Deutsch: Biografie einer Sprache (Karl-Heinz Göttert)

Hier kaufen und weitere Informationen…

Schlagworte:

6 Kommentare zu „Deutsch: Biografie einer Sprache (Karl-Heinz Göttert)“

  1. Anjuschka sagt:

    Munter, aber unzuverlässig
    Das Buch gehört zu den schnell verfaßten Werken, die der emeritierte Germanist Göttert zur Zeit auf den Markt wirft. Jeder erfahrene Hochschullehrer kann natürlich allerlei Wissenswertes erzählen. Göttert schreibt in munterem Ton, wie er heute viele Sachbücher kennzeichnet, stellenweise geradezu flapsig, was nicht jeden Leser ansprechen dürfte. Die Geschichte und Literatur des Mittelalters ist breit dargestellt, zur Sprache selbst findet man recht wenig.

    Einige Fehler hat Hans-Martin Gauger in der FAZ vom 6.4.2010 schon richtiggestellt. Gauger schreibt mit Recht:

    Ohne Zweifel ist Götterts Buch, seine philologisch linguistische Antwort auf das der Juristin Limbach, zu breit angelegt. Es ist nicht so eindeutig auf die Sprache konzentriert, wie es nötig wäre. Der Leser erfährt mehr, als er erfahren will, aber dann auch wieder weniger, als er erfahren müsste, eben weil das Ziel nicht intensiv genug die Sprache ist. Die Literatur, die in einer Sprache geschrieben wird, ist wichtig - wichtig in seltenen Fällen sogar für diese Sprache selbst. Aber ein Buch über die Sprache darf nicht auch noch eine kleine Literaturgeschichte sein wollen.

    Das Buch ist in reformierter Rechtschreibung gedruckt, obwohl der Verfasser die Reform sehr kritisch beurteilt und mit Seitenhieben nicht spart. Er schreibt also binnen Kurzem, seit Langem, seit Kurzem, bei Weitem, Orthografie, erspart dem Leser auch nicht den aufwändigen Zierrat und trennt Diph-thong, für einen Philologen ungewöhnlich.

    Über die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat Göttert ganz falsche Vorstellungen, worauf Gauger, ihr ehemaliger Vizepräsident, schon hingewiesen hat. Da Göttert aber auch ein Buch über die Rechtschreibreform und sogar ein Rechtschreibwörterbuch (u. a. von ALDI vertrieben) veröffentlicht hat, erstaunen seine Fehleinschätzungen besonders:

    Wie wachsam bei allem, was die Entwicklung der Sprache angeht, gerade die Deutsche Akademie war, zeigte sich beim großen Zusammenprall mit der einzigen annähernd staatlichen Institution, die wir seit 1998 besitzen: mit der Duden-Redaktion und der von ihr durchgesetzten Rechtschreibreform. Offenbar beflügelt von der gerade erreichten deutschen Einheit bekam eine schon länger schwelende, aber nie zum Abschluss gekommene Diskussion über die Reduzierung und Vereinfachung der orthografischen Regeln neuen Schwung. 1996 legte eine aus Wissenschaftlern aller betroffenen Länder gebildete Kommission ihre Ergebnisse vor. Obwohl (oder vielleicht gerade weil?) die Empfehlungen den meisten Experten und einer informierten Öffentlichkeit aufgrund der Willkür und Widersprüchlichkeit der Regeln als katastrophal erschienen, beschlossen 1998 die Kultusminister (mit anschließender Bestätigung durch das Bundesverfassungsgericht), dass zur Verabschiedung keine parlamentarische Ermächtigung notwendig sei. Damit erhielt das Regelwerk amtlichen Charakter und ein gewinnorientiertes Verlagsunternehmen den Status einer ‘Behörde’. Im Wiener Vertrag wurden auch Österreich und die deutschsprachige Schweiz eingebunden.

