Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen (Carmen Reinhart)

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7 Kommentare zu „Dieses Mal ist alles anders. Acht Jahrhunderte Finanzkrisen (Carmen Reinhart)“

  1. Armand sagt:

    Über die nicht austerben wollende politische Verdrängung der ökonomischen Wirklichkeit
    Wenn man etwas aus diesem Buch lernen kann, dann, dass Staatspleiten kein seltenes Ereignis sind. Die Autoren weisen anhand von Datensätzen aus mehreren Jahrhunderten nach, dass die Abläufe im Wesentlichen immer gleich sind. Nationen leben eine Zeit lang über ihre Verhältnisse, stehen dann manchmal noch jahrelang praktisch bereits pleite vor dem finanziellen Abgrund, bis aus irgendeinem meist externen Grund das Vertrauen in ihre Rückzahlungsfähigkeiten schwindet. Früher führten fast immer Kriege in eine solche Situation, heute haben sich zu den Ursachen noch das kreditfinanzierte Streben nach einem breiten Scheinwohlstand oder politisch gewollte, aber ökonomisch blödsinnige Währungskoppelungen wie in Argentinien oder Griechenland dazugesellt. Staatspleiten sind fast immer die Folge einer wahnwitzigen Schuldenmacherei der politisch führenden Schicht, die chronisch unfähig ist, der ökonomischen Wirklichkeit ins Auge zu sehen und entsprechend zu handeln.

    Leider wurde das Buch der beiden Autoren nach meinem Empfinden nicht für ein breites Publikum konzipiert. Es hat vielmehr den eigenwilligen Charakter einer wissenschaftlichen Monografie und liest sich dementsprechend holprig. Dutzende Seiten des ersten Kapitels werden beispielsweise beschrieben, um Definitionen zu erstellen, sie zu begründen und sich nach allen Seiten abzusichern und zu erklären. Nicht selten wirkt das dann doch etwas diffus, weil es den Autoren nicht immer gelingen will, auf den Punkt zu kommen.

    Inhalt des ersten Kapitels ist eine Klassifikation der verschiedenen Krisentypen (Inflationskrisen, Währungszusammenbrüche, Währungsabwertungen, Bankenkrisen, Aus- und Inlandsschuldenkrisen) und eine kurze beispielhafte Schilderung von einigen solcher Fälle. Kapitel 2 kommt zu dem Schluss, dass Schuldenkrisen bei solchen Ländern wahrscheinlich werden, deren Auslandsverschuldung über 35% des BIP liegt. Bei Deutschland ist sie mehr als doppelt so hoch. Allerdings leiden wir nicht sehr unter den drei im Text genannten institutionellen Schwächen, die eine Schuldenkrise begünstigen. Länder, die einmal in Schuldenkrisen geraten sind, brauchen oft Generationen, um sich davon zu erholen. Das abschließende Kapitel des ersten Teils erklärt, woher die im Folgenden genutzten Daten stammen und wie sie einzuordnen sind.

    Der zweite Teil des Buches ist den Auslandschuldenkrisen souveräner Staaten gewidmet. Also beginnt Kapitel 4 mit einigen recht abstrakten theoretischen Fragestellungen dazu. Das nächste Kapitel beleuchtet Zyklen und Muster bei Auslandsverschuldungen. Dabei kommen die Autoren bei der Auswertung ihres empirischen Materials zu der Schlussfolgerung, dass Auslandsschuldenkrisen mit Kriegen korreliert sind oder dem Schuldenmachen in guten Zeiten. Das konnte man auch so vermuten. Im 6. Kapitel findet man zahlreiche Beispiele für Auslandschuldenkrisen in den letzten 200 Jahren.

