So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung (Christoph Schlingensief)

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28 Kommentare zu „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung (Christoph Schlingensief)“

  1. Rudiger sagt:

    Der Müll, die Liebe, der Tod: Gott, warum hast du mich verlassen?
    Christoph Schlingensief war schon in der Vergangenheit dafür bekannt, dass er gerne und viel redete. Im Gegensatz zu den meisten anderen Egomanen dieser Welt, war Schlingensiefs Sprache aber nie eine aufgeplusterte, depressiv-euphorische Bejahung des eigenen Ichs. Während sich die meisten Quasselköpfe vor dem Spiegel suhlten, suchte Schlingensief immer nach dem ganzen Kabinett. Nahm aus dem Baukasten namens Realität die Dinge, die er glaubte, verwerten zu können, die ihn ansprangen und nicht mehr losliessen, und von denen er glaubte, dass sie seiner Form der “sozialen Plastik” weiterhelfen könnten. Er ließ die Welt durch die Kunst marschieren, die Kunst durch die vermeintliche Realität marodieren, machte sich lächerlich, feierte Erfolge und forderte schon früh, in ganz jungen Jahren die Vollhaftbarkeit für das eigene Schaffen. Dementsprechend klar war es, dass der Wuschelkopf mit dem moralischen Peter-Pan-Syndrom auch angesichts der lebensbedrohlichen Diagnose Krebs nicht einfach den Metastasen das Feld überlassen würde. Autonomie ist das Zauberwort, direkt aus der Vollhaftbarkeit resultierend, die er beschwört, die er angegriffen sieht und die er gleichsam gegen und mit dem Leiden behauptet wissen will.

    Schlingensiefs Krebstagebuch ist Schlingensief pur und doch ganz anders. Was sich in seinen Installationen, Aktionen, Theater- und Operprojekten unter all dem Krawall schon andeutete, hier ist es, ziemlich nackt und ungeschminkt, konfrontiert mit einer Realität, die man kaum aushalten mag. Schlingensief spricht, ein Diktafon in der Hand, dem Krebs ins Gesicht. Verhandelt Gott und die Eltern, das eigene Schaffen, die Kunst, die Liebe, das eigene Werk. Rekapituliert, justiert und argumentiert angesichts einer Diagnose, die viele ins Bett, in den Rollstuhl, in die Unmündigkeit schickt. Das wiederum ist mit Schlingensief nicht zu machen. Und dementsprechend beeindruckend ist die Nummer, die er hier aufführt. Dort gibt es keinen Lebensberater, keinen Kumpel, dem man nur beim Leiden zugucken muss, um für sich selbst das Patentrezept zu erhalten. Das Tagebuch ist authentisch, weil es nicht linear ist, weil am Ende nicht steht, wie man mit einer derartigen Erfahrung umzugehen hat. Es ist vielmehr die zutiefst persönliche Auseinandersetzung einer Person, der sich die Welt auf den Kopf gedreht hat. Und dementsprechend reich ist das Werk an Emotionen, Geschichten, Aufbegehren und Scheitern, Liebe und Hass, Trauer und Wut. Und es ist vor allem die 100%-ige Bejahung eines Lebens, welches sich wohl immer zu leben lohnt.

  2. Aubrie sagt:

    Ein wichtiges Buch
    Schlingensiefs Buch ist nicht nur für an Krebs Erkrankte interessant, sondern auch für ihre Angehörigen und Freunde. Also schlicht: für alle. Denn Krebs ist als Krankheit inzwischen so verbreitet, dass es kaum jemanden gibt, der nicht direkt oder indirekt davon betroffen ist. Dennoch existiert um die Krankheit ein Tabu. Viele Erkrankte halten ihre Situation geheim, weil sie fürchten, dass andere sich von ihnen zurückziehen könnten. Was auch oft passiert. Doch nichts ist schlimmer für einen Krebspatienten als Einsamkeit. Rückzug, nicht sagen und nicht zeigen können was man fühlt, wovor man sich fürchtet. Schlingensief, als hochlebendiger, expressiver Künstler, gibt uns einen plastischen Einblick in die plötzlich veränderte Welt nach einer Krebsdiagnose. Ein Alptraum wird wahr, die Therapien, die teilwiese wie Folter anmuten, kosten Kraft, und über allem hängt das Damoklesschwert eines vielleicht schon nahen Todes. Spätestens jetzt wüsste man gerne, ob es Gott nun gibt oder nicht. Ob das alles irgendeinen Sinn hat,einen Zusammenhang mit Höherem, Größerem - oder ob das Schicksal einen jetzt einfach wie einen Wurm zertritt. Besonders seine Sehnsucht nach Gott beschreibt Schlingensief in beeindruckender Art. Zerrissen von Zweifeln, wie sie wohl jeder kritische Mensch in solchen Fragen hat, nähert er sich “seinem” Gott doch immer wieder an, zutraulich und neugierig, wütend und voller Temperament - fast wie ein Kind. Am Ende des Buches hat man das Gefühl, einen unglaublich ehrlichen, warmherzigen und integren Menschen kennengelernt zu haben, dem sein Platz im Himmel sicher ist. Doch erst mal sollte Schlingensief wieder gesund werden, mit seiner Freundin glückliche Zeiten erleben dürfen und der Welt noch lange seine Kunst schenken.

