markt nicht “frei” genug sei, weshalb er nicht einwandfrei funktionieren würde und sich die bekannte “unsichtbare Hand” nicht zum Wohle und zum Segen aller entfalten könne.
Der Autor analysiert nicht nur die Schwächen der Marktwirtschaft und entlarvt die Fehler des real existierenden Kapitalismus, er zeigt auch die Instrumente und Wege auf, die zu einem “ausgewogenen Kapitalismus” führen: Weder (mehr) Markt noch (mehr) Staat, weder Regulierung noch Deregulierung sind die Allheilmittel - das ist bzw. sollte die Lehre aus der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise sein -, sondern staatliche Mechanismen zur Mäßigung von Gier, ein besseres Gleichgewicht zwischen Kapital und Arbeit und Schranken für den ruinösen Steuerwettbewerb, der mittelfristig alle Staaten auszehrt.
30. April 2010 um 17:00 Uhr
“Die Weltwirtschaft erfüllt ihre Kernaufgabe nicht, …
…nämlich alle Menschen zu ernähren.” (Peter de Weck)
Wir saßen am Wochenende im Café Sprüngli in Zürich, eingefasst durch ein lautes Banker-Verkaufsgespräch, in dem der Unternehmer um die richtige Strategie bat. “Wir suchen uns ein leckeres Marktsegment, mit dem wir schnelle 20% erzielen können” war einer der Satzfetzen, die uns den Löffel im Kaffee gefrieren ließen. Diese Gespräche werden in New York genauso stattfinden wie in Frankfurt oder Paris. In der beschaulichen Schweiz klingeln solche Worte jedoch unverständlicher und gieriger als anderswo. Nie gab es hier eine wirkliche Katastrophe, das Gebet des Geldes hallt hoch oben von den Bergen in idyllische Ortschaften, alles ist gut und nie soll sich daran etwas ändern.
2003 wurde der Milliardär Christoph Blocher Schweizer Justizminister. Gleichzeitig avancierte der Wirtschaftsberater Hanns-Rudolf Merz - Ex UBS Angestellter und Expräsident eines von der der UBS erworbenen Instituts - zum Schweizer Finanzminister. Marcel Oppel, der UBS Präsident, frohlockte damals und meinte, dies “läute zum Wohle des Landes eine weitere erfolgreiche Phase des Finanzplatzes Schweiz ein. Marcel Oppel versenkte bekanntlich inzwischen das helevetische Flaggschiff.
Simon Johnson sagt, dass alle Finanzkrisen der jüngeren Zeit dadurch ausgelöst wurden, dass eine kleine Elite zu viel Macht erhielt.
Wer könnte dem heute widersprechen?
Wenn Sie eine kluge Analyse unserer kapitalistischen Weltprobleme, geschrieben in klaren Sätzen, lesen wollen, dann greifen Sie zu diesem Buch. Fast jeden Satz habe ich laut mit “ja, ja” mitgesprochen. Und ich dachte: wir alle sollten dies lesen, verstehen und danach handeln lernen.
Der Finanzsektor muss geerdet werden. Länder, die dies heute vernünftig mit klaren Regeln tun - wie Kanada oder Schweden - haben ein gesundes Bankensystem, das sich der Realwirtschaft unterordnet und kein Eigenleben führt, das “finanzielle Massenvernichtungswaffen” (Bundespräsident Köhler) herstellt und vertreibt.
Geld macht gierig und selbst in Krisen tendiert der Banker immer wieder zum süchtigen, gelernten Verhalten. Siehe meine Erlebnisse in Zürich. Wir müssen ihnen Fesseln, Regeln, Leitplanken vorgeben. Liberalität heißt vor allem, diese ethischen Vereinbarungen zu definieren und alle Egoismen auszubremsen. Dies ist unsere gemeinsame Aufgabe, die der Autor treffend umreißt und beschreibt. Seine Ausführungen verbleiben nicht im Lamentieren, sie werden konkret und nachvollziehbar.