    Mit dem 7. Kapitel beginnt der dritte Teil dieses Buches, der Inlandsschuldenkrisen beleuchtet. Die entsprechenden Schuldverschreibungen müssen dabei nicht in der Landeswährung begeben worden sein, was allerdings eine Ausnahme ist. Gewöhnlich machen die Inlandsschulden den größeren Teil der Gesamtschulden eines Staates aus. Und merkwürdigerweise ist hier die Zahlungsmoral erheblich besser als gegenüber ausländischen Gläubigern. Die Autoren haben das durch große Datensätze nachgewiesen. Solche Daten aus der Vergangenheit überhaupt erheben zu können, gleicht eigentlich einem Wunder. Und deshalb sollte man nicht kritisieren, dass die Autoren immer nur die Schulden des Zentralstaates meinen, obwohl natürlich die Gesamtinlandsschulden (zum Beispiel Schulden von Teilstaaten oder Kommunen mitgerechnet) wesentlich höher, aber nachträglich kaum mehr zu ermitteln sind. Die Autoren weisen nach, dass Auslandsschuldenkrisen stets Inlandsschuldenkrisen und ein wirtschaftlicher Niedergang vorausgehen. Doch merkwürdigerweise werden Inlandsschulden auch heute noch kaum beachtet, obwohl sie die Krise lange vorher ankündigen. Wäre die EU-Bürokratie nicht plötzlich erblindet, hätte sie die Griechenland-Katastrophe lange vorher sehen können. In der Geschichte neigten Staaten oft dazu, sich durch Inflation ihrer Inlandsschulden zu entledigen.

    Mit dem 10. Kapitel beginnt der vierte Teil. Zunächst betrachten die Autoren Bankenkrisen und stellen fest, dass solche Krisen immer mit einer vorangegangenen Deregulierung der Finanzmärkte und einem erheblichen Kapitalzufluss korreliert sind. Die Kosten von Bankenkrisen sind deutlich größer als die zur unmittelbaren Rettung eingesetzten Beträge. Bankenkrisen führen in der Regel zu einer Verdopplung der Staatsschulden. Kapitel 11 erinnert uns daran, dass es Währungsabwertungen und Inflationen auch schon vor der Einführung des Papiergeldes gegeben hat. Damals wurde einfach der Edelmetallgehalt von Münzen geändert. Wie es um diese Themen in der heutigen Zeit bestellt ist, berichtet das folgende Kapitel.

    Im vier Kapitel umfassenden fünften Teil geht es um die amerikanische Subprime-Krise und ihre Verbreitung über die ganze Welt. Die Autoren befassen sich von vielen Seiten aus mit diesem Themen und versuchen eine historische Einordnung, denn das ist schließlich das Thema ihres Werkes. Über die Krise selbst habe ich allerdings schon bessere Analysen gelesen. Im letzten Kapitel dieses Teil entwickeln die Autoren Messgrößen, um Krisen vorauszusehen und beschreiben einen typischen Krisenverlauf.

    Im letzten Teil fragen sich Reinhart und Rogoff, was wir nun aus all dem gelernt hätten. Darunter steht ein Zitat. Es lautet: “Es gibt nichts Neues, außer dem, was vergessen wurde.” Damit ist alles gesagt. Ihre nachfolgenden Ausführungen vermitteln zwar den Eindruck, als wären wir lernfähig. Doch da kann man skeptisch sein. Staaten werden von Menschen gelenkt, und Menschen leben gerne über ihre Verhältnisse.

    Das Buch enthält einen umfangreichen Anhang, in dem Schulden- und Bankenkrisen der letzten 200 Jahre dokumentiert werden. Auf weitere Quellen wird hingewiesen.

    Fazit.