  3. bernadette bischof sagt:

    Großartig!
    Hallo Christoph,

    dein Buch ist großartig und hat mich sehr berührt, vor allem weil ich in Deinem Alter bin und selbst betroffen! Ich hätte meine Gefühle, Wünsche, Hoffnungen, meine Wut, mein Zorn, meine Verzweiflung nicht besser ausdrücken können. Du hast Großartiges geleistet, in allem - mehr als viele Leute nach 90 Lebensjahren von sich sagen können. Fertig mit der Welt und dem Leben sind wir NIE - egal in welchem Alter! Zudem , stell Dir mal vor, was wir dort oben vielleicht noch ändern können: Du sitzt mit Wagner auf einer Wolke und sagst ihm mal richtig die Meinung, danach entwickelt ihr zusammen ein neues Konzept!Überlege mal, wie viel Genies da oben schon sind - gehen wir einen Kaffe trinken zusammen!! Ich werde mit Gott mal über Behinderte reden müssen! Irgendwie gibt es dann sicher einen Weg, das der Welt zugänglich zu machen! Also sag nie wieder, Du hast keine Lust, die Toten zu treffen! Vielleicht treff ich Dich ja dann auch mal!!! Stell Dir mal vor, wen wir alles sehen, wenn es keine Grenzen und Berührungsängste mehr gibt!!! Ich hab auch Angst, vor allem, weil ich Kinder habe (es tut so weh, nur die Kleidung von ihnen zu sehen, deswegen kann ich Dich mit Aino so gut verstehen!!) - aber den Weg müssen alle mal gehen, und wenn es Gott gibt, Du scheinst ja schon an diese Möglichkeit zu glauben, und er uns liebt, warum soll dieser Weg so schlimm sein?? Die Drohungen/Schuldzuweisungen sind doch von einigen Menschen gemacht, um die anderen im Griff zu haben! Wenn Gott - dann gütig und liebevoll, oder? Sonst brauchen wir das nicht!

    Ich glaube fest daran, dass wir von den Menschen, die vor uns gegangen sind und uns lieben, abgeholt werden!! Unser Können, unsere Talente verschwinden doch nicht einfach, vielleicht werden wir woanders mehr gebraucht?????

    Und es ist doch eine große Scheiße… ich hätte von den vielen Büchern, die ich schon geschrieben habe, gerne einmal noch eines geschafft, dass so gut ist wie Deins!! Ich finds hier auch schöner…wir haben gar keine Zeit zu sterben, so viel noch zu tun!!

    Ob das Gefühl wirklich von jemandem verstanden wird, der nicht betroffen ist??

    Alles, alles Liebe - ich drück Dich ganz fest - auch wenn ich Dich persönlich nicht kenne!

    Heike

  4. Maximilian sagt:

    Ein außergewöhnliches Künstlergenie!
    Viele kennen ihn: den Aktionskünstler und Theaterregisseur Christoph Schlingensief mit seinen außergewöhnlichen Inszenierungen, bunt, zuweilen wirr, laut, explosiv und immer eindrucksvoll. Wer ihn nicht kennt, wird jetzt auf ihn aufmerksam. So kraftvoll und vital wie sein Leben bisher verlief, das manche provozierend und unangepasst erlebten, so dramatisch verläuft seine Krankheit, die ihn im Aller von 47 Jahren überfallen hat: Krebsbefall der Lunge und des Zwerchfells.

    Schwere Krankheit in mittleren Jahren ist kein Einzelfall. Doch erfährt man selten, wie einer das erlebt; durch welche Höhen und Tiefen er in Hoffnung und Verzweiflung schreitet, um sich mit einem plötzlichen Fall in tiefste Todesfurcht und Angst und immer wieder Fragen um das Wie und Warum zu beschäftigen. Hier hat es einer gewagt und gekonnt: seine innerste Not zu offenbaren, sein Wüten, sein Aufbegehren und die Pein, in der er fortan nach der Eröffnung einer so unwägbaren Diagnose zu leben hat. Der Ton kommt so, wie er ihn gerade denkt, ohne lange daran herumzufeilen bis er druckreif klingt. Am schönsten bleibt die Fähigkeit, auch in der schlimmsten Malaise einmal albern zu sein,–und den Humor nicht ganz verloren zu haben!

    So wie die Kreativität ihn zu überbordenden Aktivitäten genötigt hat, so überlässt er sich den Worten und Gedanken, die aus ihm hervorsprudeln, sich Bahn brechen, eine Befreiung versuchen, die doch immer wieder an den Grenzen unseres irdischen Daseins zu scheitern droht. Er bleibt unsentimental, zuweilen distanziert, spontan und immer echt.

    Den Widerspruch: Scheitern und Aufbegehren hat er in Worte gefasst, die einem tief ans Herz gehen. Der Glaube gepaart mit dem Zweifel gibt die Richtung vor,–m. E. die einzige Form, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Schlingensief bleibt sich treu, wirkt authentisch und offenbart sich in seiner ganzen Verletzlichkeit als Mensch. Wer immer ihn als Narziss oder Egomanen beschreibt: es ist nicht illegitim, mit unterschiedlichen Charaktermerkmalen ausgestattet das Leben anzugehen. Seine Form ist von Nutzen für jene, die sich an ihrem eigenen Leid verschlucken, die sich nicht gegen das Ausgeliefertsein zu wehren wissen, wie es Schlingensief mit seinem offenen Bekenntnis hier versucht. Alles, was einem Menschen hilft, ist erlaubt, so lange man andere mit dem eigenen Verhalten nicht schädigt. Gerade das aber tut er nicht. Indem er seine Krankheitsgefühle verbalisiert, ja als Theaterinszenierung wie in “Mea Culpa” oder eine “Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” zum Verstehen führt, bringt er uns zum Nachdenken über Leben und Tod.

    Christoph Schlingensief ist außergewöhnlich, aber er gibt sich nicht so. Er ist begabt und ein begnadeter Künstler,–und bleibt bei allem ein bescheidener, warmherziger Mensch mit zutiefst ernsten und wahrhaftigen Einwendungen gegen sein Geschick.

    Seine Bekenntnisse gleichen einem Aufschrei der Angst und Empörung und zeugen zuletzt von der Annahme seines Leidens in Trauer und Zuversicht.

  5. Ricksta sagt:

    So kann’s gehen
    Schwurbelwind Schlingensief in der Krise - und siehe da, er kann sich anrührend selbst reflektieren. Man muss nicht mögen, was er so in die Welt hinaus bläst, aber als Person ist er bewundernswert. Bewunderswert eitel und uneitel zugleich, schmerzgeplagt und völlig schmerzfrei, was seinen Exhibitionismus betrifft. Ein ergreifendes Buch.

    Schade nur, dass der Verlag dem Autor einen Rechtschreibfehler schon auf den Titel gedruckt hat. Der Trost: So schlimm wie hier kann’s im Buch dann nicht mehr werden.