Andere nutzen für solche Bücher 500 Seiten, Peter de Weck reduziert dies auf glasklare, sprachlich verständliche 120 Seiten. Hier meine Lieblingszitate:
“Der große Ökonom Schumpeter vermutete schon 1947, der Kapitalismus sei in der Tat und Wahrheit eher das letzte Auflösungsstadium dessen, was wir Feudalismus genannt haben.”
“Der flexible Mensch, den der Turbokapitalismus braucht, ist überall, nur nicht bei sich.”
“Wodurch überwindet die Bourgeoisie ihre Krise? Dadurch, dass sie allseitigere und gewaltigere Krisen vorbereitet und die Mittel, den Krisen vorzubeugen, vermindert.” (Karl Marx)
“Der herkömmliche Kapitalismus privilegiert Eigennutz, Kapital, Markt und Wachstum, obwohl Gemeinsinn, Arbeit, Staat und Nachhaltigkeit ebenso wichtig sind.”
Roger de Weck analysiert für eine Zügelung des frei floatenden Kapitalismus und postuliert eine ökosoziale Marktwirtschaft: “Eine sinnvolle Regulierung ist nicht Etatismus - sie verhindert Etatismus.”
Ich persönlich habe meine Zweifel, ob diese Einsichten gehört werden oder ob die monetäre Hortungsgier obsiegt. Ich glaube Letzteres. Und dann wäre es so, dass wir im Zusammenbruch enden. Griechenland und weitere Südländer deuten es an.
Es ist unendlich schwierig, die eigentliche “Problem-Wand” sichtbar zu machen, vor der wir alle stehen. Diese Wand besteht aus unhaltbaren Prämissen, wie z. B. einem immerwährenden und notwendigen Wirtschaftswachstum, alleinseligmachender Konkurrenz am Weltmarkt, zunehmde Ressourcenknappheit und Mangel an weitreichenden Innovationen.
Ich befürchte, dass wir alle auf den finalen Crash zusteuern. Die einzig gute Nachricht ist: früher gab es in solchen Situationen Kriege, die ein erneutes Wirtschaftswachstum ermöglichten. Dies ist heute Gott sei Dank eher unwahrscheinlich. Die Kriege haben wir alle in die armen “Dritte-Welt-Länder” exportiert.
Dieses Buch erklärt richtige, neuen Perspektiven und ein Maßnahmenbündel. Unbedingt lesenswert.
17. Mai 2010 um 06:00 Uhr
:”Die Politik darf sich nicht damit begnügen, strenge Spielregeln für Kasinospieler aufzustellen- sie sollte vielmehr Teile des
Kasinos schließen. Pervers ist etwa die verhängnisvolle Spekulation mit Grundnahrungsmitteln, wenn Preiszuschläge kurzfristig die Dauerhungersnot von Millionen Menschen verschärfen.”(Zitat: De Weck, S. 84)
Auf dem Klappentext dieses hervorragenden kleinen Büchleins erfährt der interessierte Leser, dass das Wirtschaftsystem versagt hat und die Krise allgegenwertig ist. Es handele sich hierbei um eine Krise der Finanz, der Wirtschaftsführer, der Politik und der Medien- dahinter stehe eine Wertekrise.
Dieser Analyse konnte ich sofort zustimmen, kaufte mir das Buch, das verdeutlicht, dass eine öko-soziale Marktwirtschaft die wirklich sinnvolle Alternative zum derzeit herrschenden Kasinokapitalismus darstellt.
Der Volkswirt Roger de Weck, Moderator der Fernsehsendung “Sternstunden Philosophie” und ehemaliger Chefredakteur der Zeit vergisst in seinem Essay nicht Joseph Schumpeter zu erwähnen, der 1947 bereits die “unvermeidliche Auflösung der kapitalistischen Gesellschaft” vorraussagte. Schumpeter bereits analysierte, dass der Wechsel vom herkömmlichen Unternehmer, der Eigentümer einer Firma ist und persönlich hafte, zum Manager in “Angestelltenhaltung” fatal sei. Der Grund, so der österreichische Ökonom, bestehe darin, dass die bezahlten Direktoren und Unterdirektoren nur an sich dächten, anstelle die Interessen der Aktionäre und des Unternehmens zu vertreten. Allerdings betrachtete Schumpeter auch die kleinen Aktionäre und Finanzinvestoren für Pseudoeigentümer, die weder dem Unternehmen, noch dessen langfristigem Wohl verbunden seien (vgl: S. 97).