    Dieses wissenschaftliche Werk über die Finanzkrisen der letzten Jahrhunderte basiert auf einem einmaligen Datenkranz. Man kann schon alleine wegen dieses Materials und seiner detaillierten Analyse in der Bewertung nicht unter fünf Sterne gehen. Überraschendes kommt außer der Häufigkeit der Ereignisse nicht zu Tage, denn alle Krisen verlaufen im Prinzip nach demselben Schema. Menschliches Verhalten und dabei insbesondere die ständige Selbstüberschätzung blieben über die Jahrhunderte konstant und sind invariant gegenüber technischen Möglichkeiten und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Das Buch ist erwartungsgemäß nicht besonders spannend geschrieben und bietet keine praktischen Schlussfolgerungen für eine zukünftige individuelle Krisenbewältigung.

  2. Dorothy sagt:

    Krisen entstehen durch Überschuldung
    Dieses Buch bietet einen Überblick über die Finanzkrisen der letzten acht Jahrhunderte.

    Zunächst wird erläutert, was unter einer Finanzkrise zu verstehen ist und wie man die einzelnen Formen definieren kann. Hier wird z. B. unter einer Inflationskrise eine jährliche Inflationsrate von mehr als 20 Prozent verstanden.

    Im Hauptteil des Buches werden folgende Krisen diskutiert:

    - Inflationskrisen

    - Schuldenkrisen

    - Bankenkrisen

    - Währungskrisen

    Der gemeinsame Nenner der Krisen ist, dass sie durch zu hohe Verschuldung (insbesondere Staatsverschuldung) ausgelöst werden. So kann z. B. ein übermäßiger Kapitalzufluss aus dem Ausland die Kreditzinsen senken, was zu höherer Verschuldung animiert und so die Inflation anheizt. Manche Krisen können gemeinsam auftreten; häufig bestehen bei Bankenkrisen auch Verschuldungs- oder Inflationskrisen. Bei der öffentlichen Verschuldung muss man zwischen inländischer (in einheimischer Währung und nach einheimischem Recht) und ausländischer unterscheiden. Die Staaten verschleiern gern ihre Verschuldung (vor allem die inländische). Das kann dazu führen, dass auch bei scheinbar soliden (da nicht im Ausland verschuldeten) Staaten eine Schuldenkrise ausbricht.

    Danach werden die Symptome älterer Krisen (vor allem die der Weltwirtschaftskrise) mit denen der aktuellen Finanzkrise verglichen. Für die nähere Zukunft ist demnach noch ein starker Anstieg der Staatsverschuldung zu erwarten. Auch bei dieser Krise hieß das Motto für die starke Verschuldung und das Übersehen der Risiken wieder: “Dieses Mal ist alles anders”. Ähnliche Irrtümer gab es vor der Weltwirtschaftskrise auch. Es passieren aber immer die gleichen Fehler.

    Was kann man aus der Geschichte der Finanzkrisen lernen? Leider sind bei den einzelnen Symptomen Ursache und Wirkung nicht bekannt. Man kann nur einen ungefähren Verlauf für Bankenkrisen angeben, sodass weitere Forschungsarbeit notwendig ist. Da das Hautproblem in der Verschuldung liegt, ist in diesem Punkt mehr Transparenz notwendig. Die Staaten sollten ihre Schulden an eine zentrale Behörde melden und die Wirtschaftspolitik besser aufeinander abstimmen.

    Mir hat das Buch teilweise gut gefallen. Die Daten zu den einzelnen Krisen werden jeweils in Tabellen oder Diagrammen aufbereitet (eine Historie der Zinsen fehlt leider). Jedoch muss man beachten, dass man aus den Daten keine Wirkungszusammenhänge ableiten kann. Eine sinnvolle Konjunkturtheorie wird weder angestrebt noch diskutiert. Die verstreuten Hinweise auf die Geldpolitik, der Verlauf von Aktienkursen und Immobilienpreisen während einer Krise sowie das ausführlich diskutierte “Problem der Fristenkongruenz” der Geschäftsbanken (Fragilität des Finanzsystems durch Finanzierung langfristiger Verbindlichkeiten mit kurzfristigen Einlagen) können jedoch als Bestätigung der “österreichischen” Konjunkturtheorie diesen: Krisen werden durch die Geldpolitik der staatlichen Zentralbanken ausgelöst und durch die Geschäftsbanken verstärkt. Das Buch löst also keine theoretischen Fragen, liefert aber viel historisches Material. (Hinweis: Ich habe die amerikanische Originalausgabe “This Time Is Different” gelesen.)