  6. Clementine sagt:

    Christoph der Gute
    Au mann, was für ein trauriges Thema, was für ein Anlass. Will man sich dem als so fröhlich vital im Gedächtnis verankerten Schliengensief wirklich auf diese Weise annähern? Was haben wir uns immer wieder gefreut und gelacht in der Vergangenheit. Schlingensief der Stellvertreter. Frech war er für uns, der verrückte Struwwelpeter. Aufbegehrt hat er, in Frage gestellt, zerstört, zerissen und irgendwie dann doch wieder alles schlingensiefig zusammengeflickt.

    Jetzt hat er irgendwie stellvertretend für uns Krebs. Ja ist der Mann den sowas wie Jesus? Und ist das jetzt hier eine moderne Heilsgeschichte? Aufgeschrieben vom Propheten selbst?

    Wahnsinn, die Offenheit, die ZErissenheit, die Zweifel, die Angst, die Schmerzen, aber dan auch wieder die Freude und das Glück. Was soll denn da noch als nächstes kommen Herr Schlingensief?

    Daumen drücken und lesen.

  7. Rollan sagt:

    Wahnsinnig eindringlich!
    Habe das Buch gerade zu Ende gelesen. Bin tief berührt und erschüttert. In meinem näheren Umfeld hat sich auch der Krebs eingeschlichen. Ich denke,

    Schlingensief bringt das irrsinnige Chaos der Gefühle, die ganze Tragik, in wunderbar klarer Sprache auf den Punkt! Ich wünsche ihm die Kraft und das Glück, das alles zu überstehen.

  8. Talida sagt:

    Sehr gut !
    Mit seiner ihm typischen Sprache schreibt Herr Schlingensief über seine Krankheit. Es ist kein Rührstück und trotzdem sehr bewegend und teilweise urkomisch.

    Im Stil eines Tagebuchs erfährt man wie es ihm geht, was er denkt (und er denkt viel und gut) und was er tut bzw. nicht tun kann. Seine Launen, seine Ängste und sein Mut sind jeden Tag anders. Während er an einem Tag fast Frieden mit seiner Krankheit, Gott und seinen Mitmenschen schließt, so hadert er am anderen Tag mit seiner Unfreiheit, seiner Ungeduld (die ja bekanntlich oft der Grund vielen Übels ist)und überhaupt allem. Von euphorisch bis hoffnungslos sind es oft nur Minuten, vom sonnigen Tag zur Dämmerung eben auch.

    Es ist ein grundehrliches Buch, grandios kurzweilig geschrieben und meines Erachtens nach mit Weisheit. Es geht ihm nicht um den Sinn des Lebens, der ja eigentlich bekannt sein sollte-lieben und reduzieren auf die wahren Werte (leben eben)- sondern um die Freiheit der Selbstbestimmung, um den Sinn des Todes und des Leidens.

    Sein im positiven Sinn kindlicher Glaube ist ihm dabei oft eine Hilfe.

    Unbedingt lesen !!!

  9. Ansel sagt:

    Das etwas andere Tagebuch einer Erkrankung
    Ich kannte Christoph Schlingensief bisher nur als Theater- und Inszenierungskoryphäe. Dieses Buch zeigt eine ganz unerwartete Seite. Oftmals war ich verdutzt, über die unverblümte Ehrlichkeit die dem Leser entgegenschlägt. Die Worte haben teilweise eine enorme Kraft und zeigen deutlich, wie sehr ein Mensch am Leben hängen kann. Schlingensief setzt sich intensiv mit der Krankheit auseinander und macht seinen Frieden mit sich als Licht- und Schattengestalt.

  10. Lamprecht sagt:

    “Wer seine Wunde zeigt, dessen Seele wird gesund.”
    Als Christoph Schlingensief im Januar 2008 mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert wird, beginnt er schon bald, seine Gedanken auf Band zu sprechen. Auf diesen Aufnahmen basiert das Buch.

    “So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!” hat mich zutiefst berührt. In diesem Buch der eher leisen Töne wirkt der Regisseur und Aktionskünstler zutiefst verletzlich. Ich habe das Buch in einem Zug durchgelesen.

    Schlingensief hat einen sehr sehr traurigen aber auch einen ermutigenden Text geschrieben, der unter die Haut geht. Da steckt so viel Angst drin, soviel Trauer und Wut aber auch sehr viel Liebe. Liebe zu seiner Verlobten Aino, zu seiner Arbeit und vor allem zum Leben.

    Das Buch ist kein verjammertes Hadern mit dem eigenen Schicksal, sondern der mutige Versuch das Ungeheuerliche zu verstehen und sich ein Stück weit selbst auf die Spur zu kommen. Im Mittelpunkt steht die Auseinandersetzung mit der Familie (vor allem dem verstorbenen Vater), mit der eigenen Einstellung zur Arbeit, mit dem Leben an sich und natürlich mit dem Tod. Schlingensief greift dabei nicht einfach “nur” sein eigenes ganz persönliches Schicksal auf, sondern den Umgang mit Krankheit und mit Tod in unserer Gesellschaft. Er zeigt auf, wie häufig Kranke und ihre Angehörigen allein gelassen werden und ruft bereits im Vorwort dazu auf, aktiv etwas dagegen zu unternehmen. Hier geht es nicht darum, dass ein Mensch seine Geschichte hinausposaunen will um zu sagen “Seht her, da bin ich - und so krass bin ich drauf!” Wer das denkt, hat das Buch nicht gelesen - kann es nicht gelesen haben. Es geht hier nicht um Exhibitionismus o.ä., sondern um einen wichtigen Prozess, den ein Mensch durchläuft und um Erfahrungen, die sicherlich anderen helfen können. Menschen, die selbst in der Situation sind und sich mit Ängsten konfrontiert sehen, die man sich gar nicht vorstellen kann - oder auch Gesunden, die wieder einmal vor Augen geführt bekommen, wie wertvoll der “normale Alltag” ist.

