Eine exklusive Liebe (Johanna Adorján)
Hier kaufen und weitere Informationen…
Schlagworte: Johanna Adorján
Dieser Beitrag wurde vor am Montag, 2. März 2009 um 11:00 Uhr veröffentlicht und unter Rezensionen gespeichert. Sie können Kommentare zu diesem Eintrag über den RSS-2.0-Feed verfolgen.
Sie können einen Kommentar hinterlassen oder einen Trackback von Ihrer Website hierher setzen.
2. März 2009 um 11:17 Uhr
Todesfälle und ihre Folgen!
Mit der lakonischen Feststellung, dass ihre Großeltern sich an einem Sonntag im Oktober 1991 umbrachten, beginnt Johanna Adorjan ihre Forschung nach den schon 16 Jahre zuvor verstorbenen Großeltern.
Im Wechsel mit der Beschreibung des Alltagslebens der Großeltern, Gesprächen mit Angehörigen und Freunden entsteht das Bild zweier Menschen, die den schlimmsten Verfolgungen im 20. Jahrhunderts ausgesetzt waren. Ursprünglich in Ungarn als Kinder jüdischer Herkunft geboren und aufgewachsen, geraten die beiden schon wenige Jahre nach der Heirat 1941 in die Mühlen der Naziverfolgung. Nach dem Krieg geht das Leben unter kommunistischer Herrschaft weiter, um dann nach dem Ungarnaufstand von 1956 mit der Flucht nach Dänemark den endlichen Schlusspunkt zu erreichen.
Wie Adorjan ihre Großeltern schildert, das zeugt einerseits von ihrem neugierigen Forschungsdrang nach den eigenen Wurzeln, ist aber auch die erstaunliche Liebesgeschichte eines außergewöhnlichen Paares. Ungarn mit den Sitten und Umgangsformen der alten k.u.k. Monarchie verströmte den Zeitgeist einer versunkenen Welt. Beide Eheleute siezten sich Zeit ihres Lebens. Der Großvater war ein gut aussehender Herr, galant und eindrucksvoll, die Großmutter eine herausragende Schönheit. Beide gehörten dem assimilierten jüdischen Großbürgertum an und entsprechend war der Lebenszuschnitt; man pflegte kultivierte Geselligkeit, wohnte in anspruchsvollem Ambiente und lebte ein freies und ungebundenes Leben. Wie diese Lebensweise mit der Annektierung des Landes durch Hitlerdeutschland und der Verschleppung und Ausrottung hunderttausender Juden in kurzer Zeit zugrunde ging, das ist mit der einfachen und liebevollen Erinnerung an diese vertriebene Familie hier dokumentiert.
Der Ton der Erzählung ist locker und ein wenig amüsiert, wenn es um diverse Charaktereigenschaften der Großeltern geht. Die ernsten Nachrichten über das Davonkommen sind sachlich und ohne bittere Kommentare in den Ausführungen.
Johanna Adorjan hat mit der Erforschung ihrer Ahnengeschichte ein Mittel gefunden, um auch der eigenen Identität auf die Spur zu kommen. Als Tochter einer Deutschen und eines in Ungarn geborenen Dänen in München aufgewachsen und mit einem dänischen Pass versehen, ist sie der ungarischen Sprache gar nicht mächtig. Dem Judentum fühlt sie sich innerlich nicht unbedingt verbunden. Dennoch spielt sie mit warmen Worten an mehreren Stellen auf Gefühle der Zugehörigkeit an, die sich im Angesicht Israels oder jüdischer Mitreisender einstellen. Die kosmopolitische Herkunft schließt die Sehnsucht nach eigenen Wurzeln nicht aus, in denen man sich seelisch und geographisch zu Hause fühlen könnte. Das lange und missverständliche Schweigen über die Vergangenheit in der Familie hat der Autorin die Neugierde nach Details zur familiären Herkunft nicht nehmen können.
Unter dem Titel einer exklusiven Liebe stellt man sich eine so dramatische Lebensgeschichte zunächst nicht vor.
Hier passt jedoch alles zusammen: Lebenslauf, Liebe, Identitätsfragen und Heimatlosigkeit. In wechselnden Szenen erlebt man eines von vielen Schicksalen, die das 20. Jahrhundert ausmachten. Johanna Adorjan schreibt mit unverkennbarer persönlicher Beteiligung, und das ist von lebendiger Überzeugungskraft.
7. März 2009 um 20:17 Uhr
Wahrhaftig, feinfühlig
Vor Jahren stieß ich auf Johanna Adorjan, im Feuillton der FAS. Ihr amüsanter Stil, Ihre klare Sprache und Ihre Feinfühligkeit veranlassen mich jeden Ihrer Artikel zu lesen. So ist es nicht erstaunlich, dass ich mich auf die Vorbestellungsliste Ihres ersten Buches setzen ließ - allerdings das Hörbuch - die Autorin liest selbst und das paßt, ist stimmig - Johanna Adorjan ist Teil dieser Geschichte und so feinfühlig, teilweise sehr einfühlsam ( was die letzten Stunden Ihrer Großeltern betrifft) trägt sie diese Geschichte auch vor. Die Charaktere Ihrer Großeltern und aller anderen Personen werden klar und kritisch beschrieben ohne zu verherrlichen, es entsteht ein authentisches Bild eines ungewöhnlichen Vorgehens, eines außergewöhnlichen Paares, das mich sehr berührt hat. Mit “Eine exklusive Liebe” gelingt Adorjan eine glaubhafte Aufarbeitung von Vorkommnissen in der eigenen Familie und des immer noch viel zu großen Tabuthemas “Freitod”.