  3. stephie sagt:

    Krisen entstehen durch Überschuldung
    Dieses Buch bietet einen Überblick über die Finanzkrisen der letzten acht Jahrhunderte.

    Zunächst wird erläutert, was unter einer Finanzkrise zu verstehen ist und wie man die einzelnen Formen definieren kann. Hier wird z. B. unter einer Inflationskrise eine jährliche Inflationsrate von mehr als 20 Prozent verstanden.

    Im Hauptteil des Buches werden folgende Krisen diskutiert:

    - Inflationskrisen

    - Schuldenkrisen

    - Bankenkrisen

    - Währungskrisen

    Der gemeinsame Nenner der Krisen ist, dass sie durch zu hohe Verschuldung (insbesondere Staatsverschuldung) ausgelöst werden. So kann z. B. ein übermäßiger Kapitalzufluss aus dem Ausland die Kreditzinsen senken, was zu höherer Verschuldung animiert und so die Inflation anheizt. Manche Krisen können gemeinsam auftreten; häufig bestehen bei Bankenkrisen auch Verschuldungs- oder Inflationskrisen. Bei der öffentlichen Verschuldung muss man zwischen inländischer (in einheimischer Währung und nach einheimischem Recht) und ausländischer unterscheiden. Die Staaten verschleiern gern ihre Verschuldung (vor allem die inländische). Das kann dazu führen, dass auch bei scheinbar soliden (da nicht im Ausland verschuldeten) Staaten eine Schuldenkrise ausbricht.

    Danach werden die Symptome älterer Krisen (vor allem die der Weltwirtschaftskrise) mit denen der aktuellen Finanzkrise verglichen. Für die nähere Zukunft ist demnach noch ein starker Anstieg der Staatsverschuldung zu erwarten. Auch bei dieser Krise hieß das Motto für die starke Verschuldung und das Übersehen der Risiken wieder: “Dieses Mal ist alles anders”. Ähnliche Irrtümer gab es vor der Weltwirtschaftskrise auch. Es passieren aber immer die gleichen Fehler.

    Was kann man aus der Geschichte der Finanzkrisen lernen? Leider sind bei den einzelnen Symptomen Ursache und Wirkung nicht bekannt. Man kann nur einen ungefähren Verlauf für Bankenkrisen angeben, sodass weitere Forschungsarbeit notwendig ist. Da das Hautproblem in der Verschuldung liegt, ist in diesem Punkt mehr Transparenz notwendig. Die Staaten sollten ihre Schulden an eine zentrale Behörde melden und die Wirtschaftspolitik besser aufeinander abstimmen.

    Mir hat das Buch teilweise gut gefallen. Die Daten zu den einzelnen Krisen werden jeweils in Tabellen oder Diagrammen aufbereitet (eine Historie der Zinsen fehlt leider). Jedoch muss man beachten, dass man aus den Daten keine Wirkungszusammenhänge ableiten kann. Eine sinnvolle Konjunkturtheorie wird weder angestrebt noch diskutiert. Die verstreuten Hinweise auf die Geldpolitik, der Verlauf von Aktienkursen und Immobilienpreisen während einer Krise sowie das ausführlich diskutierte “Problem der Fristenkongruenz” der Geschäftsbanken (Fragilität des Finanzsystems durch Finanzierung langfristiger Verbindlichkeiten mit kurzfristigen Einlagen) können jedoch als Bestätigung der “österreichischen” Konjunkturtheorie diesen: Krisen werden durch die Geldpolitik der staatlichen Zentralbanken ausgelöst und durch die Geschäftsbanken verstärkt. Das Buch löst also keine theoretischen Fragen, liefert aber viel historisches Material. (Hinweis: Ich habe die amerikanische Originalausgabe “This Time Is Different” gelesen.)