    Schlingensief berichtet in seinem Protokoll auch von heiteren Momenten. Wie er sich vor Lachen kaum halten kann, als eine geistig verwirrte Patientin ihm vor die Zimmertür kackt und eine Putzfrau das ganze auch noch mit den Worten “Ach du Scheiße, Kacke!” kommentiert. Oder einfach die eigentlich banalen und doch so schönen Kleinigkeiten, die unseren Alltag ausmachen: Pizza essen mit Freunden, der Frühlingsbeginn u.v.m.

    Christoph Schlingensief hat ein wichtiges Buch geschrieben - nicht nur für sich selbst, sondern auch für Kranke wie Gesunde.

  11. Xenophon sagt:

    so unerschrocken wie Schlingensief, kann nicht jeder sein
    Christoph Schlingensief, Enfant terrible, Bürgerschreck, Provokateur, Aktionskünstler und Theaterregisseur machte bisher stets durch außergewöhnlichen Inszenierungen, verstörende Aktionen und provokant-frechen Installationen von sich reden. Im Januar 2008 wurde bei ihm Lungenkrebs diagnostiziert. Ein Lungenflügel und ein Teil des Zwerchfelles mussten entfernt werden, Chemotherapie und Bestrahlungen folgten, die Prognose ist und bleibt ungewiss. Nichts in seinem Leben wird mehr so sein wie es einst war. Während dieser langwierigen und schwierigen Prozedur spricht der expressive Autor all seine Gedanken in ein Diktiergerät, auf dass die kreisenden Gedanken, so der stets unangepasste Künstler, endlich ihren Grund finden. Wir begegnen dem bekannten Menschen, seinem egomanischen Größenwahn, seinem Pathos und seiner Empörung, aber auch einem ganz neuen, veränderten Menschen auf der Sinnsuche und der Frage nach Gott. Der Leser folgt gebannt den Höhen und Tiefen, durch welche Schlingensief in Hoffnung und Verzweiflung schreitet. Diese zutiefst persönliche Auseinandersetzung des Menschen mit Leben und Tod, mit Liebe und Hass, mit seinem toten Vater, mit Gott und Jesus, mit der Kunst und der Welt ist unglaublich eindringlich. Die aufgezeichneten Selbstgespräche dokumentieren die Trauer und Verzweiflung, aber auch die kindliche Unschuld des Fragenstellens und die unglaubliche Energie eines Menschen, die er selbst im Schmerz und in der Todesangst noch entwickelt. Am schönsten aber bleibt seine Fähigkeit, auch in der schlimmsten Phase dieser Genese manchmal albern und kindisch zu sein, nie seinen ganz eigenen Galgenhumor zu verlieren. Neugierig, wütend und voller Temperament spricht er all denen, die ein ähnliches Schicksal erleiden müssen, Trost und Zuversicht zu. Ja, er fordert sie regelrecht zur Rebellion auf, Rebellion gegen die Unmündigkeit, gegen das Ausgeliefertsein, gegen die unmenschliche und mechanische Abwicklung schwerkranker Patienten in unserem Gesundheitssystem, gegen die Angstspirale, die uns Menschen immer wieder manipulieren kann. Hier geht es auch nicht um literarische Qualitäten, denn man kann diesen Künstler eigentlich nur bewundern für seine Unerschrockenheit und seinen Mut. Schlingensief rekapituliert und argumentiert, will Autonomie, beschwört sie herauf, weil er sie angegriffen sieht und will sie gleichsam gegen und mit dem Leiden behauptet wissen. Somit ist dieses Buch voll an Emotionen, Geschichten, Aufbegehren, Scheitern und Zweifeln, voller Liebe und Hass, voller Trauer und Wut. Und dies ist alles authentisch, ehrlich und warmherzig. Nicht umsonst hat er diese Krankheitsgefühle in diesem Buch festgehalten und auch als Theaterstück Die Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” inszeniert und aufführen lassen.

  12. Adolph sagt:

    Bin kein Fan von Schlingensief…
    …aber mit diesem Buch wurde ich nun einer. Durch dieses Buch verstehe ich seine Inszenierungen, sein Auftreten im Allgemeinen viel besser. Schlingensief jammert in seinen Zeilen nicht über Schmerzen oder wie alles begann. Er erzählt ziemlich nüchtern, wütend und traurig über den Verlauf seiner Krankheit und seiner Erkenntnis über sich selbst. Literarisch bringt er das alles sehr gut zum Ausdruck, nicht plump aber auch nicht zu schwer. Dieses Buch ist also auch was für Nicht - Schlingensief Fans allerdings nichts für Leute, die sich an Anderer Schicksale ergötzen wollen.

  13. Roth sagt:

    Ein außergewöhnliches Künstlergenie
    Viele kennen ihn: den Aktionskünstler und Theaterregisseur Christoph Schlingensief mit seinen außergewöhnlichen Inszenierungen, bunt, zuweilen wirr, laut, explosiv und immer eindrucksvoll. Wer ihn nicht kennt, wird jetzt auf ihn aufmerksam. So kraftvoll und vital wie sein Leben bisher verlief, das manche provozierend und unangepasst erlebten, so dramatisch verläuft seine Krankheit, die ihn im Aller von 47 Jahren überfallen hat: Krebsbefall der Lunge und des Zwerchfells.

    Schwere Krankheit in mittleren Jahren ist kein Einzelfall. Doch erfährt man selten, wie einer das erlebt; durch welche Höhen und Tiefen er in Hoffnung und Verzweiflung schreitet, um sich mit einem plötzlichen Fall in tiefste Todesfurcht und Angst und immer wieder Fragen um das Wie und Warum zu beschäftigen. Hier hat es einer gewagt und gekonnt: seine innerste Not zu offenbaren, sein Wüten, sein Aufbegehren und die Pein, in der er fortan nach der Eröffnung einer so unwägbaren Diagnose zu leben hat. Der Ton kommt so, wie er ihn gerade denkt, ohne lange daran herumzufeilen bis er druckreif klingt. Am schönsten bleibt die Fähigkeit, auch in der schlimmsten Malaise einmal albern zu sein,–und den Humor nicht ganz verloren zu haben!
    So wie die Kreativität ihn zu überbordenden Aktivitäten genötigt hat, so überlässt er sich den Worten und Gedanken, die aus ihm hervorsprudeln, sich Bahn brechen, eine Befreiung versuchen, die doch immer wieder an den Grenzen unseres irdischen Daseins zu scheitern droht. Er bleibt unsentimental, zuweilen distanziert, spontan und immer echt.