    Man kann sich heute nur noch wundern, wie alle Warnungen der Akademie (die sich vor allem auf die künstliche, nicht in der historischen Sprachentwicklung wurzelnde Regulierung bezogen) einschließlich eigener Gegenvorschläge in den Wind geschlagen wurden. Erst als das Kind im Brunnen lag, als Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach dem Aufruf der Akademie, die neue Rechtschreibung zu boykottieren, zur alten Orthografie zurückkehrten, machte sich die Mannheimer Kommission ans Zurückrudern. So kam es im Jahre 2006 zu einer Reform der Reform, die nun endgültig (für Schulen und amtliche Stellen) Verbindlichkeit besitzt. (357)

    Hier ist jeder Satz falsch, einiges mißverstanden oder frei erfunden.

    Zur Ersten Orthographischen Konferenz 1876: Dort setzte sich Duden durch. 1880 legte er sein Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache vor. (294)

    Duden setzte sich auf dieser ergebnislosen Veranstaltung gerade nicht durch, weshalb er sofort seine bekannte Schrift Die Zukunftsorthographie verfaßte und noch im selben Jahr veröffentlichte.

    Bei den Etymologien des Konrad Celtis geht es ein bißchen durcheinander (159).

    Wie nachlässig die sprachwissenschaftlichen Einzelheiten behandelt sind, die Göttert vielleicht insgesamt für zu trocken und daher keiner Mühe wert hält, zeigt das folgende:

    Nehmen wir das Wort Fuß. Im Lateinischen heißt dies pes. Die germanischen Sprachen machen bei der Übernahme aus dem p ein f.

    Dies muß der Leser so verstehen, daß die Germanen das Wort aus dem Lateinischen übernommen haben. Ähnlich das folgende:

    … weshalb im Deutschen aus tres drei wurde. (245)

    In Luthers auff das er sich schetzen lies mit Maria sieht Göttert das Verb in Zweitstellung.

    Gegen Ende kommen zwar die Fachsprachen vor, aber Deutsch als Sprache der exakteren Wissenschaften spielt im ganzen Buch keine Rolle, es geht immer nur um Literatursprache im herkömmlichen Sinne. Die Rhetorik, über die Göttert viel veröffentlicht hat, wird breit dargestellt, aber ihre Rolle in der Sprachgeschichte bleibt trotzdem unklar.

    In den Zitaten findet man besonders viele Fehler:

    “Der Kopf musste fort, der Stil (!) zugedeckt werden”. ( aus Döblin: Die Ermordung einer Butterblume.) (311)

    Andere Zitate aus demselben Werk stehen nicht in Reformschreibung. Auch sonst sind viele Zitate, aber nicht alle umgestellt, z. T. gibt es auch ein Schwanken innerhalb eines Zitats.

    Trakl: “aus frierendem Weihen” (305, richtig: Weiher)

    Stramm: “Die Himmelfetzen” (305, richtig “Die Himmel fetzen”)

    Daß Mauthners Beiträge von 1901f. nicht den verstorbenen Nietzsche stark beeinflussten (302), hat Gauger schon vermerkt.

    Über den Duden schreibt Göttert: Vielleicht liegt allerdings der größte Skandal darin, dass die dreizehnte Auflage von 1947 zwar viel Nazi-Vokabular entfernt, aber ein Wort wie Untermensch tatsächlich ohne Erklärung hat stehen lassen. (326)

    Es dürfte größere Skandale geben als dieser unkommentierte Eintrag in einem Rechtschreibwörterbuch!

    Das Österreichische Wörterbuch, das bis 1990 immerhin 37 Auflagen erlebte (338), ist inzwischen in der 41. Auflage erschienen. In einem Buch von 2010 sollte das erwähnt werden.

    Das PONS-Wörterbuch der Jugendsprache wird kritiklos zitiert (348), die sogenannte Jugendsprache überhaupt zu wenig als Produkt einschlägig interessierter Veröffentlichungen durchschaut.