  4. Amadeus sagt:

    Staatspleiten, selbst verschuldetes Pech und provozierte Finanzmarkt-Pannen

    Auf Basis von Daten mehrerer Jahrhunderte (hierzu existiert ein ausführlicher - nahezu 200 Seiten langer! - Anhang am Ende des Buches sowie eine Vielzahl an Tabellen und Grafiken) haben die Autoren immer wiederkehrende Faktoren und Charakteristika von Staatspleiten herausgearbeitet. Hauptgrund für moderne Staatspleiten ist nach ihrer akribischen Analyse des empirischen Materials eine politisch legitimierte und forcierte Haltung, die erstens den Ernst der Lage falsch einschätzt und zweitens aufgrund egoistischen Kalküls ein Haushalten über die finanziellen Verhältnisse und Möglichkeiten hinaus gutheißt. “Schuldenanhäufung” und “Überschuldung” heißen die unheilvollen Stichworte, die das Ende moderner Finanzhaushalte provozieren - ihnen ließe sich nur dann wirksam gegensteuern, wenn die jeweiligen Akteure (ob Entscheidungsträger oder Investoren) zu realistischen Reaktionen und drastischen Spar-Schritten bereit wären.

    Die Kapitel dieses Buches beschäftigen sich mit unterschiedlichen Finanz-Krise-Typen (mit besonderem Augenmerk auf die “Staatsschulden-” und “Finanzkrise”) und fragen nach der Bedeutung der am BIP gemessenen Auslandsverschuldung bis in die Tage jüngsten Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Analyse Deutschlands und die Frage nach den im Text erarbeiteten institutionellen Schwächen, die nach Meinung der Autoren Schuldenkrisen zur Finanzkrise auswachsen lassen. Vielmehr geht es auch um die Schuldenkrisen anderer Staaten, wobei es den Autoren sehr einleuchtend gelingt, Zyklen, typische Prinzipien und prägnante Muster auf Grundlage von Datenmaterial der letzten 800 Jahre zusammenzustellen, die ihrer Analyse zufolge bestimmten Formen von Verschuldungstypen zugrunde liegen bzw. nationalen wie globalen Krisen vorausgehen.

    In einer nicht zu überbietenden Ausführlichkeit lassen die Autoren alle erdenklichen Krisenszenarien aus 800 Jahren Finanzgeschichte von 66 Ländern Revue passieren. Dabei widmen sie sich ihrer historischen Einordnung genauso wie dem Vergleich und der Analyse nationaler Besonderheiten. Interessant war für mich vor allem die Analyse der inzwischen viel zitierten Subprime-Krise, ihrer Gründe und der weltweit spürbaren Konsequenzen. Sehr aufschlussreich ist dabei der Versuch, aus der Fülle an Befunden und historischen Datenanalysen Möglichkeiten zu Prognosen und Krisenvoraussagen (”Krisenfrühwarnsysteme”) aufzuzeigen und zu fragen, was sich aus der Finanzgeschichte und einem Verlauf von sage und schreibe 800 Jahren für die Gegenwart und die Zukunft lernen lässt.

    Fazit: Was mit einem Boom beginnt, endet oft in einem Desaster. Dies zu erkennen und wirksam gegenzusteuern, haben die meisten Akteure im Finanzsektor bisher noch nicht gelernt. Dieses Buch ist als indirektes Plädoyer für mehr politischen Realismus zu verstehen, für die Fähigkeit, die Augen auch vor unangenehmen Realitäten nicht zu verschließen und den Mut, unpopuläre Entscheidungen zu vertreten sowie unbequeme Finanz-Regulierungs-Wege zu gehen. Die Analysen der Autoren Reinhart und Rogoff sind die beste Basis, um die unorthodoxe Meinung von der Richtigkeit sinnvollen Sparens und verantwortungsvollen Handelns sinnvoll und mit den besten Argumenten zu unterstützen.