    Den Widerspruch: Scheitern und Aufbegehren hat er in Worte gefasst, die einem tief ans Herz gehen. Der Glaube gepaart mit dem Zweifel gibt die Richtung vor,–m. E. die einzige Form, sich mit Glaubensfragen auseinanderzusetzen. Schlingensief bleibt sich treu, wirkt authentisch und offenbart sich in seiner ganzen Verletzlichkeit als Mensch. Wer immer ihn als Narziss oder Egomanen beschreibt: es ist nicht illegitim, mit unterschiedlic…

  14. Vivienne sagt:

    Sich ein Bild machen
    Christoph Schlingensief wagt sich mit seinen Innenwelten in die Öffentlichkeit und beschreibt die Inszenierung seiner Krankheit, die weniger von ihm selbst geschaffen wurde, sondern in ihm entstand. Für Menschen, die sich mit dem Thema Sterben und Tod bereits auseinander gesetzt haben, finden sich keine neuen Erkenntnisse und kein besonders kreativer Tiefgang. Das Buch ist in gewisser Weise absichtslos und ein typisches Kunstwerk, von dem der Autor meist weniger weiß als die Kritiker. Von daher kann dieses ursprünglich gesprochene Tagebuch auch nicht wie ein Roman oder eine Autobiografie beurteilt werden. Das Besondere dieses Berichts liegt im Zeugnis des Zulassens. Christoph Schlingensief bemüht sich nicht, die Dinge zu ordnen, er lässt die Dinge dadurch in eine Form fließen, dass er Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten, Schwächen und Stärken, Not und Hoffnung, Trauer und Zuversicht eine Gestalt annehmen lässt, die irgendwie Christoph Schlingensief heißt. Und genauso sollte man das Buch auch lesen. Jede Deutung, etwa Schlingensief ist fromm oder Schlingensief inszeniert sich nur, ist völlig missverstanden. Es ist ein Bild, das man als Leser auf sich wirken lassen sollte und bei dem man sein eigenes Bild von Krankheit, Sterben und Trauer finden kann. Jeden Versuch der Interpretation kann man dann als Widerstand gegen das Hochkommen eigener Gefühle verstehen. Es ist schwer, nichts über das Buch zu sagen und doch wäre es die angemessene Antwort.

  15. Franziska sagt:

    Eine Ueberraschung
    Eigentlich mag ich Schlingensiefs Inszenierungen nicht…gar nicht. Aber das Buch ist einfach sehr gut, klar geschrieben, und es gibt einen Einblick in eine verdraengte Welt in unserer Gesellschaft….Krankheit und Tod

  16. Guarniero sagt:

    Aus dem wahren Leben
    Buch ist ziemlich natürlich und wie aus dem Bauch heraus geschrieben. Einfach und gut zu lesen.

  17. Dewitt sagt:

    Tief berührendes Buch!
    Besonders zu empfehlen für Angehörige eines Krebserkrankten!

    Hat mir sehr viel zum Verständnis ,was in einem Betroffenen vorgeht, gegeben!

  18. Elena sagt:

    Mit dem Rücken zur Wand…
    Warum eigentlich nicht in die Welt eines krebskranken Menschen sich einfühlen und mit ihm gemeinsam das Leben zu reflektieren, betrachten, zurückblicken.

    Warum nicht in das innere Erleben eines Menschen eintauchen, der sich mit Tod, Vergänglichkeit und dem Sinn des Lebens in Anbetracht seiner Diagnose auf Lungenkrebs befasst.

    Warum sich nicht gemeinsam mit dem Autor auf eine innere Reise die uns auch als Leser auf eine Reise mitnimmt, wo wir einen Moment innehalten, still werden und unter dem Angesicht von Vergänglichkeit und Tod das eigene Wertesystem hinterfragen, neu ordnen, uns von der überaus ehrlichen, authentischen und ungeschminkten Auseinandersetzung und Art dieses Autors berühren lassen und uns darin vom Geheimnis eines solchen Schicksals mitnehmen lassen, als ob es unser Eigenes wäre…

    Christoph Schlingensief beschreibt in seinem Tagebuch, den Erhalt der Diagnose,das Entfernen eines Lungenflügels, sein Aufbegehren, sein Verhandeln mit Gott und Schicksal, seine Liebe zu seiner Lebenspartnerin Aino,seine Beschäftigung mit Beuys, innere Dialoge mit seinem toten Vater, das Hinterfragen von Leiden, sein berufliches Schaffen als Opern-Regiesseur,der Umgang als Paar in Anbetracht der Trauer die auftaucht, man beginnt eine Ahnung zu bekommen, was einen Menschen wirklich noch am Ende interessiert, was ihm noch etwas bedeutet, was unwichtig wird, oder für einen Menschen der mit solcher kompromisslosen Wahrheit konfrontiert beschäftigt und am Leben erhält.

    Man staunt wie ein Mensch wie Schlingensief, den ich bis anhin nicht kannte, trotz allem nicht jammert und trotz innerem Genötigtsein,(die Frage ob man darin gläubig wird taucht auf) seine Integrität bewahrt, seine Würde bewahrt,sogar Momente von Heiterkeit aufkommen lässt, uns als Leser ganz nah an ihn ranlässt, sehr intim schreibt, ein sehr persönlicher Bericht, sehr ehrlich, sehr offen und unverblümt kommt uns hier ein Mensch entgegen, der noch etwas zu sagen hat, welch ein Geschenk, welch Bereicherung für uns alle hier, die wir doch unsere eigene Gesundheit oft nicht wertschätzen, Christoph Schlingensief, hilft uns allen mit seinem Zeugnis des Einlassens eine tiefere Würdigung gegenüber dem Tod und auch dem Leben gegenüber wieder wahrzunehmen.