    Die Kanak-Sprak wird viel ausführlicher behandelt als die feministische Umgestaltung (man denke an das amtliche Gender-Mainstreaming mit seiner durchgreifenden Wirkung!) und die sonstige Politische Korrektheit (die gar nicht vorkommt). Reiner Leerlauf sind Bemerkungen wie diese:

    Skinheads und Punks sind nur als soziale Erscheinungen einer extrem komplex gewordenen Gesellschaft zu begreifen. (349)

    Zaimoglu hat 2003 nicht den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen, sondern nur den Preis der Jury (zu 349). Auf schnelle Produktion lassen auch nachlässige Formulierungen wie die folgende schließen:

    “In Polen gehört Deutsch weiter zur am meisten nachgefragten Fremdsprache.” (367)

    (Was mag noch dazugehören?)

    “Von Anfang an wollten die Grimms den Rückgang auf die alten Sprachstufen mit einer Orthografiereform verbinden, die letztlich der des Hochmittelalters entsprach.” (251)

    (Gemeint ist offenbar die Orthographie des Hochmittelalters.)

    Göttert bezeichnet die Vielsprachigkeit der EU immer wieder als chaotisch und spricht sich für Englisch als einzige internationale Verkehrssprache aus, bei Pflege der Sprachen und Minderheiten innerhalb der Mitgliedsstaaten. Aber kostspielig ist nicht dasselbe wie chaotisch. Staaten, die mal eben ein paar Milliarden an Autokäufer und Hoteliers verschenken, dürften sich auch große Übersetzerdienste leisten können, das schafft schließlich auch Arbeitsplätze. Man kann Götterts Vorstellung für realistisch und vernünftig und vielleicht unausweichlich halten, aber die Argumentation wird hier etwas oberflächlich.

    Selbst die Amerikaner halten bereits Tagungen über die Kosten ab, die ihnen die bequeme Dominanz ihrer Weltsprache beschert hat (1983 unter dem Titel A nation at risk). (22)

    Ich habe weder in dem Report selbst noch in den begleitenden Papieren etwas zu den Kosten der Einsprachigkeit finden können. Aber die Amerikaner verdienen Milliarden mit Sprachunterricht.

    Das Buch enthält, wie gesagt, viel Wissenswertes, aber je weiter es sich von Götterts Spezialgebiet (Literatur des Mittelalters, Rhetorik) entfernt, um so unzuverlässiger wird es, und die vielen Fehler wecken Mißtrauen. Außerdem ist der Stoff nicht straff genug organisiert, die Darstellung mal zu breit, mal zu knapp und der Gesamtplan unklar.

  2. Silvina sagt:

    Deutsch: Eine Sprache mit großem Magen
    Potenzial für eine richtig gutes Buch hat ein meinen Augen stets das Erstlingswerk eines frischgebackenen Emeritus. Karl-Heinz Göttert ist ein solcher Emeritus für Germanistik an der Universität zu Köln und er schreibt über das zentrale Thema der Germanistik schlechthin: die deutsche Sprache.

    Von vielen Feuilletons als bereits verloren und den renommierteren als zumindest hochgradig gefährdet deklariert, wird die deutsche Sprache auch diese aktuellen Angriffe überstehen, behauptet der Autor. Und er begründet dies ganz einfach mit der Geschichte der deutschen Sprache, die eine ganze Reihe von massiven Gefährdungen überstanden hat und sogar gestärkt daraus hervorgegangen war. Erinnert sei an die Dominanz des Lateinischen praktisch bis Leibniz und des Französischen bis ins 18. Jahrhundert hinein. Trotzdem entstand aus dem publizistisch verschmähten Deutsch die Sprache der Weimarer Klassik, des deutschen Idealismus und der Romantik, mit der Karl Kraus seine Fackel wider die Barbaren tränkte.