    Dieses Buch ist sicher ein ehrgeiziges Projekt, das die eigene Zielsetzung in jeder Hinsicht erfüllt.

  5. Salome sagt:

    Staatspleiten, selbst verschuldetes Pech und provozierte Finanzmarkt-Pannen

    Auf Basis von Daten mehrerer Jahrhunderte (hierzu existiert ein ausführlicher - nahezu 200 Seiten langer! - Anhang am Ende des Buches sowie eine Vielzahl an Tabellen und Grafiken) haben die Autoren immer wiederkehrende Faktoren und Charakteristika von Staatspleiten herausgearbeitet. Hauptgrund für moderne Staatspleiten ist nach ihrer akribischen Analyse des empirischen Materials eine politisch legitimierte und forcierte Haltung, die erstens den Ernst der Lage falsch einschätzt und zweitens aufgrund egoistischen Kalküls ein Haushalten über die finanziellen Verhältnisse und Möglichkeiten hinaus gutheißt. “Schuldenanhäufung” und “Überschuldung” heißen die unheilvollen Stichworte, die das Ende moderner Finanzhaushalte provozieren - ihnen ließe sich nur dann wirksam gegensteuern, wenn die jeweiligen Akteure (ob Entscheidungsträger oder Investoren) zu realistischen Reaktionen und drastischen Spar-Schritten bereit wären.

    Die Kapitel dieses Buches beschäftigen sich mit unterschiedlichen Finanz-Krise-Typen (mit besonderem Augenmerk auf die “Staatsschulden-” und “Finanzkrise”) und fragen nach der Bedeutung der am BIP gemessenen Auslandsverschuldung bis in die Tage jüngsten Verwerfungen auf den internationalen Finanzmärkten. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Analyse Deutschlands und die Frage nach den im Text erarbeiteten institutionellen Schwächen, die nach Meinung der Autoren Schuldenkrisen zur Finanzkrise auswachsen lassen. Vielmehr geht es auch um die Schuldenkrisen anderer Staaten, wobei es den Autoren sehr einleuchtend gelingt, Zyklen, typische Prinzipien und prägnante Muster auf Grundlage von Datenmaterial der letzten 800 Jahre zusammenzustellen, die ihrer Analyse zufolge bestimmten Formen von Verschuldungstypen zugrunde liegen bzw. nationalen wie globalen Krisen vorausgehen.

    In einer nicht zu überbietenden Ausführlichkeit lassen die Autoren alle erdenklichen Krisenszenarien aus 800 Jahren Finanzgeschichte von 66 Ländern Revue passieren. Dabei widmen sie sich ihrer historischen Einordnung genauso wie dem Vergleich und der Analyse nationaler Besonderheiten. Interessant war für mich vor allem die Analyse der inzwischen viel zitierten Subprime-Krise, ihrer Gründe und der weltweit spürbaren Konsequenzen. Sehr aufschlussreich ist dabei der Versuch, aus der Fülle an Befunden und historischen Datenanalysen Möglichkeiten zu Prognosen und Krisenvoraussagen (”Krisenfrühwarnsysteme”) aufzuzeigen und zu fragen, was sich aus der Finanzgeschichte und einem Verlauf von sage und schreibe 800 Jahren für die Gegenwart und die Zukunft lernen lässt.