    So einem Menschen kann man nur wünschen, dass er möglichst jeden Moment seines Lebens so bewusst wie möglich zu geniessen und auszukosten vermag, vielleicht hilft es auch uns darin, einen kleinen Schritt in diese Richtung zu tun, mir zumindest hat er die Richtung gezeigt, wofür ich diesem Menschen äusserst dankbar bin, er wirft uns einen Ball zu, der hoffentlich dazu beiträgt, in uns selbst einen tieferen Zugang zur Wertschätzung unseres Lebens zu bekommen, zumindest mir ging es so.

    Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt, weil ich der Meinung bin, das es ein Mensch wie Schlingensief verdient hat, solch uneingeschränkte Ehrlichkeit mit sich aber auch mit seiner Umwelt und damit auch uns als Leser etwas mitgibt, das kostbar und wertvoll von uns allen entgegen genommen werden kann, welch ein Geschenk. Zeigt es einmal mehr, das die Möglichkeit zu lieben und geliebt zu werden , nach wie vor das ist, was uns innerlich erfüllt und einen Sinn zu geben vermag, auch wenn wir den Boden unter den Füssen zu verlieren meinen…

  19. Dickie sagt:

    Christoph Schlingensief
    Sehr beeindruckend und ehrlich beschriebt Schliengensief den Verlauf seinen Krankheit und die daraus entstehenden Folgen für sein Leben. Man taucht ein in ein anderes Leben, das aber nicht unbedintgt hoffnungslos deprimierend ist.
    Hat man einmal begonnen mit lesen, kann man das Buch nicht mehr aus den Hand legen.

  20. Aloys sagt:

    glaube keinen Kritiken
    dieses Buch habe ich lt. Kritiker besser vorgestellt

    ich habe ihn in einer Talkshow bei der Buchpräsentation erlebt - in dieser Präsentation ist er wie immer interessant, einfach toll rübergekommen

    das Buch würde ich in einer Skala von 1 bis 10 - wobei 10 sehr gut wäre - mit einer 6 bewerten

  21. Anouk sagt:

    ..es geht noch schlimmer!
    …so oder ähnlich denken sicherlich 90% der Menschen in gleicher Situation.

    Es gibt dazu noch eine Steigerung, wenn 2 kleine Kinder am Bett stehen und sagen. ‘Papa, wir brauchen Dich”. Ich weiss von was ich spreche.

    Gute Besserung

  22. Domenica sagt:

    Wer dem Tod begegnet ist, hat das Leben verstanden
    Eine Liebeserklärung an das Leben? Eine Kriegserklärung an den Tod?

    Ein Notruf an all die da oben, die tödliche Schicksalspläne schmieden?

    Vielleicht auch ein verzweifelter Versuch, das Hier und Jetzt festzuhalten.

    In der gleichzeitigen Tuchfühlung mit einer jenseitigen Welt.

    Ein Seelenbekenntnis, das selbst den Himmel aufhorchen lässt.

    Und eine Diagnose, die einen Ra(s)tlosen zum Innehalten zwingt.

    Christoph Schlingensief taucht in seiner todernsten Begegnung mit seiner

    bedrohlichen Krankheit in alle Seelentiefen ein.

    Mal gehalten von einer unerschütterlichen Hoffnung, dann wieder fallen

    gelassen von der zugeschütteten Angst, sterben zu müssen.

    Mit der immer wiederkehrenden Frage:

    wo bleibt der allmächtige Gott in dieser ohnmächtigen Zeit?

    Und wo bitte sehr seine göttliche Gnade in diesem ungnädigen Schicksal?

    Er scheint sich in Luft aufzulösen, wo man um Atem ringt.

    Selbst seine himmlischen Helfer glänzen durch Abwesenheit.

    Hat Schicksal überhaupt ein Gefühl für Zeit? Dafür, wann Menschen bereit sind,

    zu gehen? All diese Fragen stellt sich ein Todkranker, der am Leben festhält.

    Sein unvollendetes Werk erfüllt sehen möchte. Und seinen ungebrochenen

    Überlebenswillen auf geballten Hoffnungshänden trägt.

    Christoph Schlingensief scheint in aller Verlassenheit dennoch einen irdischen Engel

    an seiner Seite zu haben. Dem dieses Buch gewidmet ist.

    Ob er von Gott geschickt wurde, sei dahingestellt.

    Ein Schicksal, das in aller Mutlosigkeit den Weg der Demut findet. Ja sogar neue

    Lebenspläne im Angesicht des Todes schmiedet. Und jeden gelebten Augenblick

    als geschenkte Ewigkeit annimmt.

    Ein Buch, das Schicksal tragenden Menschen Mut macht, ihre schlaflosen Nächte

    in Tagträume zu verwandeln. Jeden einzelnen Hoffnungsfaden als Anfang einer

    neuen Zeitrechnung zu nehmen.

    Schade nur, dass ausgerechnet Vertreter der Kirche dieses kostbare Dokument

    des Lebens anzweifeln. Ja sogar als Provokation bezeichnen.

    Als christliche Vorbilder sollten gerade sie begriffen haben, dass jeder Seelenschmerz

    seinen Ausdruck finden muss.

    Danke, lieber Christoph Schlingensief, für dieses leidgesäumte, schmerzdurchlebte,

    heilsame Buch!

  23. Somerled sagt:

    Wenig Leben/Menschen, viel Gott/Vater Schuld und Sühne
    Leider kommt der Mensch nur selten vor (Ausnahme Aino und Dr. Kaiser). Es geht viele, viele Seiten lang um die Gottesfrage und um die Beziehung zum verstorbenen Vater bzw. dessen Einstellung zum Leben.

    Sollte Herr Schlingensief dieses hier lesen, so möchte ich sagen, dass ich mich natürlich nicht darüber aufregen darf, was er in seiner Gefühlslage in sein Diktiergerät säuselt. Ich bin halt eher ein “Aino-Typ” und brauche Gott (vielleicht noch) nicht. Der Gefühlswahnsinn mit Aino war aber schön zu lesen und hat mich sehr berührt.