8. April 2009 um 16:00 Uhr
Liebevolle Ide
Eine exklusive Liebe. Titel und Buchrücken versprechen eine interessante Geschichte.
Bereits beim ersten Blick in das Buch habe ich mich gewundert, wie ein so großes Themenspektrum (Freitod, die KZ-Inhaftierung des Großvaters, mehrere Landfluchten) mit solch großen Buchstaben in ein relativ übersichtliches Buch passen sollen. Die Geschichte ist spannend und liebevoll geschrieben, jedoch bleibt sie meiner Meinung nach im Ansatz stecken. Die Protagonisten versucht ein Bild ihrer Großeltern zu bekommen, in kurzen Gesprächen mit den wenigen Menschen die den Großeltern nah waren wird jedoch nur eine schemenhafte Darstellung skizziert. Ein großes Thema, ein wunderbarer Schreibstil, ich hätte mir jedoch ein bisschen mehr Tiefe gewünscht.
10. April 2009 um 23:51 Uhr
Der Versuch einer Geschichte über ein Ehepaar, das sich nicht vom Tod scheiden lassen wollte
Zwar finde ich nicht, dass es sich, wie man aus dem Titel schließen könnte, um eine Liebesgeschichte (im Sinne der Geschichte einer großen Liebe) handelt - das macht aber nichts.
“Eine exklusive Liebe” ist die gelungene Auseinandersetzung der Autorin mit dem Schicksal ihrer Großeltern väterlicherseits. Diese waren ungarische Juden, die den zweiten Weltkrieg überlebten, nach dem Scheitern der sozialistischen Reformbewegung 1956 aus Ungarn flohen, in Dänemark eine neue Heimat fanden und sich schließlich 1991 gemeinsam das Leben nahmen, da der Großvater unheilbar krank war und die Großmutter nicht ohne ihn weiterleben wollte.
Schon allein diese Eckdaten lassen erahnen, dass die Großeltern bewegte Zeiten mitgemacht haben und dass ihre Lebensgeschichte sicherlich äußerst erzählenswert ist. Das Problem an der Sache ist jedoch, dass die Großeltern zu Lebzeiten wenig über sich und was sie z.B. gegen Ende des zweiten Weltkriegs, als auch in Ungarn hunderttausende von Juden in Vernichtungslager abtransportiert wurden, erlebten, erzählt haben. Der Großvater war selber ein Jahr lang im KZ Mauthausen, lehnte es aber immer ab, davon zu erzählen. Die Großmutter überlebte offensichtlich dank gefälschter Papiere, mehr ist aber auch nicht bekannt.
Die Autorin tut ihr Bestes, alte, noch lebende Bekannte ihrer Großeltern aufzusuchen und von ihnen mehr über sie zu erfahren. Wirklich erhellende Informationen bekommt sie allerdings wenig. Aus diesem Grund bleibt die Lebensgeschichte bruchstückhaft und oft ein wenig oberflächlich - das, was die Autorin und auch der Leser nun wirklich gerne erfahren hätte, haben die Großeltern unwiderruflich mit ins Grab genommen.
Trotzdem empfinde ich das Erstlingswerk der Autorin aus folgenden Gründen als recht gut gelungen:
* Die beiden sich abwechselnden Erzählperspektiven - zum einen wird der Verlauf des letzten Tages im Leben der Großeltern bis hin zum gemeinschaftlichen Selbstmord beschrieben, zum anderen das Leben der Großeltern, über welches die Autorin intensiv recherchiert und diverse “Zeitzeugen” befragt.
* Beeindruckend finde ich hier vor allem die Beschreibung des letzten Tagesablaufs - natürlich war niemand dabei, die Autorin kennt ihre Großeltern aber gut genug um anhand der vorliegenden Fakten diesen letzten Tag sehr authentisch und anrührend zu rekonstruieren.
* Die (selbst-)kritische Erzählweise - Johanna Adorján hinterfragt viel und gezielt, sich selbst, was sie macht, die Aussagen der Zeitzeugen, das Bild, was sie selber von ihren Großeltern hat.
Was mich an dem Buch letztlich fasziniert, ist gar nicht mal die Geschichte der Großeltern, sondern wie sich die Autorin damit auseinandersetzt, welche Gedanken sie sich dazu macht, wie die Treffen mit den zum Teil sehr alten und bisweilen schrulligen Bekannten ihrer Großeltern verlaufen und wie sie ehrlich und offen ihre eigenen Empfindungen (z.B. als sie von der besten Freundin der Großmutter erfährt, dass die Großmutter trotz ihres souveränen Auftretens zeitlebens ein sehr unsicherer, sich ungeliebt fühlender Mensch war) beschreibt.
Herausgekommen ist eine anrührende, intime, authentische und auch immer wieder nachdenkliche machende Geschichte.
Eine exklusive Liebe
23. April 2009 um 07:17 Uhr
Tolles Buch!
Ich habe das Buch für eine liebe Kollegin gekauft. Und die hat mir voller Begeisterung von dem Buch vorgeschwärmt. Und wenn diese Kollegin begeistert ist, dann ist es ein tolles Buch!
23. April 2009 um 07:17 Uhr
Ein bemerkenswertes Buchdebüt aus der dritten Generation von Holocaust-Überlebenden- voller Poesie und Kraft
“Dieses Buch erzählt die Geschichte von Vera und Istvan, die als ungarische Juden den Holocaust überlebten, 1956 während des Aufstandes von Budapest nach Dänemark flohen und sich 1991 in Kopenhagen das Leben nahmen. Man fand sie Hand in Hand in ihrem Bett. Es ist die Geschichte einer ungewöhnlichen Liebe. Die Geschichte meiner Großeltern.”