    Doch sie wird Federn lassen müssen, die deutsche Sprache, meine ich, wir werden leiden, uns am Ende sogar an das Genitivapostroph gewöhnen, das für Imbissbuden schon Pflicht zu sein scheint. Und ein ganz klein wenig kommt mir die Göttert-Weise wie ein leises Pfeifen im Wald vor, aber hochgradig interessant geschrieben und fundiert. Und so kann ich am Ende eine ganz klare Empfehlung aussprechen, zumal das Buch auch in einem sprachlich perfekten Zustand daherkommt.

  3. Alexandrine sagt:

    Munter, aber unzuverlässig
    Das Buch gehört zu den schnell verfaßten Werken, die der emeritierte Germanist Göttert zur Zeit auf den Markt wirft. Jeder erfahrene Hochschullehrer kann natürlich allerlei Wissenswertes erzählen. Göttert schreibt in munterem Ton, wie er heute viele Sachbücher kennzeichnet, stellenweise geradezu flapsig, was nicht jeden Leser ansprechen dürfte. Die Geschichte und Literatur des Mittelalters ist breit dargestellt, zur Sprache selbst findet man recht wenig.

    Einige Fehler hat Hans-Martin Gauger in der FAZ vom 6.4.2010 schon richtiggestellt. Gauger schreibt mit Recht:

    Ohne Zweifel ist Götterts Buch, seine philologisch linguistische Antwort auf das der Juristin Limbach, zu breit angelegt. Es ist nicht so eindeutig auf die Sprache konzentriert, wie es nötig wäre. Der Leser erfährt mehr, als er erfahren will, aber dann auch wieder weniger, als er erfahren müsste, eben weil das Ziel nicht intensiv genug die Sprache ist. Die Literatur, die in einer Sprache geschrieben wird, ist wichtig - wichtig in seltenen Fällen sogar für diese Sprache selbst. Aber ein Buch über die Sprache darf nicht auch noch eine kleine Literaturgeschichte sein wollen.

    Das Buch ist in reformierter Rechtschreibung gedruckt, obwohl der Verfasser die Reform sehr kritisch beurteilt und mit Seitenhieben nicht spart. Er schreibt also binnen Kurzem, seit Langem, seit Kurzem, bei Weitem, Orthografie, erspart dem Leser auch nicht den aufwändigen Zierrat und trennt Diph-thong, für einen Philologen ungewöhnlich.

    Über die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat Göttert ganz falsche Vorstellungen, worauf Gauger, ihr ehemaliger Vizepräsident, schon hingewiesen hat. Da Göttert aber auch ein Buch über die Rechtschreibreform und sogar ein Rechtschreibwörterbuch (u. a. von ALDI vertrieben) veröffentlicht hat, erstaunen seine Fehleinschätzungen besonders:

    Wie wachsam bei allem, was die Entwicklung der Sprache angeht, gerade die Deutsche Akademie war, zeigte sich beim großen Zusammenprall mit der einzigen annähernd staatlichen Institution, die wir seit 1998 besitzen: mit der Duden-Redaktion und der von ihr durchgesetzten Rechtschreibreform. Offenbar beflügelt von der gerade erreichten deutschen Einheit bekam eine schon länger schwelende, aber nie zum Abschluss gekommene Diskussion über die Reduzierung und Vereinfachung der orthografischen Regeln neuen Schwung. 1996 legte eine aus Wissenschaftlern aller betroffenen Länder gebildete Kommission ihre Ergebnisse vor. Obwohl (oder vielleicht gerade weil?) die Empfehlungen den meisten Experten und einer informierten Öffentlichkeit aufgrund der Willkür und Widersprüchlichkeit der Regeln als katastrophal erschienen, beschlossen 1998 die Kultusminister (mit anschließender Bestätigung durch das Bundesverfassungsgericht), dass zur Verabschiedung keine parlamentarische Ermächtigung notwendig sei. Damit erhielt das Regelwerk amtlichen Charakter und ein gewinnorientiertes Verlagsunternehmen den Status einer ‘Behörde’. Im Wiener Vertrag wurden auch Österreich und die deutschsprachige Schweiz eingebunden.