    Manchmal sind die Zeitlücken zu groß und manchmal zu klein. Es ist halt kein geplantes Buch und ich liebe nichts mehr als die Realität und Spontanität. Alles Gute! (Mit warmen Menschen auch ohne Gott)

  24. Isolde sagt:

    Kleine Einblicke
    Beeindruckend zeigt sich hier nicht der Prominente, sondern der Mensch Christoph Schlingensief. Mit diesen Zeilen dringt man ein in die tiefsten Seelennöte, hungert mit nach Leben, ängstigt sich vor dem Sterben, weint,lacht, ist wütend auf Gott und die Welt, aber da sind auch Hoffnung, Kraft, Glaube und Liebe. Man gewinnt kurze Einblicke in einen ergreifenden Lebensabschnitt, aber nicht seicht und abgeschwächt sondern so, wie es ist, wie einer fühlt am Abgrund. Nicht Mitleid bringt man am Ende diesem Mann entgegen, sondern freundschaftliche Gefühle. Ganz langsam dürfen wir erkennen, dass auch in der Schwachheit eine große Stärke liegt.
    Ein absolut lesenswertes Buch, einfach und verständlich geschrieben.

  25. Amadeo sagt:

    Mir hat’s gefallen
    Wer bei diesem Buch einen ausführlichen Leidensbericht mit allen Schikanen erwartet wird enttäuscht. Oft fehlen Teile der “Handlung” und man wird eher ins kalte Wasser geworfen. Doch darum ging es für mich beim Lesen dieses Buchs gar nicht. Ich empfand die Darstellung des Prozesses der Selbstfindung und den Umgang mit der Krankheit wesentlich interessanter. Man lernt den Autor auszugsweise kennen und kann nicht alles in ein harmonisches Bild setzen. Das Buch hat mich zum Nachdenken gebracht und das ist alles, was man sich von einem guten Buch wünschen kann. Nichts ist schlimmer als einfach die Lösung am Ende präsentiert zu bekommen.

    Für mich war das Buch eine Bereicherung.

  26. Goswin sagt:

    Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem die Würde nicht

    Der berühmte Regisseur und Energiekünstler, der Tausendsassa der deutschen Kultur- und Theaterszene, jener Mann, der seit Jahren sprüht vor Ideen und der ruhelos von einem Projekt zum anderen hetzt, sieht sich Anfang 2008 von einem Tag auf den anderen mit der Diagnose eines Lungenkrebses konfrontiert; sein einer Lungenflügel ist betroffen, obwohl er doch gar nicht raucht.

    Und so wie seine beruflichen Projekte versucht auch er auch diese Nachricht aufzunehmen. Er nimmt sich ein Diktiergerät und vertraut diesem Gerät in den folgenden Monaten fast täglich all das an, was er erlebt, denkt und fühlt:

    “Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verstehen und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen”, schreibt er Ende März 2009 in seinem Vorwort, als nach einer vorübergehenden Verbesserung seines Zustandes durch eine Operation und eine anschließende Chemotherapie, sich auch in seinem verbliebenen Lungenflügel Metastasen gebildet haben.

    Es ist ein schreckliches Buch, das Schlingensief da geschrieben hat, weil es von einer Krankheit handelt, gegen die ein Mensch sich letztlich nicht wehren kann. Es ist ein elendes, ein wahnsinnig trauriges Buch, aber auch ein sehr schönes Buch, weil es seinem Autor gelingt, eine Authentizität herzustellen, die unter die Haut geht.

    In einem Leben, dass immer bestand aus Energie, völliger Freiheit, Plötzlichkeit und die Menschen mitreißendem Enthusiasmus, aus Wut und grenzenloser Phantasie, hat der Krebs die Macht übernommen.

    Zunächst ist Christoph Schlingensief noch richtig bemüht, seine Diktate zu inszenieren, ist selbst ganz hingerissen von den vielen neuen Bildern, die ein solch radikal neuer Lebenszustand mit sich bringt:

    “Es gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schließlich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus Überblendungen bestehen und auf die die Leute völlig unterschiedlich reagieren.”

    Er besucht das Grab seines Vaters, träumt davon ein Opernhaus in Afrika zu bauen, wenn er wieder gesund wird und er setzt sich mit Gott auseinander. Mal ist er ihm nahe, mal ganz fern. Diese Gespräche mit Gott waren für mich die anrührendsten Passagen in einem Buch, das einen nicht kalt lassen kann. Wenn er etwa einfach schreibt: “Und ich lebe doch so gerne.” Oder wenn er immer wieder mit Gott rechtet, einen Gott, den er durchaus als seinen Gott ansieht, und ihn anklagt wie damals Hiob: “Und das lieber, Gott, ist die größte Enttäuschung, dass du ein Glückskind einfach so zertrittst.”

    Das Buch ist ein Dokument eines Menschen, der so wie viele andere sprachlose Krebskranken vor ihm alle Phasen der Krankheit durchkämpfen muss, den Schock der ersten Nachricht, die Diagnose, die Hoffnung auf die Therapie, deren unsägliches Leid und am Ende doch zu spüren, dass man den Kampf verlieren wird. Aber er bleibt nicht sprachlos in seinem Leid; er spricht darüber, und behält gerade dadurch seine Menschenwürde bis zum nahen Ende, als er beginnt, Abschiedsbriefe in sein Handy zu tippen und jeder Optimismus verflogen ist.

    Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem, nicht die Würde aufzugeben, obwohl sie einem an jeder Ecke des medizinischen Betriebs geraubt wird. Für einen gesunden Leser wie den Rezensenten ist die Lektüre eine permanente Frage an sich selbst, wie man in einer solchen Situation handeln und entscheiden würde.

    Und es bleibt zurück ein Gefühl der Dankbarkeit über jeden neuen Tag geschenktes Leben.

  27. Viviane sagt:

    Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem die Würde nicht

    Der berühmte Regisseur und Energiekünstler, der Tausendsassa der deutschen Kultur- und Theaterszene, jener Mann, der seit Jahren sprüht vor Ideen und der ruhelos von einem Projekt zum anderen hetzt, sieht sich Anfang 2008 von einem Tag auf den anderen mit der Diagnose eines Lungenkrebses konfrontiert; sein einer Lungenflügel ist betroffen, obwohl er doch gar nicht raucht.