Lange hat sich die Journalistin Johanna Adorjan danach an das Gebot ihrer Familie gehalten, nach dem über den Tod der Großeltern, aber auch über all das, was diesem Doppelselbstmord vorausging, nicht gesprochen werden durfte. Doch ähnlich wie schon andere Kinder und Enkel der Generation der Holocaust - Überlebenden vor ihr ( vgl. vor allem die Bücher von Lizzie Doron aus Israel) hat sich auch Johanna Adorjan irgend wann darüber hinweg gesetzt, auch deswegen, weil sie spürte, dass sie diese jüdischen Wurzeln in sich trägt und sie nicht verkümmern lassen will.
In einem faszinierenden und bewegenden Buch hat sich Johanna Adorjan auf die Suche gemacht nach der Geschichte ihrer Großeltern und etwas herausgefunden, was sie sicher vor Beginn ihrer Recherchen spürte, sonst hätte sie sie nicht begonnen: die Geschichte und das Schicksal ihrer Großeltern haben viel zu tun mit ihr selbst und mit ihrem bisherigen Leben.
Sensibel und mit einer fast poetischen Sprache folgt sie dem Ablauf des letzten Tages ihrer Großeltern auf dieser Welt und lässt die beiden sich erinnern. Hier benutzt sie viele Informationen, die sie während ihrer Recherchereisen gesammelt hat, bei denen sie mit Menschen sprach und Quellen studierte, die ihr von dem Geschehen berichten konnten.
Sie erzählt von einem Ehepaar, das aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Beide siezen sich bis an ihr Lebensende und wollen bis zum Schluss nicht über ihre Vergangenheit sprechen. Als ungarische Juden hatten sie beide den Holocaust überlebt, mussten aber 1956 aus Budapest fliehen, weil dieses Mal im Namen des Kommunismus, dessen Anhänger sie nach 1945 geworden waren, Juden verfolgt wurden in dem Land, das sie doch so liebten.
Sie fingen in Dänemark eine neue Existenz an und verdrängten wie so viele Überlebende die Vergangenheit. Noch Johanna Adorjans Eltern halten sich an das Familiengebot, doch die Enkelin muss es brechen, will sie ihrerseits überleben.
Herausgekommen ist das Porträt eines exzentrischen Liebespaares und eine Liebesgeschichte, die aufwühlt und betroffen macht. Es ist die Biografie zweier Menschen, die den Holocaust überlebten und den Ungarnaufstand und gleichzeitig ein Bild einer Epoche, der Vera und Istvan noch ganz verhaftet waren.
Es ist die Aufteilung in zwei Stränge, die das Buch auszeichnet. Zum einen die genaue ( vorgestellte) Darstellung des letzten Tages der Großeltern und zum anderen die in Rückblicken eingeblendeten Erinnerungen der beiden. Ein Buch voller Poesie und Kraft. Es ist zu hoffen, dass Johanna Adorjan nach diesem wirklich bemerkenswerten Buchdebüt ihre erzählerische Kraft noch zu weiteren belletristischen Büchern nutzt.
8. Mai 2009 um 19:51 Uhr
Was von Menschen übrig bleibt
Die Geschichte und den Lebensverlauf ihrer Großeltern hat Johanna Adorjan, so gut es ging, recherchiert. Sie scheute offenbar weder Mühen noch Kosten, ist nach Paris und New York und Ungarn gereist, um ihre Spuren zu verfolgen. Doch vor allem die Großmutter bleibt eine rätselhafte Person. Ich fürchte, dass ich diese Frau, Vera, wäre sie mir je begegnet, nicht besonders gemocht hätte. Schien sie doch eine immer glatte Fassade zu besitzen, sehr egoistisch, launisch und geizig gewesen zu sein. Auch war sie wenig nachsichtig mit den Schwächen ihrer Mitmenschen. Alles Wesenszüge, die mir nicht gefallen.
Trotzdem:
Es ist anrührend, wenn zwei Menschen beschließen, gemeinsam zu sterben, um nicht ohne einander sein zu müssen. Allein darauf beruht der Reiz dieser Geschichte.
Im Leben der Großeltern bleiben viele Lücken. Was genau haben sie erlebt? Was geschah mit dem Großvater in Mauthausen?
Was steckte hinter der so glänzenden Fassade der Großmutter? Warum dachte sie, dass niemand sie lieben könne? Warum wollte sie nicht bei ihrer besten Freundin Erszi den Lebensabend verbringen?
Der Leser bleibt mit diesen Fragen ebenso zurück wie die Angehörigen des Ehepaares. Was von Menschen übrig bleibt ist eben manchmal erschreckend wenig. Keine Existenz ist endgültig ausdeutbar.
25. Mai 2009 um 15:17 Uhr
Von gemeinsam gelebtem Leben und deren bewussten Beendigung!
Wir erfahren vom Leben zweier Menschen, die gemeinsam ein Leben miteinander verbracht haben, weil sie etwas verbunden hat. Wir hören von aufgesuchten Zeitzeugen, die die Autorin aufgesucht hat, bruchstückhafte Eindrücke, um das Leben dieses Grosselternehepaares abzuzeichnen. Eine Spurensuche in der Vergangenheit, von der wir gerne mehr erfahren würden, von 2 ungarischen Eheleuten,die den 2.Weltkrieg, eine KZ-Vergangenheit, den Volksaufstand 1956 und schliesslich die Flucht nach Dänemark erlebt haben. Sich dort schliesslich im Alter bewusst auf den Freitod vorbereiten.