    Man kann sich heute nur noch wundern, wie alle Warnungen der Akademie (die sich vor allem auf die künstliche, nicht in der historischen Sprachentwicklung wurzelnde Regulierung bezogen) einschließlich eigener Gegenvorschläge in den Wind geschlagen wurden. Erst als das Kind im Brunnen lag, als Zeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach dem Aufruf der Akademie, die neue Rechtschreibung zu boykottieren, zur alten Orthografie zurückkehrten, machte sich die Mannheimer Kommission ans Zurückrudern. So kam es im Jahre 2006 zu einer Reform der Reform, die nun endgültig (für Schulen und amtliche Stellen) Verbindlichkeit besitzt. (357)

    Hier ist jeder Satz falsch, einiges mißverstanden oder frei erfunden.

    Zur Ersten Orthographischen Konferenz 1876: Dort setzte sich Duden durch. 1880 legte er sein Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache vor. (294)

    Duden setzte sich auf dieser ergebnislosen Veranstaltung gerade nicht durch, weshalb er sofort seine bekannte Schrift Die Zukunftsorthographie verfaßte und noch im selben Jahr veröffentlichte.

    Bei den Etymologien des Konrad Celtis geht es ein bißchen durcheinander (159).

    Wie nachlässig die sprachwissenschaftlichen Einzelheiten behandelt sind, die Göttert vielleicht insgesamt für zu trocken und daher keiner Mühe wert hält, zeigt das folgende:

    Nehmen wir das Wort Fuß. Im Lateinischen heißt dies pes. Die germanischen Sprachen machen bei der Übernahme aus dem p ein f.

    Dies muß der Leser so verstehen, daß die Germanen das Wort aus dem Lateinischen übernommen haben. Ähnlich das folgende:

    … weshalb im Deutschen aus tres drei wurde. (245)

    In Luthers auff das er sich schetzen lies mit Maria sieht Göttert das Verb in Zweitstellung.

    Gegen Ende kommen zwar die Fachsprachen vor, aber Deutsch als Sprache der exakteren Wissenschaften spielt im ganzen Buch keine Rolle, es geht immer nur um Literatursprache im herkömmlichen Sinne. Die Rhetorik, über die Göttert viel veröffentlicht hat, wird breit dargestellt, aber ihre Rolle in der Sprachgeschichte bleibt trotzdem unklar.

    In den Zitaten findet man besonders viele Fehler:

    “Der Kopf musste fort, der Stil (!) zugedeckt werden”. ( aus Döblin: Die Ermordung einer Butterblume.) (311)

    Andere Zitate aus demselben Werk stehen nicht in Reformschreibung. Auch sonst sind viele Zitate, aber nicht alle umgestellt, z. T. gibt es auch ein Schwanken innerhalb eines Zitats.

    Trakl: “aus frierendem Weihen” (305, richtig: Weiher)

    Stramm: “Die Himmelfetzen” (305, richtig “Die Himmel fetzen”)

    Daß Mauthners Beiträge von 1901f. nicht den verstorbenen Nietzsche stark beeinflussten (302), hat Gauger schon vermerkt.

    Über den Duden schreibt Göttert: Vielleicht liegt allerdings der größte Skandal darin, dass die dreizehnte Auflage von 1947 zwar viel Nazi-Vokabular entfernt, aber ein Wort wie Untermensch tatsächlich ohne Erklärung hat stehen lassen. (326)

    Es dürfte größere Skandale geben als dieser unkommentierte Eintrag in einem Rechtschreibwörterbuch!

    Das Österreichische Wörterbuch, das bis 1990 immerhin 37 Auflagen erlebte (338), ist inzwischen in der 41. Auflage erschienen. In einem Buch von 2010 sollte das erwähnt werden.