    Und so wie seine beruflichen Projekte versucht auch er auch diese Nachricht aufzunehmen. Er nimmt sich ein Diktiergerät und vertraut diesem Gerät in den folgenden Monaten fast täglich all das an, was er erlebt, denkt und fühlt:

    “Dieses Buch ist das Dokument einer Erkrankung, keine Kampfschrift. Zumindest keine Kampfschrift gegen eine Krankheit namens Krebs. Aber vielleicht eine für die Autonomie des Kranken und gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Meine Gedanken aufzuzeichnen, hat mir jedenfalls geholfen, das Schlimmste, was ich je erlebt habe, zu verstehen und mich gegen den Verlust meiner Autonomie zu wehren. Vielleicht hilft es nun auch einigen, diese Aufzeichnungen zu lesen. Denn es geht hier nicht um ein besonderes Schicksal, sondern um eines unter Millionen”, schreibt er Ende März 2009 in seinem Vorwort, als nach einer vorübergehenden Verbesserung seines Zustandes durch eine Operation und eine anschließende Chemotherapie, sich auch in seinem verbliebenen Lungenflügel Metastasen gebildet haben.

    Es ist ein schreckliches Buch, das Schlingensief da geschrieben hat, weil es von einer Krankheit handelt, gegen die ein Mensch sich letztlich nicht wehren kann. Es ist ein elendes, ein wahnsinnig trauriges Buch, aber auch ein sehr schönes Buch, weil es seinem Autor gelingt, eine Authentizität herzustellen, die unter die Haut geht.

    In einem Leben, dass immer bestand aus Energie, völliger Freiheit, Plötzlichkeit und die Menschen mitreißendem Enthusiasmus, aus Wut und grenzenloser Phantasie, hat der Krebs die Macht übernommen.

    Zunächst ist Christoph Schlingensief noch richtig bemüht, seine Diktate zu inszenieren, ist selbst ganz hingerissen von den vielen neuen Bildern, die ein solch radikal neuer Lebenszustand mit sich bringt:

    “Es gibt eben Bilder, die haben keine Eindeutigkeit, in so einem Bild befinde ich mich zurzeit. Und ich habe das schließlich immer gemocht, dass es Bilder gibt, die nicht eindeutig sind, die aus Überblendungen bestehen und auf die die Leute völlig unterschiedlich reagieren.”

    Er besucht das Grab seines Vaters, träumt davon ein Opernhaus in Afrika zu bauen, wenn er wieder gesund wird und er setzt sich mit Gott auseinander. Mal ist er ihm nahe, mal ganz fern. Diese Gespräche mit Gott waren für mich die anrührendsten Passagen in einem Buch, das einen nicht kalt lassen kann. Wenn er etwa einfach schreibt: “Und ich lebe doch so gerne.” Oder wenn er immer wieder mit Gott rechtet, einen Gott, den er durchaus als seinen Gott ansieht, und ihn anklagt wie damals Hiob: “Und das lieber, Gott, ist die größte Enttäuschung, dass du ein Glückskind einfach so zertrittst.”

    Das Buch ist ein Dokument eines Menschen, der so wie viele andere sprachlose Krebskranken vor ihm alle Phasen der Krankheit durchkämpfen muss, den Schock der ersten Nachricht, die Diagnose, die Hoffnung auf die Therapie, deren unsägliches Leid und am Ende doch zu spüren, dass man den Kampf verlieren wird. Aber er bleibt nicht sprachlos in seinem Leid; er spricht darüber, und behält gerade dadurch seine Menschenwürde bis zum nahen Ende, als er beginnt, Abschiedsbriefe in sein Handy zu tippen und jeder Optimismus verflogen ist.

    Für von dieser Krankheit betroffene Menschen ist dieses Buch eine Ermutigung, nicht aufzugeben, vor allem, nicht die Würde aufzugeben, obwohl sie einem an jeder Ecke des medizinischen Betriebs geraubt wird. Für einen gesunden Leser wie den Rezensenten ist die Lektüre eine permanente Frage an sich selbst, wie man in einer solchen Situation handeln und entscheiden würde.

    Und es bleibt zurück ein Gefühl der Dankbarkeit über jeden neuen Tag geschenktes Leben.

  28. Dickie sagt:

    Fast ein Sachbuch
    Bin kein großer Opernfan und kenne Schlingensief eher aus dem Feuilleton ganz allgemein aus den Medien.

    Wegen der zahlreichen sehr positiven Rezensionen und weil ich einfach gerne lese, habe ich mir das Buch gekauft. Ich weiß nicht ob es an mir liegt, aber ich kann wenig bis gar nichts aus den positiven Rezensionen nachempfinden. Dieses Buch hat es nicht geschafft, mich zu berühren. Ich empfinde es als seltsam distanziert, fast wie ein Sachbuch, empfinde Schlingensief’s Erzählstil als anstrengend. Obwohl der Autor ja einen Einblick in eine sehr belastende, sehr persönliche Situation gibt, bleibt er mir fremd. Ich wusste nicht, dass er wohl die meisten Passagen in ein Diktiergerät gesprochen hat und das Buch ist dementsprechend rein chronologisch aufgebaut. Ob das aber den Unterschied zu anderer Literatur zum gleichen Thema ausmacht?

    Denke ich an Leonhard Lentz “Der Indianer” oder Ruth Picardie “Es wird mir fehlen, das Leben”, werden beide Autoren sofort vor meinem geistigen Auge lebendig. Obwohl beide die Krankheit nicht überlebt haben. Das Buch von Lentz ist von Anfang der 90er Jahre, das von Picardie aus den späten 90ern. Das ist immerhin schon eine Weile her. Schlingensief habe ich eben ausgelesen und schon nahezu alles vergessen.

    Schade. Hatte mir sein Buch, insbesondere nach den vielen 5-Sterne-Rezensionen, völlig anders vorgestellt und bleibe etwas ratlos zurück.

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