Von einer jungen Autorin geschrieben, die sich für die Vergangenheit ihrer Grosseltern interessiert, (interessiert uns nicht alle was unsere Vorfahren in dieser Zeit erlebt haben?),von einer Symbiose einer langjährigen Beziehung,vom Freitod im Alter,von der Sehnsucht des gemeinsamen Sterbens und einer Grossmutter die die Überzeugung in sich trägt, dass niemand sie liebt und sie sich von ihrem Mann (oder besser von deren Liebe) abhängig macht. Von einer dominanten Grossmutter und einem etwas angepassten und kranken Grossvater, der über seine Vergangenheit nicht reden will.
Wenn auch nicht mit grosser Tiefe geschrieben,so schreibt Johanna Adorjan (welch schöner Name!) sehr einfach und leicht, eine Literatur die flüssig zu lesen ist, angenehm. Eine Mischung zwischen Reportage und Roman,(aber sicher kein Sachbuch!) wie zwei Erzählperspektiven, in der die Autorin hin und herwechselt, eigene Bezüge zu ihrer eigenen Person herstellt ein Leben zweier Menschen abzeichnet, das zwischen den z.T. leider lückenhaften Schilderung von Menschen die das Paar persönlich gekannt haben und einer sehr nahen fiktionalen Perspektive, die sehr authentisch und wahrheits getreu wirkt, auch wenn wir beim Lesen gleichzeitig wissen, dass diese romanhafte Schilderung auf der Annahme und der inneren Vorstellungswelt und Interpretation dieser Autorin beruht.
Eine leichte und feine Art mit einem Thema umzugehen,nämlich einer KZ-Vergangenheit,einer Kriegszeit,des Judentums (in dieser Zeit!) und Flucht in ein fremdes Land, dass für uns alle doch mit einer gewissen Schwere und Last zu tun hat, von daher muss ich dieser Autorin ein Kompliment machen, auch wenn ich mir zwischendurch mehr Berührtheit, mehr Betroffenheit (die wir erst gegen Ende der Geschichte spüren, wenn das Paar tot von der Polizei aufgefunden wird), mehr Tiefe von diesem Buch und den darin angesprochenen Themen gewünscht hätte. Eine Art Vergangenheitsbewältigung, um noch mit dem letzten Rest an einigermassen, zutreffenden Informationen, ein Bild entstehen zu lassen, was uns hilft, warum dieses Ehepaar eben gelebt wie es eben gelebt hat und warum sie sich ganz bewusst und ohne Kompromisse auf ihren Selbstmord vorbereitet und durchgezogen haben.
25. Mai 2009 um 15:17 Uhr
Viel Nicht-Gesagtes
Ein Buch, das sich schnell liest, viele Fragen offen lässt - und trotzden überzeugen kann. Die Autorin hat das mit ihrem Erstlingswerk “Eine exklusive Liebe” geschafft. Wenn man der Erzählung, die zwischen dem letzten Tag ihrer Großeltern und der Zeit der Recherchen für das Buch hin und her springt, folgt, taucht man tief in die Welt des alten Ungarn und der k. und k.-Monarchie ein. Trotzdem bleibt, hat man die kurze Geschichte gelesen, ein Nachgeschmack: Und was nehme ich daraus mit? Vielleicht geht es aber gar nicht um den Sinn eines Selbstmordes oder die Aufarbeitungsarbeit eines KZ-Gefangenen, der sein ganzes Leben nicht mehr über seine Holocaust-Erlebnisse gesprochen hat. Vielleicht geht es eher um das Gefühl, das Buch mit einem wohligen Lächeln weglegen zu können. Schon allein deswegen ist “Eine exklusive Liebe” lesenswert.
25. Mai 2009 um 15:17 Uhr
Sehr billige Klischees
‘Eine exklusive Liebe’ - der Titel sollte meiner Ansicht nach eher ‘Eine unglaubwürdige Liebe’ lauten. Beim Lesen des Buchs hatte ich den dauernd den Eindruck, dass die Autorin sehr genau weiß, was der durchschnittliche Leser von einer jüdischen Nach-Holocaust-Geschichte erwartet - und das wird dann bedient. Ich habe keine Sekunde den Eindruck gehabt, dass die Geschichte wirklich so stattgefunden haben könnte und finde auch den Sprachstil dieses angeblich biographisch gefärbten Buchs sehr konventionell und langweilig. So leid es mir tut: Das Ganze kommt mir wie ziemlich schlecht geschriebene Mitleidsprosa vor; langatmig, müde und politisch sehr zweifelhaft.
31. Mai 2009 um 12:34 Uhr
Danach hat man Lust auf eine Zigarette und klassische Musik
Ein schönes Buch, das zu Recht in der Spiegel Bestsellerliste steht.
Es ist die Geschichte vom Leben und Tod der Großeltern der Autorin. Vera und Istvan, ein aristokratisch anmutendes Paar, sie Siezen sich Zeit ihres Lebens, überlebten als ungarische Juden den Holocaust, flohen 1956 nach Dänemark und gingen gemeinsam nach fast fünfzig Jahren Ehe in den Freitod. Die Großmutter wollte ihren Ehemann nicht überleben.
Locker, etwas amüsiert, aber auch sensibel und mit großer Zuneigung, erforscht die Autorin auch zur eigenen Identitätsfindung das Leben ihrer Großeltern. In wechselnden Szenen erlebt man eines von vielen Schicksalen, die das 20. Jahrhundert ausmachten. Mit persönlicher Anteilnahme verflechtet die Autorin Dokumentarisches mit eigenen Erinnerungen und Reflexionen und rekonstruiert fiktiv die letzten Stunden im Leben ihrer kettenrauchenden und musikliebenden Großeltern.