De Weck begreift Schumpeters Analyse weniger als moralisches Urteil als ein eine politische Analyse. Er hält in der Folge fest, dass der Konzernkapitalismus zu systematischer Verantwortungslosigkeit treibt. Skrupellosigkeit, Gleichgültigkeit, Gier, Menschenverachtung und Eigennutzdenken sind mit dem Kasinokapitalismus eng verbunden. “Das moralische Empfinden schwand in der Zeit vor der Krise unaufhaltsam” (Zitat de Weck S. 98). Ich zitiere diesen Satz bewusst, weil er sich mit meinen Beobachtungen in den letzten Jahren 100% ig deckt.
Der Autor verdeutlicht zu Anfang des Buches, dass 1989 die Furcht der Oberschicht schwand, dass unzufriedene Bürger “zu den Kommunisten” überlaufen würden. Fortan hegten und pflegten viele Regierungen diese”globale Klasse” (Ralf Dahrendorf). De Weck zählt den Bonus, den die öffentliche Hand den Managern und Investoren angeboten hat auf.” Steuerpauschalen für Superreiche, Steuergeschenke an vielreisende Geschäftleute, Steuerrabatte für Hedge-Fonds-Manager, clevere Steuermodelle und weitere Möglichkeiten der Steuervermeidung oder schlicht der- hinterziehung” (vgl.S. 13).
Da die Krise des Kapitals kapitale Staatskrisen hervorrufen kann, ist es unumgänglich, so de Weck, dass man sich Mechanismen zu Mäßigung von Gier überlegt, indem man beispielsweise die steuerlichen Privilegien für Kapital abbaut. Wenn die Börse zum Dreh- und Angelpunkt einer Gesellschaft wird, prägt diese ihre Mentalität. Finanzoligarchen zwingen den Staat, ihr in der Krise verwirktes Eigentum auf Kosten der Allgemeinheit zu schützen. Der Autor meint zu Recht, dass in einem demokratischen Kapitalismus der Vorrang der Demokratie vor der Ökonomie stehen müsse und auf diese Weise die Übermacht der Finanzwelt gebrochen werden könne.
Ich teile nicht die Meinung Roger de Wecks, dass eine höhere Dotierung der Staatsdiener diese unabhänger von den Machenschaften der Kasinokapitalisten machen würde, sondern ich bin der Ansicht, dass dies nur durch ein verändertes Wertedenken herbeigeführt werden kann. Ultraliberale, resümiert der Autor, haben die bürgerlichen Werte zerrüttet. Seither gelten die alten Tugenden von Kaufleuten wie etwa Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, langfristige Geschäftbeziehungen, Kontinuität, Vertrauen und Rücksicht nicht mehr. Durch Zielgrößen wie Dynamik, Innovation und kurzfristiger Profit sind diese wichtigen Werte ersetzt worden und hinterlassen überall nichts anderes als verbrannte Erde.
Roger de Weck, der für einen öko-demokratischen Kapitalismus wirbt, weiß, dass man Spekulation, wo sie Schaden stiftet verbieten und seitens des Staates massive Gehalts-und Bonusexesse abstrafen muss. Er hält deshalb fest:”Die Politik darf sich nicht damit begnügen, strenge Spielregeln für Kasinospieler aufzustellen- sie sollte viemehr Teile des Kasinos schließen.”(Zitat: S. 84)
Im Rahmen meines Politologiestudiums habe ich einst zwei Hauptseminare in Ethik belegt. Mein damaliger Professor warb vergeblich dafür, auch in anderen Fachbereichen das Fach Ethik einzuführen. Er war schon damals überzeugt, dass es wichtig ist, ein Bewusstsein für humanistische Werte zu schaffen, wenn man etwas anderes als das Wiederaufleben des Urzustandes, wie Hobbes ihn beschreibt, im Sinn hat.
Es freut mich, dass auch de Weck an Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit appelliert und Wege aufzeigt, wie man dem Kasinokapitalismus den Boden entzieht. Die 100% ige Besteuerung der Boni ist ein Schritt in die richtige Richtung. Er genügt aber nicht.