    Fazit: Was mit einem Boom beginnt, endet oft in einem Desaster. Dies zu erkennen und wirksam gegenzusteuern, haben die meisten Akteure im Finanzsektor bisher noch nicht gelernt. Dieses Buch ist als indirektes Plädoyer für mehr politischen Realismus zu verstehen, für die Fähigkeit, die Augen auch vor unangenehmen Realitäten nicht zu verschließen und den Mut, unpopuläre Entscheidungen zu vertreten sowie unbequeme Finanz-Regulierungs-Wege zu gehen. Die Analysen der Autoren Reinhart und Rogoff sind die beste Basis, um die unorthodoxe Meinung von der Richtigkeit sinnvollen Sparens und verantwortungsvollen Handelns sinnvoll und mit den besten Argumenten zu unterstützen.

    Dieses Buch ist sicher ein ehrgeiziges Projekt, das die eigene Zielsetzung in jeder Hinsicht erfüllt.

  6. Solvig sagt:

    Für Volkswirtschaftler geschrieben

    Das Buch beruht auf einer sehr umfangreichen Auswertung von historischen Daten. In den ersten Kapiteln werden nacheinander Auslandsschulden-, Inlandsschulden- sowie Bank- und Inflationskrisen analysiert, wobei die Darstellung länderbezogen erfolgt. Am Ende wird dann noch die derzeitige Finanzkrise behandelt.

    Man merkt dem Buch durchgängig an, dass es von Wissenschaftlern geschrieben wurde. Die Materie wird durchgängig zwar sachlich aber sehr trocken und ausschweifend dargestellt. Selbst wenn man Statistiken mag, wird man von der Detailverliebtheit der Autoren regelrecht erschlagen.

    Die zusammengefasste Bucherkenntnis beschränkt sich im Wesentlichen darauf, dass Staaten mehr ausgeben als einnehmen und entsprechende Finanzkrisen daher eher der Normalfall als die Ausnahme sind. Da Staaten aber nicht wie insolvente Unternehmen liquidiert werden können, sind sie jedoch auch nie das Ende der Welt bzw. das Ende des betroffenen Staates.

    Fazit:

    Ein potenzieller Leser sollte sich darüber bewusst sein, dass man keinen Erkenntnisgewinn in Hinblick darauf erhält, wie man als “Bürger” am besten mit einer Finanzkriese umgeht. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Zielgruppe sich auf Personen in Wissenschaft und Forschung beschränkt, welche bereits über ein volkswirtschaftliches Studium oder einen vergleichbaren Kenntnisstand verfügen.

  7. Dana sagt:

    Viel Statistik, wenig Erklärung
    Die beiden Autoren müssen sich für dieses Buch durch eine schier unendliche Menge an Zahlenmaterial gearbeitet haben. Diese Menge wurde dann soweit verdichtet und analysiert, dass man einen Überblick darüber bekommen konnte. Hauptsächlich betreiben die Autoren mit dem Material statistische Analysen verschiedener Art zum Thema Finanzkrisen.

    Dazu definieren sie zuerst die von ihnen betrachteten Typen von Krisen (Inflations-, Schulden-, Banken- und Währungskrisen), beschreiben was man darunter wirtschaftlich genau verstehen muss und vor allem an welchen Kenngrößen man diese Krisen festmachen und erkennen kann. Bei ihren Definitionen halten sie sich an das, was in ihrem Fachgebiet üblich ist. So wird z.B. eine Inflation erst ab einer Höhe von 20% als Krise angenommen, ein Wert, vor dem der “Mann auf der Straße” in Deutschland sicher erschrecken würde. Diese Krisentypen werden dann über eine Vielzahl von Fällen und alle großen Regionen der Erde betrachtet. Durch den Blick auf die komplette Welt und auf mehrere Jahrhunderte erkennt man erst, wie häufig Krisen tatsächlich schon aufgetreten sind. Und eben weil es schon so viele gab, können die Autoren auch charakteristische Verläufe herausarbeiten und diese darstellen. Gegen Ende des Buches kommt der aktuellste Teil zur Entstehung der Wirtschaftskrise seit 2007 und den möglichen Folgen. Diese Krise wird unter anderem dazu benutzt, um klar zu machen, was eine globale von einer regionalen Krise unterscheidet.