Danach hat man Lust auf eine Zigarette und klassische Musik.
15. Juni 2009 um 21:51 Uhr
Schönes Buch !
Eine wirklich ergreifende Geschichte und bei allem Pathos nicht schwulstig oder sentimental. Absolut kurzweilige Lektüre. Unbedingt lesen !!
25. Juni 2009 um 16:00 Uhr
Ohne moralische Wertung - vorbildlich.
Was macht einen guten Roman eigentlich gut? Da mag jeder Leser seine eigenen Vorstellungen und Vorlieben haben. Für mich gilt immer: Der Autor darf so ziemlich alles, mich aber nicht langweilen.
Johanna Adorján hat mich nicht gelangweilt, sondern dadurch, dass ich den Roman als Vorabdruck im Feulleton der F.A.Z. gelesen habe, wurde ich regelrecht auf die Folter gespannt. Jeden Abend nach der Rückkehr aus dem Büro ein Häppchen, und dann 24 Stunden Zwangspause. Und am Sonntag jeweils Fastenzeit, was den Roman betraf.
Die Lektüre war unterhaltsam auf eine bezaubernde Weise. Johanna Adorján gelingt es, den Leser durch eine Vielzahl von Stimmungen zu führen, ohne dass sie »dick auftragen« würde. Sie schildert in eher nüchternem Erzählton aus der Sicht der Enkelin ein Ehepaar auf dem Weg zum gemeinsamen Suizid. Ein Ehepaar, das liebenswert schrullige Gewohnheiten pflegt. Zum Beispiel: Die beiden duzen sich nicht, sondern es herrscht das respektvolle Sie zwischen den Eheleuten. Das ist natürlich ungewohnt und überraschend, anfangs sogar leicht irritierend. Aber je besser man die beiden kennen lernt, desto mehr findet man, dass es zu ihnen passt.
Die Autorin portraitiert das Paar und seine exklusive Liebe einfühlsam und mit Humor, schildert exemplarische kleine Alltagsgewohnheiten wie den jahrelang an der gleichen Straßenkreuzung identischen, eigentlich völlig überflüssigen Dialog über die einzuschlagende Richtung. Es sind solche Rituale, die zu einer langen und glücklichen Ehe dazu gehören.
Die Lebensgeschichte der Protagonisten zieht sich vom mondänen Leben in Ungarn über die Besetzung durch deutsche Nazitruppen, Flucht und schließlich Exil bis zum gemeinsam geplanten Ende des Lebens in der langjährigen neuen Heimat Dänemark. Ein jüdisches Schicksal, das von der Autorin ohne bittere Kommentare dargestellt wird, und deshalb vielleicht um so eindringlicher auf den Leser wirkt.
Man weiß gleich zu Beginn der Lektüre, dass die beiden alten Leute Selbstmord begangen haben, die Gründe dafür werden in Rückblenden nach und nach enthüllt, während Johanna Adorján in ihrer Erzählrolle als Enkelin die Lebensgeschichten der Großeltern entfaltet. Sie enthält sich auf dieser Spurensuche jeglicher moralischen Wertung zum Suizid, trotz der Bestürzung und Trauer, die solch eine unumkehrbare Handlung bei den Hinterbliebenen auslöst.
Mein Fazit: Ein sehr gelungenes Buch, das nicht versucht, letzte Antworten zu geben, wo sich keine verbindlichen finden lassen, sondern statt dessen Fragen aufwirft, die zu überdenken sich lohnt.
13. Juli 2009 um 06:34 Uhr
Großes Thema, Chance nicht genutzt
Die Autorin hat m.E. die Chance, ein großes Thema fesselnd und aufwühlend zu bearbeiten, vertan. Sie hat erzählt, mehr nicht. Der letzte, zu Herzen gehende Funke blieb aus.
19. Juli 2009 um 15:00 Uhr
Geschichte einer exclusiven Liebe? Fehlende Tiefe!
Dieses Buch, das ich mir nur gekauft habe, da ich vielfach las, wie gut es sei, hat mich doch recht enttäuscht.
Über den Inhalt wurde von anderen vor mir bereits ausreichend berichtet.
Die Autorin hat viele Themen leider nur kurz angerissen. Dabei hätte weniger mehr bedeutet. Auch fehlte mir die nötige Tiefe in den meisten Kapiteln.
Johanna Adorjan hätte aus der Geschichte (die ich nur schwer als die einer großen, geschweige denn exclusiven Liebe empfand) ihrer Großeltern besser einen längeren Roman machen sollen, in dem die Geschichte auführlicher, genauer und anschaulicher beschrieben worden wäre. Vielleicht wäre dann daraus ein wirklich guter Roman geworden?
Auf dem Umschlag des Buches ist auch von nicht fehlendem “Humor” die Rede, den ich auf keiner Seite entdecken konnte, was mir aber allerdings bei dem Inhalt des Buches nicht wichtig war (aber warum schreib man das dann?).
Lediglich die letzten Seiten des gemeinsamen Freitodes fand ich interessant und fesseld.
23. Juli 2009 um 05:51 Uhr
Tief & Leicht
Ein kleines Buch. Ein feines Buch. Ein leises Buch.
Die Geschichte von der Spurensuche einer Enkelin zum Selbstmord ihrer jüdischen Großeltern, Überlebende des Holocaust, Flüchtlinge nach dem Ungarn-Aufstand 1956.
Zeitzeugen kommen zu Wort, alte Dokumente werden aus alten Kisten gekramt, verstaubte Fotoalben aufgeschlagen, beständig im Wechselspiel mit einer Rekonstruktion der letzten Stunden vor dem Freitod, wie sie evtl stattgefunden haben könnten.