Der Psychoanalytiker Mario Erdheim sagt, je stärker sich Menschen zusammengehörig fühlen, desto bewusster verfolgen sie die Regeln des Zusammenlebens.
Die Inuit schlossen einst Personen, die die Regeln des Zusammenlebens grob missachteten aus der Gemeinschaft aus und schickten sie in die Eiswüste. Eine gute Entscheidung. In genau dieser Weise sollte mit den verantwortungslosen “Kasinospielern” verfahren werden und dies meine ich überhaupt nicht spitzzüngig, sondern ganz konkret.
17. Mai 2010 um 06:00 Uhr
:”Die Politik darf sich nicht damit begnügen, strenge Spielregeln für Kasinospieler aufzustellen- sie sollte vielmehr Teile des
Kasinos schließen. Pervers ist etwa die verhängnisvolle Spekulation mit Grundnahrungsmitteln, wenn Preiszuschläge kurzfristig die Dauerhungersnot von Millionen Menschen verschärfen.”(Zitat: De Weck, S. 84)
Auf dem Klappentext dieses hervorragenden kleinen Büchleins erfährt der interessierte Leser, dass das Wirtschaftsystem versagt hat und die Krise allgegenwertig ist. Es handele sich hierbei um eine Krise der Finanz, der Wirtschaftsführer, der Politik und der Medien- dahinter stehe eine Wertekrise.
Dieser Analyse konnte ich sofort zustimmen, kaufte mir das Buch, das verdeutlicht, dass eine öko-soziale Marktwirtschaft die wirklich sinnvolle Alternative zum derzeit herrschenden Kasinokapitalismus darstellt.
Der Volkswirt Roger de Weck, Moderator der Fernsehsendung “Sternstunden Philosophie” und ehemaliger Chefredakteur der Zeit vergisst in seinem Essay nicht Joseph Schumpeter zu erwähnen, der 1947 bereits die “unvermeidliche Auflösung der kapitalistischen Gesellschaft” vorraussagte. Schumpeter bereits analysierte, dass der Wechsel vom herkömmlichen Unternehmer, der Eigentümer einer Firma ist und persönlich hafte, zum Manager in “Angestelltenhaltung” fatal sei. Der Grund, so der österreichische Ökonom, bestehe darin, dass die bezahlten Direktoren und Unterdirektoren nur an sich dächten, anstelle die Interessen der Aktionäre und des Unternehmens zu vertreten. Allerdings betrachtete Schumpeter auch die kleinen Aktionäre und Finanzinvestoren für Pseudoeigentümer, die weder dem Unternehmen, noch dessen langfristigem Wohl verbunden seien (vgl: S. 97).
De Weck begreift Schumpeters Analyse weniger als moralisches Urteil als ein eine politische Analyse. Er hält in der Folge fest, dass der Konzernkapitalismus zu systematischer Verantwortungslosigkeit treibt. Skrupellosigkeit, Gleichgültigkeit, Gier, Menschenverachtung und Eigennutzdenken sind mit dem Kasinokapitalismus eng verbunden. “Das moralische Empfinden schwand in der Zeit vor der Krise unaufhaltsam” (Zitat de Weck S. 98). Ich zitiere diesen Satz bewusst, weil er sich mit meinen Beobachtungen in den letzten Jahren 100% ig deckt.
Der Autor verdeutlicht zu Anfang des Buches, dass 1989 die Furcht der Oberschicht schwand, dass unzufriedene Bürger “zu den Kommunisten” überlaufen würden. Fortan hegten und pflegten viele Regierungen diese”globale Klasse” (Ralf Dahrendorf). De Weck zählt den Bonus, den die öffentliche Hand den Managern und Investoren angeboten hat auf.” Steuerpauschalen für Superreiche, Steuergeschenke an vielreisende Geschäftleute, Steuerrabatte für Hedge-Fonds-Manager, clevere Steuermodelle und weitere Möglichkeiten der Steuervermeidung oder schlicht der- hinterziehung” (vgl.S. 13).