    Der Rezensent Dr. Manthey hat den Inhalt der Kapitel sehr schön ausführlich dargestellt und auch ein im wesentlichen passendes Fazit geschrieben.

    Für jeden, der sich für Wirtschaft und öffentliche Finanzen interessiert, dürfte dieses Buch sehr wertvolle Erkenntnisse liefern. Aufgrund der enormen Datenfülle, die die Autoren verwendet haben, ist es erstmals möglich, Muster und Gemeinsamkeiten zu erkennen. Erst dann wird wirklich klar, warum der Titel nur ironisch gemeint sein kann, denn natürlich ist dieses Mal nicht alles anders, sondern vieles wiederholt sich immer wieder.

    Der Schreibstil ist gewöhnungsbedürftig. Je weiter ich im Buch fortgeschritten war, desto mehr fielen mir Wiederholungen von Aussagen auf. Jedes Kapitel beginnt mit einer ausführlichen Darstellung der Zielsetzung des Kapitels und endet mit einer Zusammenfassung. Auch hier immer wieder Doppelungen, zwischen denen die einzelnen Abschnitte mit ihren eigentlichen Aussagen oft ein wenig untergehen. Den Nutzwert des Anhangs kann man auch bezweifeln, da er keine tatsächlichen Daten auflistet, sondern nur eine Aneinanderreihung der verwendeten Quellen für jede einzelne betrachtete Krise darstellt. Das hätte man wesentlich kürzer darstellen können, wodurch das Buch auch 300 Seiten dünner gewesen wäre, ohne an Aussagekraft zu verlieren.

    Meiner Ansicht nach muss man betonen, dass die Autoren eine Datensammlung und -zusammenfassung geliefert haben. Sie versuchen nicht zu erklären, warum bestimmte Entwicklungen eintreten. Sie deuten nur mögliche Abhängigkeiten an. Andere Rezensenten haben die wichtigste Aussage des Buches in der Kritik an staatlicher Verschuldung gesehen. Genauso finden sich im Buch aber auch die Aussagen, dass Krisen durch Finanzliberalisierung und mangelnde staatliche Kontrollen entstehen oder dass die größten Probleme der Krisen die langfristigen staatlichen Einnahmeausfälle sind, die eine bestehende Verschuldung über ein tragbares Maß hinaus verschlimmern. Eine eindeutige Position zu Gründen von Wirtschaftskrisen konnte ich diesem Buch nicht entnehmen.

    Der Fokus des Buches liegt so deutlich auf der Analyse wirtschaftlicher Kennzahlen, dass durch das ganze Buch hinweg die Verbindung mit politischen und gesellschaftlichen Ereignissen sehr schwach bleibt. Das sollte jedoch dringend mit den Erkenntnissen geschehen, denn da es um größere Wirtschaftsbereiche und Staatsfinanzen geht, spielen politische Entscheidungen hier immer eine Rolle. Die Auswirkungen der beiden Weltkriege, des kalten Krieges und des Zusammenbruchs der Sowjetunion könnten sicher einige der hier beschriebenen Krisenereignisse erklären. Im Buch wird z.B. die wirtschaftliche Situation Japans 1945 als Krise beschrieben, ohne auf den gerade verlorenen Krieg einzugehen.

    Als Schluss muss ich nur noch etwas zu den im Untertitel erwähnten 800 Jahren sagen. Die habe ich persönlich nur in den absoluten Ausnahmen gefunden, wo die Betrachtungen bis ca. 1300 zurück gehen. In seltenen Fällen beschäftigt sich das Buch mit Ereignissen ab 1500, der Schwerpunkt liegt eindeutig auf der Zeit ab 1750/1800. Damit beschränken sich die Aussagen der Autoren auf die Zeit, in der unser heutiges Wirtschaftssystem bereits sehr weit entwickelt war.

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