Puzzleteile werden zusammen getragen, Mosaiksteinchen zu Mosaiksteinchen gesetzt, und am Ende darf sich der Leser das Bild doch ganz alleine zusammen bauen.
Ohne Moralisieren! Ohne Dramatisieren! Wohltuend! Nachhallend!
Und am Ende bleibt die schlichte Wahrheit:
Die Würde des Menschen ist unantastbar!
18. August 2009 um 15:34 Uhr
Istvan und Vera!
Der 13. Oktober 1991 war ein Sonntag. Ein besonderer Tag im Leben von Vera und Istvan, den Großeltern der Journalistin Johanna Adorjan. Am Ende dieses Tages werden die beiden ihrem Leben nach mehr als 50 gemeinsamen Jahren ein Ende setzen.
Der Doppelselbstmord ist von langer Hand geplant und sogar mehrfach von Vera angekündigt, die nie einen Hehl daraus machte, ohne ihren Mann - der schwer krank geworden ist und den die Kräfte allmählich verlassen - nicht weiterleben zu wollen.
Johanna Ardorjans Buch ist die Geschichte einer “exklusiven Liebe” und die Dokumentation einer besonderen Spurensuche. Zugleich verlässt es die dokumentarische Ebene, denn Johanna Adorjan rekonstruiert mit dichterischer Freiheit diesen letzten Tag im Leben der Großeltern und sie tut dies mit Wärme und Humor.
Sie porträtiert zwei wunderbare und außergewöhnliche Menschen, denen es zeitlebens gelang, zumindest für die Familie und den Freundeskreis den biographischen Traumata mit Trotz zu begegnen.
“Darüber sprechen wir nicht” war die Antwort, wenn die Kinder und Enkelkinder nach der Zeit des 2. Weltkriegs oder den Jahren danach im kommunistischen Ungarn fragten. Mit der Flucht aus Budapest nach Dänemark 1956 begann ein neues Leben, in dem das Paar wieder die Rolle einnahm, die es so perfekt verkörperte:
Ein Paar mit ungeheurer Strahlkraft, König und Königin ihres eigenen Reiches.
Beide stammten aus dem jüdischen Bürgertum Budapests und verliebten sich auf den ersten Blick ineinander.
Johanna Adorjan rekonstruiert die schweren ersten Jahre, den KZ-Aufenthalt des Großvaters und den anschließenden Todesmarsch, das Überleben der Großmutter mit falschen Papieren und einem Säugling (Johannas Vater) mitten in Budapest. Die Jahre danach, in denen es dem Ehepaar vergleichsweise gut geht und Istvan seinen Chirurgenberuf wieder ausübt.
Schnell wurden die beiden nach der Flucht in Dänemark heimisch und faszinierten ihre Umgebung: Mit blitzgescheiter Intelligenz, unorthodoxem Auftreten und auch damit, dass zwischen den beiden eine besondere Magie herrschte.
Johanna Adorjan hat ihr sich zeitlebens sietzendes Großelternpaar sehr gern gehabt. Ihrer Großmutter begegnete sie immer mit einer Mischung aus Vorsicht und Faszination, dem Großvater vor allem mit kindlicher Zuneigung.
Sie hält eigene Erfahrungen und Begegnungen in ihrem Buch ebenso fest wie Gespräche mit Menschen, die Istvan und Vera nahestanden.
In den von ihr rekonstruierten möglichen Ablauf des letzten Lebenstages webt sie all das ein, was sie im Lauf der Recherche in Erfahrung bringen konnte und sie trifft einen ganz besonderen Ton, der dem Lebensgefühl und der konsequent gelebten Liebe beider erstaunlich nahe zu kommen scheint.
Die Geschichte von Johanna Adorjans Großeltern auf diese Weise erzählt zu bekommen, ist ein wirklicher Glücksfall.
Hier verweben sich erlebte und gelebte Geschichte, die Magie einer ganz großen Liebe aber auch die Erschütterung darüber, dass diese innige Beziehung und ihr konsequentes Ende alle anderen Menschen ausschloss.
Man kann in dieses Buch hineingleiten wie in einen gut erfundenen Roman,
zieht jedoch ungleich mehr aus dieser Lektüre.
Ein ganz besonderes Buch!
13. Oktober 2009 um 19:17 Uhr
Einfühlsam und originell
Einfühlsam und originell. Das sind die Adjektive, die mir zu diesem kleinen, feinen Buch in den Sinn kommen. Es handelt von der großen Liebe zwischen Vera und István, die den Holocaust überleben, sich durch die ungarische Nachkriegszeit schlagen und die letzten dreißig Jahre in Dänemark leben.
Es ist nicht nur eine geschichtliche Reise von den Grausamkeiten des letzten Jahrhunderts über den ungarischen Kommunismus bis hin zum heutigen Dänemark (bis 1991), es ist vor allem ein Rückblick auf eine große, gelebte Liebe zweier Menschen, die einander genug waren. Ihnen waren andere und die jeweils aktuelle Umgebung eher zweitrangig. Geschrieben von der Enkelin spiegelt sich hierin aber auch die ganz persönliche Geschichte der Autorin wider.
Ein fesselndes Buch auch wegen der Originalität der Figuren, dass mit feiner Feder und leisem Humor geschrieben wurde. Empfehlenswert!