Da die Krise des Kapitals kapitale Staatskrisen hervorrufen kann, ist es unumgänglich, so de Weck, dass man sich Mechanismen zu Mäßigung von Gier überlegt, indem man beispielsweise die steuerlichen Privilegien für Kapital abbaut. Wenn die Börse zum Dreh- und Angelpunkt einer Gesellschaft wird, prägt diese ihre Mentalität. Finanzoligarchen zwingen den Staat, ihr in der Krise verwirktes Eigentum auf Kosten der Allgemeinheit zu schützen. Der Autor meint zu Recht, dass in einem demokratischen Kapitalismus der Vorrang der Demokratie vor der Ökonomie stehen müsse und auf diese Weise die Übermacht der Finanzwelt gebrochen werden könne.
Ich teile nicht die Meinung Roger de Wecks, dass eine höhere Dotierung der Staatsdiener diese unabhänger von den Machenschaften der Kasinokapitalisten machen würde, sondern ich bin der Ansicht, dass dies nur durch ein verändertes Wertedenken herbeigeführt werden kann. Ultraliberale, resümiert der Autor, haben die bürgerlichen Werte zerrüttet. Seither gelten die alten Tugenden von Kaufleuten wie etwa Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, langfristige Geschäftbeziehungen, Kontinuität, Vertrauen und Rücksicht nicht mehr. Durch Zielgrößen wie Dynamik, Innovation und kurzfristiger Profit sind diese wichtigen Werte ersetzt worden und hinterlassen überall nichts anderes als verbrannte Erde.
Roger de Weck, der für einen öko-demokratischen Kapitalismus wirbt, weiß, dass man Spekulation, wo sie Schaden stiftet verbieten und seitens des Staates massive Gehalts-und Bonusexesse abstrafen muss. Er hält deshalb fest:”Die Politik darf sich nicht damit begnügen, strenge Spielregeln für Kasinospieler aufzustellen- sie sollte viemehr Teile des Kasinos schließen.”(Zitat: S. 84)
Im Rahmen meines Politologiestudiums habe ich einst zwei Hauptseminare in Ethik belegt. Mein damaliger Professor warb vergeblich dafür, auch in anderen Fachbereichen das Fach Ethik einzuführen. Er war schon damals überzeugt, dass es wichtig ist, ein Bewusstsein für humanistische Werte zu schaffen, wenn man etwas anderes als das Wiederaufleben des Urzustandes, wie Hobbes ihn beschreibt, im Sinn hat.
Es freut mich, dass auch de Weck an Werte wie Verantwortungsbewusstsein, Mitgefühl, Gerechtigkeitssinn, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit appelliert und Wege aufzeigt, wie man dem Kasinokapitalismus den Boden entzieht. Die 100% ige Besteuerung der Boni ist ein Schritt in die richtige Richtung. Er genügt aber nicht.
Der Psychoanalytiker Mario Erdheim sagt, je stärker sich Menschen zusammengehörig fühlen, desto bewusster verfolgen sie die Regeln des Zusammenlebens.
Die Inuit schlossen einst Personen, die die Regeln des Zusammenlebens grob missachteten aus der Gemeinschaft aus und schickten sie in die Eiswüste. Eine gute Entscheidung. In genau dieser Weise sollte mit den verantwortungslosen “Kasinospielern” verfahren werden und dies meine ich überhaupt nicht spitzzüngig, sondern ganz konkret.
22. Mai 2010 um 20:17 Uhr
Zeigt die Hintergründe auf
Schön einfach geschrieben, zeigt dieses Buch die Ursachen der Bankenkrise
und jetzt der Staatskrisen auf. Ergebnis ist, den jetzigen Kapitalismus gibt
es bald nicht mehr. Auf den “anderen Kapitalismus” geht der Autor jedoch
nur kurz ein.
22. Mai 2010 um 20:17 Uhr
Zeigt die Hintergründe auf
Schön einfach geschrieben, zeigt dieses Buch die Ursachen der Bankenkrise
und jetzt der Staatskrisen auf. Ergebnis ist, den jetzigen Kapitalismus gibt
es bald nicht mehr. Auf den “anderen Kapitalismus” geht der Autor jedoch
nur kurz ein.