    Das PONS-Wörterbuch der Jugendsprache wird kritiklos zitiert (348), die sogenannte Jugendsprache überhaupt zu wenig als Produkt einschlägig interessierter Veröffentlichungen durchschaut.

    Die Kanak-Sprak wird viel ausführlicher behandelt als die feministische Umgestaltung (man denke an das amtliche Gender-Mainstreaming mit seiner durchgreifenden Wirkung!) und die sonstige Politische Korrektheit (die gar nicht vorkommt). Reiner Leerlauf sind Bemerkungen wie diese:

    Skinheads und Punks sind nur als soziale Erscheinungen einer extrem komplex gewordenen Gesellschaft zu begreifen. (349)

    Zaimoglu hat 2003 nicht den Ingeborg-Bachmann-Preis bekommen, sondern nur den Preis der Jury (zu 349). Auf schnelle Produktion lassen auch nachlässige Formulierungen wie die folgende schließen:

    “In Polen gehört Deutsch weiter zur am meisten nachgefragten Fremdsprache.” (367)

    (Was mag noch dazugehören?)

    “Von Anfang an wollten die Grimms den Rückgang auf die alten Sprachstufen mit einer Orthografiereform verbinden, die letztlich der des Hochmittelalters entsprach.” (251)

    (Gemeint ist offenbar die Orthographie des Hochmittelalters.)

    Göttert bezeichnet die Vielsprachigkeit der EU immer wieder als chaotisch und spricht sich für Englisch als einzige internationale Verkehrssprache aus, bei Pflege der Sprachen und Minderheiten innerhalb der Mitgliedsstaaten. Aber kostspielig ist nicht dasselbe wie chaotisch. Staaten, die mal eben ein paar Milliarden an Autokäufer und Hoteliers verschenken, dürften sich auch große Übersetzerdienste leisten können, das schafft schließlich auch Arbeitsplätze. Man kann Götterts Vorstellung für realistisch und vernünftig und vielleicht unausweichlich halten, aber die Argumentation wird hier etwas oberflächlich.

    Selbst die Amerikaner halten bereits Tagungen über die Kosten ab, die ihnen die bequeme Dominanz ihrer Weltsprache beschert hat (1983 unter dem Titel A nation at risk). (22)

    Ich habe weder in dem Report selbst noch in den begleitenden Papieren etwas zu den Kosten der Einsprachigkeit finden können. Aber die Amerikaner verdienen Milliarden mit Sprachunterricht.

    Das Buch enthält, wie gesagt, viel Wissenswertes, aber je weiter es sich von Götterts Spezialgebiet (Literatur des Mittelalters, Rhetorik) entfernt, um so unzuverlässiger wird es, und die vielen Fehler wecken Mißtrauen. Außerdem ist der Stoff nicht straff genug organisiert, die Darstellung mal zu breit, mal zu knapp und der Gesamtplan unklar.

  4. Marcus sagt:

    Deutsch: Eine Sprache mit großem Magen
    Potenzial für eine richtig gutes Buch hat ein meinen Augen stets das Erstlingswerk eines frischgebackenen Emeritus. Karl-Heinz Göttert ist ein solcher Emeritus für Germanistik an der Universität zu Köln und er schreibt über das zentrale Thema der Germanistik schlechthin: die deutsche Sprache.

    Von vielen Feuilletons als bereits verloren und den renommierteren als zumindest hochgradig gefährdet deklariert, wird die deutsche Sprache auch diese aktuellen Angriffe überstehen, behauptet der Autor. Und er begründet dies ganz einfach mit der Geschichte der deutschen Sprache, die eine ganze Reihe von massiven Gefährdungen überstanden hat und sogar gestärkt daraus hervorgegangen war. Erinnert sei an die Dominanz des Lateinischen praktisch bis Leibniz und des Französischen bis ins 18. Jahrhundert hinein. Trotzdem entstand aus dem publizistisch verschmähten Deutsch die Sprache der Weimarer Klassik, des deutschen Idealismus und der Romantik, mit der Karl Kraus seine Fackel wider die Barbaren tränkte.