9. November 2009 um 18:00 Uhr
großartige Erzählerin
Ich habe dieses Buch mit Begeisterung gelesen, weil die Autorin eben nicht klischeehaft die Erwartungen bedient, die ganz schnell an eine Geschichte gestellt werden, die sich vom Holocaust bis zum Freitod der beiden Protagonisten erstreckt. Johanna Adorjan findet für jede Situation, die sie beschreibt, eine angemessene, unaufgeregte und gerade deshalb oft überraschende Sprache. Nirgends wird nach Mitleid geheischt, für den Freitod ihrer Großeltern werden nicht Ursachen oder Verantwortlichkeiten konstruiert. Sie lässt den Personen ihre Würde und versucht gar nicht erst, Ereignisse zu kommentieren, die ihren Erfahrungshorizont übersteigen. Diese Zurückhaltung, mit der sich Adorjan ihren Großeltern erzählerisch nähert, ist berührend und großartig, und sie ermöglicht den Lesern einen würdigenden und doch intimen Blick auf diese besonderen Menschen. Die Frühstückszigarette der Großmutter auf der zweiten Seite des Buches ist so wunderbar beschrieben, dass man sich wünscht, diese Frau gekannt zu haben.
17. November 2009 um 13:51 Uhr
Starkes Debüt
“Ihre große Liebe ist die Antwort” teilen die Angehörigen in der Todesanzeige auf die unausgesprochene Frage nach dem Grund für den gemeinsamen Freitod Veras und Istváns mit.
Die Beiden blicken auf eine langjährige, intakte Ehe zurück als István erfährt, dass er wegen einer Herzerkrankung nicht mehr lange zu leben hat.
Vera, die mit ihren 71 Jahren eine kerngesunde Frau ist, kommt zu dem Entschluss, dass sie ohne ihren Mann nicht leben kann und will und so beginnen die beiden alten Leute, minutiös ihren Selbstmord zu planen.
An alles wird bei den Vorbereitungen gedacht, nichts soll dem Zufall überlassen werden und so erhält die Enkelin und Autorin des Buches anhand der Ordnung in Haus, Garten und Leben der Verstorbenen eine sehr genaue Vorstellung von ihren letzten Stunden.
Die als Redakteurin beschäftigte Johanna Adorján deckt sechzehn Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern die Hintergründe dieser verzweifelten Tat auf. Wortgewandt und einfühlsam bringt sie dem Leser Vera und István nahe und lässt ein konkretes Bild der Beiden entstehen.
Die junge Frau liebte ihre glamouröse Großmutter mit zärtlicher Bewunderung, scheut sich aber nicht, sie gleichzeitig als launisch, unberechenbar und egoistisch zu schildern.
Abwechselnd zu dem vermutlichen Verlauf des Todestages berichtet Frau Adorján über die Vergangenheit ihrer Großeltern, erzählt über Gespräche mit Freunden und Verwandten und man bekommt den Eindruck, dass die 1971 geborene Autorin erst viele Jahre nach Veras und Istváns Tod das Bild komplettiert und die Vergangenheit verarbeitet.
Dem ernsten Thema zum Trotz handelt es sich keineswegs um eine traurige Familiengeschichte, sondern um einen brillant erzählten, teilweise sogar heiteren und unterhaltsamen Ausflug in die Vergangenheit und Gefühlswelt zweier ungarischer Juden.
Ich habe diese biografische Mischung aus Recherche, Realität und Fantasie sehr gern gelesen und ertappte mich dabei, dass ich beim Lesen der letzten Seiten immer langsamer wurde, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte zu Ende geht.
Eine exklusive Geschichte um eine exklusive Liebe.
17. November 2009 um 13:51 Uhr
Starkes Debüt
“Ihre große Liebe ist die Antwort” teilen die Angehörigen in der Todesanzeige auf die unausgesprochene Frage nach dem Grund für den gemeinsamen Freitod Veras und Istváns mit.
Die Beiden blicken auf eine langjährige, intakte Ehe zurück als István erfährt, dass er wegen einer Herzerkrankung nicht mehr lange zu leben hat.
Vera, die mit ihren 71 Jahren eine kerngesunde Frau ist, kommt zu dem Entschluss, dass sie ohne ihren Mann nicht leben kann und will und so beginnen die beiden alten Leute, minutiös ihren Selbstmord zu planen.
An alles wird bei den Vorbereitungen gedacht, nichts soll dem Zufall überlassen werden und so erhält die Enkelin und Autorin des Buches anhand der Ordnung in Haus, Garten und Leben der Verstorbenen eine sehr genaue Vorstellung von ihren letzten Stunden.
Die als Redakteurin beschäftigte Johanna Adorján deckt sechzehn Jahre nach dem Tod ihrer Großeltern die Hintergründe dieser verzweifelten Tat auf. Wortgewandt und einfühlsam bringt sie dem Leser Vera und István nahe und lässt ein konkretes Bild der Beiden entstehen.
Die junge Frau liebte ihre glamouröse Großmutter mit zärtlicher Bewunderung, scheut sich aber nicht, sie gleichzeitig als launisch, unberechenbar und egoistisch zu schildern.
Abwechselnd zu dem vermutlichen Verlauf des Todestages berichtet Frau Adorján über die Vergangenheit ihrer Großeltern, erzählt über Gespräche mit Freunden und Verwandten und man bekommt den Eindruck, dass die 1971 geborene Autorin erst viele Jahre nach Veras und Istváns Tod das Bild komplettiert und die Vergangenheit verarbeitet.
Dem ernsten Thema zum Trotz handelt es sich keineswegs um eine traurige Familiengeschichte, sondern um einen brillant erzählten, teilweise sogar heiteren und unterhaltsamen Ausflug in die Vergangenheit und Gefühlswelt zweier ungarischer Juden.
Ich habe diese biografische Mischung aus Recherche, Realität und Fantasie sehr gern gelesen und ertappte mich dabei, dass ich beim Lesen der letzten Seiten immer langsamer wurde, weil ich nicht wollte, dass die Geschichte zu Ende geht.
Eine exklusive Geschichte um eine exklusive Liebe.
29. November 2009 um 07:17 Uhr
Die Rolle ihres Lebens
Das Leben hat 1945 erst begonnen; Davor? “Darüber-sprechen-wir-nicht”;
Der Roman beginnt und endet mit dem gemeinsamen, wohl überlegten und bis ins Detail geplanten Selbstmord Johanna Adorjans Großeltern väterlicherseits, “Vera” und “Pista”. Sie waren ungarische Juden, Holocaust Überlebende, Flüchtlinge, die in Dänemark eine neue Heimat gefunden haben. - Der Großvater ein orthopädischer Chirurg, ruhig und in sich gekehrt. Die Großmutter … sie war wunderschön, sie war extrovertiert, extravagant gekleidet, sie hatte ein selbstbewusstes Auftreten, sie war launenhaft, exzentrisch, unberechenbar, egoistisch und rauchte Kette - sie war eine Grande Dame, eine Überlebenskünstlerin und dabei im Innersten zutiefst unsicher.
“… Sie sind vielmehr weitere Vertreter des Kopenhagener Publikums, vor denen meine Großeltern ihr Erfolgsstück gaben: Das interessante, faszinierende Paar, das Musik liebte. Meine Großmutter hielt sie freundlich plaudernd auf Abstand, zeigte ihnen die glänzende Oberfläche ihres Lebens, rauchte dazu Zigaretten und sah fabelhaft aus. Es war die Rolle ihres Lebens, sie spielte sie fehlerlos.” S152
Das wahrhaft Exklusive an dem Roman ist seine unglaubliche Leichtigkeit, die außerordentlich diskrete Aufarbeitung eines Schicksals, die aufdeckt und ans Licht bring, ohne dabei jemandem Gesicht und Ansehen zu nehmen, die unheimlich betreffende Auseinandersetzung mit jüngster europäischer Geschichte und die Frage Adorjans nach den eigenen Wurzeln, die ohne zurückzublicken gekappt wurden.
Herausragend aufgerollt, wundervoll nüchtern!
10. Januar 2010 um 22:51 Uhr
Debüt hin oder her
…,es ist ein gutes Buch. Ich habe lange gehadert, dieses Buch zu lesen. Was interessieren mich die Eltern oder Großeltern anderer Leute? Doch den Kritikern muß ich zu stimmen: Es ist ein gutes Buch. Und zwar deshalb, weil sie ihre Familie, besonders ihre Großmutter, nicht glorifiziert. Sie hatte Ecken und Kanten wie alle Menschen.
Die Autorin hat einen wunderbaren leichten Schreibstil. Das Buch ist auch deshalb, nicht nur wegen der Kürze (184 Seiten, großräumig aufgeteilt) schnell zu lesen.
10. Januar 2010 um 22:51 Uhr
Vielversprechend
Frau Adorjan hat einen guten Schreibstil und sicher wird man noch von ihr hören.
Diese Geschichte allerdings hinterläßt einen falen Geschmack. Viel zu persönlich für einen Roman, beschreibt sie ihre Großeltern und ihre Familie. Zudem scheint ihre Großmutter nicht sonderlich sympathisch gewesen zu sein, exzentrisch und gleichzeitig lebensuntüchtig. Es wirft einfach kein gutes Licht auf diese Familie. Sicher war das nicht beabsichtigt. Ich habe mich wie ein Voyeur gefühlt und war erleichtert, als ich am Ende des Buches angelangt war. Was wollte mir die Autorin sagen? Ich weiß es eigentlich nicht.
16. Februar 2010 um 10:34 Uhr
Liebes- und Familiengeschichte der besonderen Art
1991 nehmen sich Vera und István, ein älteres Ehepaar, zusammen das Leben. Während Vera mit Anfang 70 noch topfit ist, leidet István an einer fortschreitenden Herzerkrankung und hätte seine Frau in absehbarer Zeit wohl alleine zurückgelassen. Dieser ultimativen Trennung haben sich die beiden nun durch den gemeinsamen Suizid entzogen, die Familie bleibt verstört zurück und rätselt um die genauen Beweggründe.
Vera und István waren die Großeltern der Autorin. In jüdischen Familien in Ungarn geboren und aufgewachsen, floh Vera während des Holocaust zunächst nach Deutschland, István wurde in ein KZ verschleppt.
Johanna Adorján erzählt in diesem Buch auf zwei Ebenen: einmal versucht sie, den letzten Lebenstag ihrer Großeltern bis zur abschließenden gemeinsamen Tat nachzuzeichnen, wie er möglicherweise gewesen sein könnte, andererseits schildert sie ihre eigenen familiären Erlebnisse und blickt zurück in die Vergangenheit, in die bewegte Lebensgeschichte von Vera und István.
Es klingt beinahe, als wäre die Autorin wirklich dabei gewesen, so detailliert und plausibel beschreibt sie den Schicksalstag dieses Ehepaares, das sich zeitlebens nach ungarischer Tradition siezte und sich dennoch so nahe war, dass einer nicht ohne den anderen zurückbleiben wollte. In einer klaren, angenehmen, schnörkellosen Sprache nähert sie sich ihrer Familiengeschichte und berichtet von ihren eigenen Versuchen, mit dem Grauen umzugehen, das ihre Großeltern erlebt haben.
Eine berührende und persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familie und deren Vergangenheit.