    Doch sie wird Federn lassen müssen, die deutsche Sprache, meine ich, wir werden leiden, uns am Ende sogar an das Genitivapostroph gewöhnen, das für Imbissbuden schon Pflicht zu sein scheint. Und ein ganz klein wenig kommt mir die Göttert-Weise wie ein leises Pfeifen im Wald vor, aber hochgradig interessant geschrieben und fundiert. Und so kann ich am Ende eine ganz klare Empfehlung aussprechen, zumal das Buch auch in einem sprachlich perfekten Zustand daherkommt.

  5. Eikki sagt:

    Wo bleibt das Germanische?
    Das Buch zeigt interessante Aspekte, doch hat mir der germanische Ursprung und die Zusammenhänge mit anderen germanischen Sprachen gefehlt. Interesant jedenfalls die Qual der ersten Schriftschreiber, wie man denn überhaupt was Deutsches schreiben kann, wenn es noch nicht mal Buchstaben gibt.

    Auch fehlt mir der Hintergrund für Buchstaben, die es in anderen Sprachen gar nicht gibt, wie “ß” , “w”, und das sog. “Vogel Vau”. der Zusammenhang zwischen Kultur, Technische Entwicklung, Philosophie etc . und Sprache im Vgl. mit Frankreich oder England ist zu schwach dargestellt.

    Bruno Frey

  6. Gustl sagt:

    Schwere Kost einfach zubereitet!
    Mir wurde das 2010 erschienene Werk Karl-Heinz Götterts von einem Professor für diachrone Sprachwissenschaft im Rahmen meiner Examensvorbereitung an Herz gelegt. Ich hatte nicht wirklich viel Ahnung von deutscher Sprachgeschichte und entschloss mich letztlich, Martin Luthers Einfluss auf die Entwicklung unserer Landessprache als Prüfungsthema zu erarbeiten. Götterts “Deutsch. Biographie einer Sprache” bot mir hierfür nicht nur das passende Kapitel, welches übersichtlich, informativ und anschaulich über den Zusammenhang der lutherischen Bibelübersetzung und der Herausbildung einer weitgehend einheitlichen neuhochdeutschen Schriftsprache referierte, es weckte mit seinem Witz und seiner vollkommen ungezwungen vorgetragenen Darstellungsweise mein Interesse an der Entwicklung des Deutschen von seinen “indogermanischen Eltern” über die Entstehung von Sprachgesellschaften bis hin zu seinem unterschiedlichen Gebrauch in “Ost und West”.

    Der Autor verliert zu keiner Zeit den wissenschaftlichen Hintergrund seiner Darstellung aus den Augen, geht dabei aber nicht zwingend von einem umfangreichen Vorwissen seiner Leserschaft im Bereich Sprachgeschichte aus. Mit lebensnahen Beispielen und leicht verständlichem Darstellungstil navigeirt der Germanist und Romanautor Göttert durch die Epochen unserer Sprache. Er führt dabei vor Augen, welch außersprachliche Entwicklungen der Geschichte, ja wieviel Zufall tatsächlich notwendig waren, um das gesprochene (und geschriebene) Wort der Gegenwart zu dem zu machen, was wir wie selbstverständlich als unsere Sprache begreifen. Spätestens aber, wenn man sich “Deutsch. Biographie einer Sprache” zu Gemüte geführt hat, weiß man, dass auch unser Neuhochdeutsch nicht mehr als ein Übergang zu einer Sprache der Zukunft ist und dass wir tagtäglich an diesem Wandel mitwirken.

Kommentieren

Sie müssen angemeldet sein, um kommentieren zu können.